Mobiltechnologie für Benachteiligte

Feature | 13. Dezember 2013 von Stephan Magura 0

Foto: SAP

Foto: SAP

Sydney Majoko lebt im südafrikanischen Township Tembisa bei Johannesburg. Er ist einer von 512.000 Einwohnern. Inoffizielle Schätzungen gehen von einer Million Menschen aus, die die Wohnsiedlung bevölkern. So genau weiß das keiner. Sydney gehört in Tembisa zum Inventar. Schon sein Vater hat den kleinen Tante-Emma-Laden betrieben, in dem die Nachbarschaft gerne einkauft und den neuesten Tratsch austauscht. Man kennt die Familie. Sydney wird geachtet, man sucht seinen Rat. Leute wie er halten den Laden Südafrika zusammen. „Hier gehöre ich hin“, sagt Sydney stolz.

Seit einiger Zeit hat sein „Spaza-Shop“ noch mehr zu bieten. Dort hat die Standard Bank einen von rund 57 so genannten AccessPoints in und um Tembisa eingerichtet, an denen Kunden der Standard Bank einfache Finanzgeschäfte erledigen können – wie Bargeld einzahlen und abheben, Geld überweisen oder auch PrePaid-Minuten für das Handy oder Strom für die Behausung kaufen.  Das erleichtert das Leben enorm. Für viele Südafrikaner ist die nächste Bankfiliale 40 bis 50 Kilometer von ihrer Unterkunft entfernt.

Banking App für das Mobilgerät

Landesweit wurden bis heute zirka 7.000 solcher AccessPoints eröffnet. Die Eröffnung eines Kontos ist denkbar einfach und in weniger als zehn Minuten erledigt. Der künftige Kunde benötigt nur seinen Ausweis. So genannte AccessAgents richten das Kundenkonto vor Ort mittels einer Banking-App auf ihrem Mobilgerät ein. Der Neukunde bekommt unmittelbar danach eine blaue Kreditkarte mit persönlicher PIN-Nummer ausgehändigt, aktiviert die Karte und kann anschließend den nächstgelegenen AccessPoint nutzen, der mit einem entsprechenden Kartenlesegerät ausgestattet ist. Auch der Einsatz an Geldautomaten der Standard Bank ist sofort möglich.

Lesen Sie auf der nächsten Seite: Gemeinschaften fördern

Auf diese Weise eröffnen nach Aussage der Bank pro Monat zirka 60.000 neue Kunden ein Konto. Zudem konnte die Standard Bank im April dieses Jahres rund 3,5 Millionen Altkunden auf die neue Banking-Plattform bringen. „Der Besitz dieser Karte gilt mittlerweile als Statussymbol. Jeder will sie haben“, berichtet Audrey Mothupi, die den Geschäftsbereich „Inclusive Banking“ bei der Standard Bank leitet. Neben diesem Image-Gewinn haben die Kunden aber auch handfeste Vorteile. Anstatt Geld für ein Sammeltaxi zur nächsten Bank oder zum nächsten Geldautomaten auszugeben, können sie den gesparten Fahrpreis gleich auf ihr Konto überweisen. Oft komme auch der Friseur um die Ecke vorbei, um einen Teil seiner morgendlichen Einnahmen einzuzahlen, so Sydney.

Die AccessPoints sind aber nur ein Baustein des AccessBanking-Konzepts für Südafrika. Sobald das Kundenkonto aktiviert ist, lassen sich bestimmte Geschäfte auch per Handy erledigen – zum Beispiel, Geld auf das Konto von Vater oder Schwester überweisen, sofern diese ebenfalls Standard-Bank-Kunden sind. Oder man kann einem Freund Geld schicken. Dazu muss der Kumpel kein Standard-Bank-Kunde sein. Allerdings muss er die Summe an einem AccessPoint oder an einem Geldautomaten der Standard Bank abholen. Das Geldinstitut nennt diesen mobilen Service AccessConnect. Nach ihren Angaben werden monatlich rund 2,3 Millionen solcher Handy-Transaktionen mit einem Wert von über 40 Millionen Euro getätigt.

Mobile Banking: Bisher unzureichend bedienbar

Für die Standard Bank bedeutet dieser Schritt zum Mobile Banking aber nicht nur neue Kunden in einem Segment, das man bislang nur unzureichend bedienen konnte. Jüngsten Studien zufolge haben 33 Prozent der Erwachsenen in Südafrika – das entspricht etwa 12 Millionen Menschen – keinen Zugang zu Finanzdienstleistungen.

