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Sieben Fragen an Bill McDermott zur Digitalisierung

4. Dezember 2015 von SAP News 0

Bill McDermott beschreibt im Interview, wie SAP den digitalen Wandel vorantreibt und welche Strategien Unternehmen verfolgen sollten.

1. Wie würden Sie den Begriff „digitale Chance“ beschreiben?

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SAP CEO Bill McDermott erläutert Chancen und Herausforderungen der digitalen Transformation.

Hierfür kursieren viele Namen und Beschreibungen. Manche reden von „Industrie 4.0“, andere sprechen von der nächsten industriellen Revolution. Doch wenn man diese Schlagwörter einmal bei Seite lässt, beruht die digitale Wirtschaft letztlich auf fünf technologischen Entwicklungen, die alle ineinandergreifen: Hyperkonnektivität, Supercomputing, Cloud-Computing, Cybersicherheit und eine Welt der „Dinge“, zu denen beispielsweise Sensoren, künstliche Intelligenz, Roboter und 3D-Drucker gehören.

Für Unternehmen bietet sich in diesem neuen Zeitalter die beispiellose Möglichkeit, sich zum Echtzeitunternehmen weiterzuentwickeln. Vom Kundenerlebnis über die Mitarbeiter bis hin zur Lieferkette ist ein solches Echtzeitunternehmen in der Lage, nicht nur historische Daten auszuwerten, sondern auch zukünftige Entwicklungen vorherzusagen. Dadurch entstehen völlig flexible Geschäftsprozesse, und jedes Produkt und jede Dienstleistung lässt sich an die Bedürfnisse jedes einzelnen Verbrauchers anpassen. Alle Mitarbeiter und Ressourcen sind dann mit einem intelligenten und vollständig digitalen Kernsystem vernetzt, das Prognosen erstellen, Simulationen durchführen und dynamisch neue Geschäftsmöglichkeiten aufdecken kann.

Besonders spannend ist jedoch, dass wir auf dieser Grundlage völlig neue Geschäftsmodelle entwickeln können. Ich betone es auch im Gespräch mit Führungskräften immer wieder: Wenn wir unseren Schwerpunkt auf ein bestimmtes Ziel setzen, so zieht dies Kreise und schafft damit Wachstum. Wenn ein Unternehmen also auch die Kunden seiner Kunden im Blick hat, eröffnen sich daraus unzählige neue Möglichkeiten.

 2. Wie treibt SAP den digitalen Wandel voran?

Wenn ich an das Jahr 2010 zurückdenke, so war SAP damals der weltweit führende Anbieter von Unternehmenssoftware und Analyselösungen. Unser Geschäftsmodell war sehr erfolgreich, keine Frage. Allerdings war uns schon zu diesem Zeitpunkt klar, dass sich die Geschäftswelt verändern wird und wir unsere Kunden auf ihrem Weg in diese neue Welt unterstützen müssen. Wir haben deshalb selbst eine neue Richtung eingeschlagen und uns das mutige Ziel gesetzt, weltweit die Abläufe in Unternehmen und damit das Leben von Menschen zu verbessern. Unsere neue Strategie lautete, ein führendes Cloud-Unternehmen zu werden – was wir gemessen an den Nutzerzahlen heute auch sind – und völlig neue Möglichkeiten zu schaffen, wie Unternehmen die riesigen Datenmengen in ihren Datenbanken aus den 1980er Jahren verwalten und nutzen können. Hierzu haben wir vor allem auf unsere In-Memory-Plattform SAP HANA gesetzt, mit der sich die IT-Landschaft radikal vereinfachen lässt und die Kunden von einer enormen Verarbeitungsgeschwindigkeit profitieren.

Heute bieten wir mit SAP S/4HANA die leistungsfähigste Anwendungssuite aller Zeiten zur Unterstützung der Abläufe in der digitalen Wirtschaft. Diese Suite bildet den digitalen Kern, der den Kunden anhand des Zugriffs auf Echtzeitinformationen, schneller Analysen und höchster Sicherheit die Entwicklung neuer, digitaler Geschäftsmodelle ermöglicht. Für mich ist SAP S/4HANA das System des 21. Jahrhunderts, mit dem unterschiedlichste Branchen ihre Innovationen vorantreiben können. Darüber hinaus bietet die SAP HANA Cloud Platform Unternehmen und Entwicklern die Möglichkeit, völlig neuartige, integrierte Unternehmensanwendungen zu entwickeln.

