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Smart Glasses: Digitalisierung mit Augenmaß

2. Juni 2016 von Stephan Magura, Thomas Leonhardi 0

Während viele Firmen die Möglichkeiten der digitalen Transformation noch diskutieren, setzt Bechtle die Datenbrille bereits im Produktivbetrieb ein. Damit automatisiert der IT-Dienstleister Logistikprozesse – und erwartet eine Effizienzsteigerung.

Kartons, nichts als Kartons. Wer das Logistikzentrum von Bechtle in Neckarsulm betritt, kann erahnen, welche Monitore und Laptops gerade angesagt sind. Bekannte Logos zieren die Verpackungen. Auf Paletten gestapelt, warten die Geräte auf ihren Einsatz beim Endkunden. Im Obergeschoss – der sogenannten Bühne – werden Sendungen mit Kleinteilen kommissioniert. Smartphones, Kabel, Computermäuse …; Mitarbeiter entnehmen die benötigte Menge, stellen die Komponenten einer Lieferung zusammen und packen sie in grüne Transportboxen, die auf Förderbändern von ihrem internen „Bahnhof“ aus weiter bis zur Verpackungsstation rattern.

Seien Sie jedoch davor gewarnt, jemanden auf die Schulter zu tippen, um ihn nach den aktuellen Warenausgängen zu fragen: Wehe, er dreht sich um. Sie könnten gescannt werden. Wissen Sie noch, an welchem Körperteil Ihr persönlicher Barcode angebracht ist?

Smart Glasses unterstützen bei der Kommissionierung

Im Ernst: Die coole Brille, die immer mehr Bechtle-Kollegen im Lager tragen, sieht nur so aus, als sei sie von Bond-Spezi „Q“ höchstpersönlich entworfen worden. In Wahrheit ist sie harmlos – aber wichtig. Herzstück der Smart Glasses des Herstellers Vuzix ist ein Minimonitor samt integrierter Kamera, der die Mitarbeiter bei der Kommissionierung von Bestellungen im Bechtle-Logistikzentrum digital unterstützt. Softwareseitig pflegt dabei der SAP AR (Augmented Reality) Warehouse Picker die gescannten Daten automatisch in das SAP-Warenwirtschaftssystem ein. Wie der Prozess im Detail funktioniert, zeigt das folgende Video.

Bechtle versorgt mittelständische Unternehmen, Großkonzerne und Institutionen wie die Europäische Kommission mit IT-Equipment aller Art. Mit 66 Systemhäusern in der DACH-Region und E-Commerce-Gesellschaften in 14 europäischen Ländern kombiniert das Unternehmen IT-Dienstleistungen und -Direktvertrieb. Die Kunden können via Internet oder Telesales aus mehr als 68.000 Hard- und Softwareprodukten wählen. An einem normalen Arbeitstag verlassen zirka 7.500 Pakete das zentrale Distributionslager nahe der A6 bei Heilbronn. Doch selbst 19.500 Quadratmeter Umschlagplatz sind nicht mehr genug: Der Marktführer, zu dessen Kunden auch die SAP zählt, hat gerade mit Bauarbeiten begonnen. Geplant ist, die vorhandene Lagerfläche um zirka 5.500 Quadratmeter zu erweitern.

Datenbrillen und SAP EWM: Logistik der Zukunft

Dann wird es noch mehr Datenbrillen geben. Das von Bechtle und der SAP gemeinsam initiierte Innovationsprojekt ist die Fortführung einer erfolgreichen Partnerschaft. Es war im Jahr 2011, als der damalige SAP-ERP-Kunde Bechtle sein Zentrallager modernisiert und zusätzlich das SAP Extended Warehouse Management (SAP EWM) eingeführt hat. Bereichsleiter Klaus Kratz kann sich noch gut daran erinnern. Damals steckten „Wearable Computer“ noch in den Kinderschuhen. Und heute? Die Redaktion hat sich mit Klaus Kratz über die Logistik der Zukunft unterhalten.

Herr Kratz, worin bestehen die aktuellen Herausforderungen für die Logistik?

Die Logistikwelt dreht sich immer schneller. Wir müssen in immer kürzeren Abständen produktiver, kostengünstiger und kundenorientierter werden – wobei mehr und mehr Kunden individuelle Lösungen wünschen.

Bechtle will bis zum Jahr 2020 fünf Milliarden Euro Umsatz erwirtschaften. Was bedeutet das für Ihre Mannschaft?