Lesen Sie auf der nächsten Seite: Das Netzwerk erweitern

Laut Mothupi wolle man damit auch neue Netzwerke aufbauen und nachhaltig fördern. Zirka 22 Millionen Südafrikaner verdienten weniger als 3.000 Rand – das sind rund 270 Euro – pro Monat. Je mehr solcher „Ökosysteme“ aufgebaut würden, desto mehr profitiere das ganze Land davon. Mothupi: „Es bietet sich an, diese Form der Unterstützung mit Hilfe moderner Mobiltechnologie zu realisieren. Denn statistisch gesehen verfügen 83 Prozent der südafrikanischen Bevölkerung über ein Mobiltelefon.“ Deshalb will die Bank ihr AccessBanking-System weiter ausbauen. Dazu sollen mehr lokale AccessAgents beschäftigt werden. Aktuell sind etwa 1.000 dieser Bankverkäufer vor Ort unterwegs. Sie kennen ihre Klientel und können ihre potenziellen Neukunden in ihrer Sprache – in Südafrika werden mehrere Landessprachen gesprochen – bedienen. Das schafft Vertrauen.

Nesta Poopedi ist ein AccessAgent. Sie empfindet es als Privileg, einen Job zu haben. Nicht viele junge Südafrikaner in ihrem Alter haben dieses Glück. Von Montag bis Samstag ist sie an verschiedenen Standorten in Tembisa präsent, um Konten einzurichten und Kunden zu unterstützen. Für jeden neuen Kunden und für jede Freischaltung eines neuen Kontos, die sie veranlasst, bekommt Nesta eine Prämie. „Ich mag meine Arbeit. Die Leute sind zufrieden, wenn ich ihnen helfen konnte. Das ist doch prima“, sagt Nesta. Im Schnitt komme sie auf acht neue Konten täglich, meint die 27-Jährige, die eifrig an ihrer Bankkarriere bastelt: „Ich will auf jeden Fall weiterkommen.

Südafrika: Mobilfunktechnologie unterstützt Bevölkerung

Und Sydney? Dem kommt AccessBanking durchaus gelegen, da er weniger Bargeld vorhalten muss. „Das erhöht die Sicherheit.“

Lesen Sie auf der nächsten Seite: Die Vorteile für Sydney

Seit sein Laden auch als AccessPoint dient, hat er noch mehr Zulauf. Manche Services kosten eine kleine Gebühr, andere sind umsonst. Sydney partizipiert an diesem Modell. Je mehr Umsatz er mit den Bankgeschäften generiert, desto mehr Geld hat er letztlich in der Tasche. Je nach Intensität können Ladenbesitzer auf diese Weise mehre Hundert Euro pro Monat zusätzlich einnehmen. Und die Kunden, die ihre Bargeschäfte im Shop erledigen, gehen selten nach Hause, ohne dort auch gleich einzukaufen. Sydney führt sämtliche Artikel, die man zum Leben braucht. Hinter Gitterstäben, in Reichweite des Kartenlesegeräts, liegen verschiedene Fleischsorten auf einem Holzbrett. Weiter hinten im Bauch des Ladens warten Flaschen, Dosen, Päckchen, Tüten, Tuben sowie kleine und große Säcke auf Konsumenten. Für die Mittagszeit ist Sydneys Spaza-Shop gut gefüllt.

Die Standard Bank hat Sydney nun mit Makro, einer großen südafrikanischen Supermarktkette,  zusammengebracht. Gemeinsam wird in einem Pilotprojekt erprobt, wie sich der Nachschub für Sydneys Laden auf Basis von Mobiltechnologie effizienter organisieren lässt. Anstatt spätabends zum Großhändler zu fahren, konfiguriert Sydney seinen benötigten Warenkorb in einer mobilen App und übermittelt den Bedarf via Handy. Das spart beiden Seiten Zeit und Aufwand – was Makro mit günstigeren Einkaufspreisen honoriert.

Mit Technologie Defizite in der Infrastruktur ausgleichen

Neue technologische Möglichkeiten helfen einem Kontinent wie Afrika, infrastrukturelle Defizite auszugleichen. Wer wie Sydney drahtlos bestellt, braucht keine Telefonkabel in der Erde. Ganz ohne herkömmliche Logistik kommt aber auch Sydney nicht aus: Die bestellten Waren kommen immer noch per Lastwagen.

Dieser Artikel wurde zuerst auf SAP Milestones veröffentlicht.

Tags: ,

Leave a Reply