Und schließlich sind wir auch der einzige Technologieanbieter, der das Konzept der Geschäftsnetzwerke konsequent verfolgt. Diese Netzwerke ermöglichen den Zugang zu den weltweiten Verbrauchern, sodass sich SAP zu einem echten Consumer-to-Business-Unternehmen weiterentwickeln und über das Netzwerk mit völlig neuen Teilnehmern interagieren kann. Man muss sich nur vor Augen halten, wie sehr soziale Netzwerke unseren Alltag verändert haben. Dieses Konzept übertragen wir nun auf die Art und Weise, wie Unternehmen gemeinsam Geschäfte abwickeln, beispielsweise bei der Lieferung indirekter Materialien oder bei Dienstleistungen im Zusammenhang mit Reisen. Selbst Mitarbeiter für zeitlich befristete Projekte werden inzwischen über die Geschäftsnetzwerke von SAP rekrutiert. Allein die Zahlen sprechen für sich: Über das Geschäftsnetzwerk der SAP werden bereits heute Geschäfte im Wert von fast einer Billion US-Dollar abgewickelt. Und das ist nur ein Bruchteil des damit verbundenen Marktpotenzials. Ich denke dabei an Unternehmen wie eBay, Uber, Airbnb und zahllose andere – sie sind die Partner der nächsten Generation, die dieses enorme Potenzial gemeinsam mit der SAP erschließen werden.

Für all diese Innovationen haben wir zudem eine attraktive Benutzeroberfläche geschaffen. Dies ist etwas, was man bislang eher weniger mit der SAP assoziiert hat. Wir lassen uns jedoch heute mehr denn je davon leiten, was die Endanwender brauchen. Das erklärt vielleicht auch, warum wir immer wieder mit internationalen Design-Preisen ausgezeichnet werden. Die Oberfläche unserer Lösungen und Anwendungen muss ansprechend sein, sich einfach bedienen lassen und die täglichen Aufgaben bei der Arbeit erleichtern.

3. Wie gehen Sie mit der Kritik um, der digitale Wandel könnte daran scheitern, dass die enormen Datenmengen gar nicht verarbeitet werden können?

Hätte Hasso Plattner SAP HANA nicht erfunden, wären die Bedenken hinsichtlich der unglaublich großen Datenmengen vermutlich gerechtfertigt. Doch Hasso Plattner war klar, dass dies die zentrale Herausforderung des neuen Zeitalters werden würde. Deshalb entwickelte er eine Lösung, die Transaktionen und Analysen auf einer einzigen Plattform miteinander verbindet. Das Leistungsvermögen von SAP HANA waren ein entscheidender Schritt nach vorn und haben Dinge wie ein personalisiertes Kundenerlebnis und digital vernetzte Ressourcen Wirklichkeit werden lassen. Schon damals war offensichtlich, dass Daten auch in der digitalen Wirtschaft das wichtigste Gut eines Unternehmens sein würden. In vielerlei Hinsicht sind die Daten selbst das neue Geschäftsmodell unserer Zeit. Man muss nur an die Unmengen von Daten denken, die Unternehmen in den letzten zehn Jahren gesammelt haben und die buchstäblich in den Tiefen ihrer Datenbanken schlummerten! Erfolgreiche Unternehmen suchen heute unablässig nach Möglichkeiten, wie sie diese Datenschätze nutzen können, um neue, attraktive Produkte und Dienstleistungen für die Verbraucher zu entwickeln. Was die Kritik betrifft, so lautet meine Antwort also: „Ja, wer weiter auf die Technologie des 20. Jahrhunderts setzt, wird die Chancen des digitalen Wandels nicht nutzen können.“ Unternehmen, die das Potenzial neuer Technologien ausschöpfen, profitieren hingegen von grenzenlosen Wachstumsmöglichkeiten.

