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Siemens Industry: 3 Gründe für das erste “Big Thing”

16. November 2015 von Andreas Schmitz 0

In der Serviceorganisation von Siemens Industry beschäftigen sich mehrere hundert Mitarbeiter mit der Entwicklung von Ideen und neuen Geschäftsmodellen für das Servicegeschäft. Das erste „Big Thing“: die Plattform Siemens Cloud for Industry auf SAP HANA-Basis.

Walking Skeleton: So nennt Peter Weckesser jene Produkte, die noch nicht ganz fertig, aber bereits tragfähig genug sind, um das Prinzip einer grundsätzlich neuen Idee zu demonstrieren – wie ein Skelett, das bereits laufen kann, dem aber noch Leben eingehaucht werden muss. Das besondere Augenmerk des CEOs des Servicegeschäfts bei Siemens Industry liegt auf neuen Geschäftsmodellen, Märkten und Kundengruppen. „Denn hier“, ist sich der Physiker und promovierte Informatiker sicher, „liegt das Wachstum der Zukunft.“ Die digitale Transformation erfordert diesen neuen Fokus.

1. Das Lean-Start-up-Modell einsetzen

Mehrere hundert Mitarbeiter sind aktuell im Bereich der so genannten technologiebasierten Services beschäftigt, auch „Value-Add-Services“ genannt. „Es geht hier auch um eine andere Einstellung zum Thema Risiko“, erläutert Weckesser, der ganz bewusst die Möglichkeit des Scheiterns von neuen Ideen in Kauf nimmt. Das Motto: Lieber schnell an den Scheideweg kommen und ein Projekt wieder beenden, als ein Thema fünf Jahre lang zu finanzieren und zuletzt festzustellen, dass es nicht das richtige für den Markt ist. Die „Risikoaffinen“ sind im etwa 10.000 Mitarbeiter starken Servicebereich von Siemens Industrie personell gesehen jedoch derzeit noch klar die Minderheit. Das hat seinen Grund: Im über Jahrzehnte aufgebauten Bestandsgeschäft laufen Verträge teilweise über zehn, manchmal sogar über bis zu 30 Jahre. Damit sichert Siemens seinen Industriekunden zu, auch in zehn Jahren oder manchmal gar bis zu 30 Jahren noch Ersatzteile für Kraftwerke, Autofertiger oder Pumpstationen liefern zu können, deren Technologie sich naturgemäß nicht in einer derartigen Geschwindigkeit erneuert wie etwa digitale Services.

Entwickler, Produktmanager, Vertriebler: Aus diversen Disziplinen kommen die Mitarbeiter, die seit vier Jahren bei Siemens in einer wie ein Startup geführten Geschäftseinheit zusammenarbeiten. Dazu gehören einerseits Experten von Geschäftsseite, die sich mit der Integration und den Schnittstellen der Produkte auskennen und über Jahre gepflegte Kontakte zum Kunden haben. Hinzu kommen neue Mitarbeiter, die die Möglichkeiten der neuen Technologien einschätzen und berücksichtigen können. Der gewöhnlich oft jahrelange Zyklus der Produktentwicklung vom Anforderungskatalog über die Entwicklung bis hin zur Produktion wird nun extrem abgekürzt. Ein gelebtes „Lean-Startup-Modell“ nennt das CEO Weckesser, der nun „sehr schnell“ mit einem „Minimal Viable Offering“ zum Kunden geht, um zügig Feedback zu erhalten und dieses Kundenfeedback im nächsten Schritt in das Produkt integriert. Die neue Fähigkeit liegt darin, zu erkennen, welche Funktionalitäten für den Markteintritt unbedingt nötig sind – und welche nicht: „Im Verzichten liegt die Kunst“, so Weckesser.

2. Servicemodelle entwickeln

Dadurch ändert sich auch die Beziehung zu den Kunden des Konzerns. Eins ist für Weckesser klar: Services werden in der Zukunft eine größere Bedeutung bekommen. Es ist nur die Frage, in welchem Maße Kunden neue Services annehmen und wie weitreichend sie sich letztlich in ihren Produkten wiederfinden. Einerseits können etwa Technologieplattformen helfen, Probleme an Abfüllstationen oder Kompressoren aus der Ferne (remote) zu erkennen und zu lösen. Sie können allerdings auch Leistungen der Maschinen messen, also etwa deren Energieverbrauch, deren Ausfallzeiten oder die Anzahl abgefüllter Flaschen. Letzten Endes allerdings, da ist sich Manager Weckesser sicher, wird es darauf hinauslaufen, „dass zukünftig nicht mehr nur das Produktionsasset im Mittelpunkt steht, sondern viel mehr der Output dieser Assets“. In der Praxis bedeutet das, dass Kunden, die Produktionsanlagen betreiben, künftig bei der Entscheidung für eine Maschine einen wesentlich größeren Fokus auf „Total Cost of Ownership“ legen werden. Neue Technologien und Geschäftsmodelle werden es Maschinenherstellern immer mehr ermöglichen, den Output ihrer Maschinen zu vermarkten – also den Verkauf der Anzahl abgefüllter Flaschen oder der Anzahl gefertigter Teile. Fällt eine Maschine aus, liegt es im Interesse des Herstellers, sie wieder instand zu setzen. Denn Stillstand wird in der Zukunft zum Synonym für Umsatzverlust.

3. B2C-Erfolgsmodelle auf B2B übertragen

Die entsprechende Plattform für diese Zwecke wird Siemens Ende diesen Monats launchen. In Version 1.0 wird die IoT-Plattform „Siemens Cloud for Industry“ für die Industrie Ende November erstmals auf der Fachmesse für Elektrische Automatisierung SPS IPC Drive in Nürnberg vorgestellt – sieben Monate nachdem Siemens verkündete, die SAP HANA-Plattform für die Siemens Cloud for Industry einzusetzen. Jedes Leitsystem, jeder Umrichter und jede Antriebssteuerung von Siemens wird künftig über die „Device to Cloud Connectivity“ direkt mit der Cloud kommunizieren können. Millionen von Siemens-Geräten werden damit zukünftig Daten mit der Cloud austauschen können und so ähnlich wie iPhone-Besitzer Fotos und Musik aus der iCloud nutzen werden wertvolle Informationen über die Maschinen verfügbar.

Es wird auch das erste „Big Thing“ der Start-up-Einheit sein, die sich damit selbst beweist, dass eine Entwicklung selbst einer von allen Seiten mit Spannung erwarteten Plattform nicht allzu lange dauern muss – und zeigen, dass das „walking skeleton“ nicht nur tragfähig war, sondern auch beginnt, eigenständig zu atmen.

 

 

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