SEPA in der Kritik

Feature | 20. August 2013 von Katharina Leonhardt 0

Peter Erbes vom SAP-Partner Ageto. (Foto Ageto)

SAP.info: Herr Erbes, welche Veränderungen ergeben sich mit der SEPA-Einführung für den Online-Handel aus Sicht der Händler und des Kunden?

Peter Erbes: Die neuen SEPA-Regeln bringen erhebliche Mehraufwendungen bei der Vorbereitung und Durchführung der Zahlungstransaktionen – sowohl bei Lastschriften im B2C-Bereich, insbesondere aber im B2B-Sektor, wo eine Warenlieferung an Vorauskasse oder aber Sofort-Abbuchung bei Lieferung gekoppelt ist.. Nehmen Sie den Austausch der “Mandate” – bislang “Einzugsermächtigungen” – mit Signatur-Erfordernis und die sogenannte “Prenotification” – eine Voranzeige einer Lastschrift.  Bisher hatte der Kunde einen geringen Verwaltungsaufwand und die Lieferanten bekamen sofort und sicher ihr Geld. Das sehr vorteilhafte Zahlungsverfahren wird zum Beispiel durch Zahlungen via Kreditkarten (z.B. Mastercard) oder/und spezialisierte Dienstleister wie PayPal oder Click&buy ersetzt. Die damit verbundenen Kosten können dann allerdings die  Margen auf Seite der Lieferanten reduzieren beziehungsweise zu höheren Preisen für den Endverbraucher führen.

Stichwort SEPA-Lastschriftverfahren. Welche neuen Anforderungen ergeben sich daraus für bislang genutzte Warenwirtschaftssysteme?

Erbes: Schon in etablierten Standardsystemen wie etwa SAP, deren Anbieter mit speziellen Support packages zumindest den Einbau des verfahrenstechnischen Teils von SEPA in die Software vereinfachen, entstehen erhebliche Aufwendungen. Ich denke da an die Verwaltung der Lastschriftmandate, die SEPA-gerechte Prenotification sowie die Sicherstellung der unterschiedlichen Einreichungs- und Vorlagefristen. Die Nutzer von Individuallösungen stehen hier natürlich vor einer noch viel größeren Herausforderung. Sie sind gezwungen, die notwendigen Routinen ihres Lastschriftverfahrens in ihrer Software auszuprägen. Häufig wird hier nur der Aspekt der Übertragung der Zahlungsdaten an die Bank betrachtet. Der Prozess mit den zu verwaltenden Daten beginnt aber viel früher: Bei der Entscheidung des Unternehmens, SEPA-Lastschriften nutzen zu wollen und dies in AGBs, Verträgen und Geschäftspapieren zu verankern.

Lesen Sie auf der nächsten Seite: Müssen Online-Händler und Unternehmen langsam Angst vor einem Bearbeitungsstau bekommen?

Mit welchem zeitlichen und finanziellen Rahmen muss ein Onlinehändler rechnen?

Erbes: Hier kann man keine seriösen Zahlen nennen. Das ist zu sehr vom Geschäftszweig, der Unternehmensgröße und -organisation, dem Anteil des Auslandsgeschäftes usw. abhängig. Seit 2001 wurden die SEPA-Regularien von politischen Gremien und Zentralbanken abgestimmt. Seit 2008 sind SEPA-Überweisungen und seit 2009 SEPA-Lastschriften möglich, mit denen erstmals grenzüberschreitende Euro-Lastschriften möglich wurden. Seit dieser Zeit bieten Banken, Wirtschaftsprüfer und auch Anbieter von Standard-Software auf allen möglichen Wegen Informationen und Unterstützung zur SEPA-Umstellung und zur Realisierung deutlicher Kostenvorteile an. Erst mit der Festlegung des verbindlichen SEPA-Einführungstermins zum 1. Februar 2014 ist eine Bewegung zum Start von Umstellungsprojekten in die Unternehmenslandschaft gekommen. Es gibt mittlerweile veröffentlichte Einschätzungen, dass z.B. bei der Deutschen Telekom der Aufwand für die Umstellung auf SEPA die zu erwartenden Kostenvorteile deutlich übersteigt. Wie belastbar und auf andere Unternehmen übertragbar das ist, bleibt ein großes Fragezeichen. Wir haben selbst schon Projekte am Start, bei denen wir trotz umfangreicher Mitarbeit des Kunden mit mindestens 30 SAP-Beratertagen kalkulieren mussten.

Bislang sind nach Angaben der Deutschen Bundesbank rund 400.000 Gläubiger-Identifikationsnummern vergeben wurden. Das sind gerade mal 10 Prozent. Müssen Online-Händler und Unternehmen langsam Angst vor einem Bearbeitungsstau bekommen?

Erbes: Bislang konnte die Bundesbank Anfragen innerhalb von ein bis zwei Tagen abarbeiten. Wir sollten davon ausgehen, dass man sich auf den zu erwartenden “Nachfrageschub” einstellt. Dort hat man in den letzten 20 Jahren die Umstellung von DDR-Mark auf D-Mark, das Jahr 2000-Problem und die Umstellung auf den Euro routiniert gemeistert. Wir sollten auch jetzt Vertrauen haben. Wenn dann etwas längere Wartezeiten auftreten sollten, dürften die kaum zeitkritisch im Rahmen des SEPA-Projektes werden, da sehen wir ganz andere Faktoren. Zum einen interne, wie etwa die Anzahl der Geschäftspartner, bei denen tatsächlich neue Mandate einzuholen sind. Auf der anderen Seite z.B. die Qualität der aktuell verfügbaren Softwarelösungen, da auch Standardanbieter erhebliche technische Probleme bei der Realisierung der Mandatsverwaltung oder der Prenotification haben.

Lesen Sie auf der nächsten Seite: Wie schnell müssen Online-Händler auf SEPA umgestellt haben?

Mit welchen Konsequenzen müssen Unternehmen und Online-Händler rechnen, die bis 1. Februar 2014 nicht umgestellt haben?

Erbes: Rechtslage ist, dass Kreditinstitute ab 1. Februar 2014 Zahlungen in Euro innerhalb der 32 SEPA-Teilnehmer-Staaten ausschließlich nach den SEPA-Regeln, unter Nutzung der IBAN und BIC sowie Datenübertragung in XML durchführen dürfen. Ausschließlich für Privatkunden dürfen noch bis 2016 Ausnahmen gemacht und alternative Verfahren angeboten werden. “Im Vertrauen” heißt es bei Gesprächen mit den SEPA-Experten der Geschäftsbanken: “Sie glauben doch nicht, dass wir am 1.2.2014 den Zahlungsverkehr einstellen :-).” Dem stimme ich aus praktischer Erfahrung zu. Spannend wird nur die Frage, wer das Ganze am Ende bezahlt. Wir empfehlen, sofort mit den Arbeiten zur SEPA-Umstellung zu beginnen. Wie weit der Weg zum Ziel ist, stellt man erst fest, wenn die eigene Situation, SEPA-Ziele und Software analysiert sind.

Weitere Informationen zu SEPA bekommen Sie auch über ein Videos der Deutschen SAP-Anwendergruppe DSAG:

 

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