4. Was raten Sie Unternehmen, die Ihre Strategien an die Erfordernisse der digitalen Wirtschaft anpassen und so die Chancen der digitalen Geschäftswelt nutzen möchten?

Einer der innovativsten Köpfe unserer heutigen Geschäftswelt ist Kevin Plank, Gründer, Vorstandsvorsitzender und Geschäftsführer des Sportbekleidungsherstellers Under Armour. Seinen Mitarbeitern gibt er immer denselben Ratschlag mit auf den Weg: Denkt daran, Trikots und Schuhe zu verkaufen. Kevin Plank weiß, dass sein Unternehmen genau damit Umsatz erwirtschaftet und das Versprechen hält, mit dem es ursprünglich angetreten ist: innovative Sportbekleidung anzubieten. Für ihn geht es in der digitalen Wirtschaft nicht darum, das ursprüngliche Versprechen durch ein neues zu ersetzen, sondern darum, auf diesem Versprechen aufzubauen und neue Produkte und Dienstleistungen anzubieten, mit denen das Kerngeschäft noch erfolgreicher wird. Für einen Hersteller von Sportbekleidung bedeutet dies, seine Zielgruppen und deren Vorlieben genau zu kennen und zu wissen, welche Innovationen den Verbrauchern mehr Leistung im Sport ermöglichen. Kevin Plank und sein Team haben nun die Möglichkeit, das Kerngeschäft zu erweitern und zugleich völlig neue Geschäftsmodelle zu entwickeln. Die Steuerung sämtlicher Geschäftsprozesse über die SAP-HANA-Plattform ermöglicht es, jeden einzelnen Verbraucher von seinen Beiträgen in sozialen Netzwerken bis zum Einkauf im Laden zu verfolgen und mit ihm zu interagieren – auf allen Kanälen, in allen Communitys und über alle Geräte. Da auch Sportbekleidung mittlerweile mit intelligenten Funktionen und Sensoren ausgestattet ist, die Informationen zum Biorhythmus und zur Leistung des Sportlers sammeln, wird der Hersteller zum Gesundheits- und Technologiedienstleister und kann potenziell auf das 20-Fache seiner ursprünglichen Größe anwachsen.

Mein Rat für Führungskräfte ist somit ganz einfach: Wir müssen zwei Dinge gleichzeitig tun: Das Kerngeschäft stärken und gleichzeitig völlig neue Geschäftsmodelle entwickeln. Dadurch sind wir in der Lage, die Zukunft zu simulieren, vorherzusagen und zu gestalten, anstatt unsere wertvolle Zeit ausschließlich der Analyse der Vergangenheit zu widmen. Wir müssen offen sein für neue Partnerschaften, die uns helfen, neue Produkte und Dienstleistungen auf den Markt zu bringen. Einige dieser Produkte und Dienstleistungen werden von Grund auf digitaler Natur sein. Vor allem aber müssen Unternehmen eine klare Vision und Strategie im Hinblick darauf verfolgen, mit welchem Angebot sie sich positionieren und was sie erreichen möchten. Man verzeiht Führungskräften vieles, nicht jedoch, wenn sie keine Vision und Strategie haben.

5. In welcher Branche wird sich Ihrer Ansicht nach in den kommenden Jahren der nächste große Wandel vollziehen?

Ich glaube, dass es im Gesundheitswesen – wo weltweit 10 Prozent oder mehr des Bruttosozialprodukts erwirtschaftet werden – sehr große Veränderungen geben wird. Lange Zeit waren im Gesundheitswesen die Patienten diejenigen, die am wenigsten Macht hatten. Hier gibt es einen riesigen Markt mit enormem Potenzial. Medizinische Forschung, elektronische Patientenakten, die Entschlüsselung des menschlichen Genoms und personalisierte Medizin – dies alles auf einer digitalen In-Memory-Plattform für das Gesundheitswesen zusammenzuführen, ist eine gewaltige Aufgabe. Ich sehe SAP HANA als Grundlage für personalisierte Medizin, da die Anwendungssuite die beispiellose Möglichkeit bietet, all diese Szenarien zu steuern – ob Genomprojekt, klinische Studien oder Patienteninformationen. Es gibt hier keinen kurzfristigen Business Case, sondern man muss langfristig denken. Nichtsdestotrotz müssen wir die Innovation in diesem Markt nicht nur aus kommerziellen Gründen vorantreiben, sondern vor allem auch aus Achtung vor der Arbeit von Ersthelfern, Pflegekräften, Ärzten, Chirurgen und letztlich auch aus Respekt vor den Patienten. Der Faktor Mensch hält im Gesundheitswesen alles zusammen. Deshalb ist es an der Zeit, dass die Menschen, die dort arbeiten, Unterstützung durch Führungskräfte und Technologien erhalten. Hier liegt ein enormes Verbesserungspotenzial. Ich weiß dies aus eigener Erfahrung.

6. Welche Rolle spielt die Führungskompetenz bei einem solchen Wandel?

Die Qualität einer Führungskraft bemisst sich nicht daran, was wir nehmen, sondern was wir geben. Man muss demütig bleiben und darf den Hunger nach mehr nie verlieren. Genau dieser Hunger spornt den Unterlegenen an, die Dinge niemals als selbstverständlich zu betrachten. Demut wiederum bedeutet zu wissen, dass es letztlich immer um die Menschen um uns herum geht. Auf diese Weise können gemeinsame Ziele und Werte formuliert sowie eine gemeinsame Kultur geschaffen werden, die auf gegenseitigem Vertrauen basiert. Vor allem aber geht es darum, zu Versprechen zu stehen und sie zu halten. Als Führungskraft muss man konsequent handeln, diesem Maßstab an uns selbst gilt es stets gerecht zu werden. Nie zuvor war es so wichtig, dass Führungskräfte auch Vorbilder sind. Unternehmen müssen selbst davon überzeugt sein, den Wandel voranzutreiben und bessere Innovationen zu ermöglichen. Für mich gibt es in der Geschäftswelt kaum einen schädlicheren Satz als „das haben wir schon immer so gemacht“. Führungskräfte dürfen diese Selbstgefälligkeit nicht hinnehmen, sondern müssen ein Umfeld schaffen, in dem sich alle Mitarbeiter des Unternehmens einem höheren Ziel verpflichtet fühlen. Wir bei SAP haben uns das Ziel gesetzt, die Abläufe für Unternehmen weltweit und damit auch das Leben der Menschen zu verbessern. Wer als Führungskraft keine mutige Vision nach außen trägt, kann auch nicht auf die Unterstützung seiner Mitarbeiter zählen.

7. In Ihrer Autobiographie „Mein Weg zu SAP“ beschreiben Sie, wie Sie den amerikanischen Traum verwirklicht haben und welche Schwierigkeiten und Herausforderungen Sie in Ihrem Leben meistern mussten. Was ist Ihr Wunsch für das nächste Kapitel Ihres Lebens?

Mein größter Wunsch war es stets, ein guter Ehemann, Vater, Bruder und Freund zu sein – und das wird auch mein Wunsch bleiben. Darüber hinaus bin ich jeden Tag froh darüber, das tun zu können, was ich tun möchte, und dabei von Menschen umgeben zu sein, an die ich fest glaube. Alles, was ich in meinem Leben erreicht habe, beruht auf dem Wunsch, mein Ziel zu erreichen. Ich habe gelernt, dass der Weg das Ziel ist: man muss versuchen, sich selbst treu zu bleiben und authentisch zu sein.

Es geht nicht nur darum, was man in seinem Leben gemacht hat, sondern vielmehr darum, was man nicht gemacht hat. Wir leben in einer unglaublich spannenden Zeit. Unsere ehrgeizigen Ziele passen perfekt zu jenen Unternehmen, die unsere Zukunft prägen werden. Wir müssen bereit sein, einige der größten Herausforderungen der heutigen Welt zu meistern. Denn sie sind es, die zugleich auch die größten Chancen eröffnen.

Das Interview wurde ursprünglich bei Digital Relevant veröffentlicht.

 

Foto: Shutterstock, SAP

 

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1 comment

  1. Peter Maier

    A very authentic interview with Bill which is addressing exactly the right questions related to digital.

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