Beim Paketvolumen liegen wir auf Kurs. Als ich 2010 bei Bechtle angefangen habe, wurde schnell klar, dass wir eine zukunftsfähige Logistikstrategie brauchen. Damals waren wir unter Zeitdruck, uns drohte der Verkehrsinfarkt. Insofern haben wir die Strategie zusammen mit externen Beratern entwickelt und umgehend auf den Weg gebracht. Vom Vorstand kam das Signal, das Projekt mit allen Kräften zu unterstützen. Also haben wir in nur 14 Monaten eine Bühne eingezogen, die Lagerfläche erweitert, moderne Fördertechnik implementiert sowie SAP EWM eingeführt, um auch in der Logistik über eine fundierte Basis für künftiges Wachstum zu verfügen.

Stichwort Wachstum: Was macht die Bechtle Logistik besser als die Konkurrenz?

Wir sind sehr stolz auf unsere Lieferquote und die damit verbundene Flexibilität. Aufträge, die reinkommen, werden zu fast 100 Prozent am gleichen Tag abgewickelt. Das betrifft etwa zwischen 2.800 und 3.000 Lieferscheine pro Tag und gilt in der Regel auch für kundenspezifische Lieferungen, die wir meines Erachtens mit nur geringen Anpassungen in unsere Standardprozesse integrieren können.

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Klaus Kratz (rechts): „Technologien wie Augmented Reality werden unsere Arbeitswelt und unser Leben allgemein drastisch verändern.“

Ein besonderes Beispiel für Kundenspezifika sind die Europäische Kommission und das Europäische Parlament. In Luxemburg, Brüssel und Straßburg müssen wir zum Teil innerhalb eines Zeitfensters von zwei Stunden die Sendungen zustellen. Das können Sie natürlich nicht von Neckarsulm aus leisten. Hinzu kommen hohe Sicherheitsanforderungen vor Ort, die die Übergabe der Bestellung nochmals verzögern. Also haben wir ganz pragmatisch eine Partnerschaft mit einem lokalen Dienstleister aufgebaut, der die „letzte Meile“ organisiert und unsere Sendungen anforderungsgemäß zustellt.

Wo sehen Sie noch Luft nach oben?

Wir wollen das Lager und auch die End-to-End-Prozesse weiter optimieren und noch mehr Funktionalität des EWM nutzen. In Kürze werden wir mit Vorstudien beginnen, um zu prüfen, ob der Einsatz von Kommissionier-Robotern irgendwann eine Option für uns sein könnte. Aber das ist noch Zukunftsmusik.

Derzeit spricht alles von der Digitalisierung der Unternehmen. Wie halten Sie es damit in Ihrem Bereich?

Wir sind Teil dieser Entwicklung. Der Einsatz der Datenbrille ist das beste Beispiel dafür. Mit ihr verarbeiten wir Informationen wesentlich effizienter – was dazu beiträgt, die oben genannten Anforderungen zu erfüllen. Das ist heute nur durch eine konsequente Digitalisierung und die Vernetzung von Systemen möglich.

Für welche Zwecke wollen Sie die Datenbrille nutzen?     

Aktuell wird damit ein großer Teil des Warenausgangs für Kleinteile abgewickelt, am Thema Wareneingang sind wir dran. Was die Weiterentwicklung der möglichen Einsatzfelder anbelangt, so tauschen wir uns permanent mit der SAP aus: Walldorf schickt uns die nächste Version der App, wir testen sie und geben Feedback, das in die Weiterentwicklung einfließt. Die Kooperation funktioniert bestens. Der Eigentümer von Vuzix war auch schon hier, weil die Hardware ebenfalls stetig verbessert wird. Noch in diesem Monat werden wir den nächsten Prototypen der Brille bekommen.

Klaus Kratz: Mit der Datenbrille könnten wir einmal die komplette Logistik steuern.

Ich bin der Meinung, dass wir eines Tages die komplette Logistik im Zentrallager damit steuern können. Der nächste Schritt für uns wäre die Paketabwicklung im Großteilebereich mit optimierter Barcodeerkennung. Darüber hinaus sind viele Szenarien denkbar: Ich kann mir beispielsweise vorstellen, dass man Online-Videos aufnimmt, um Transportschäden zu dokumentieren. Oder denken Sie an einen Kunden, der sehen möchte, wie sein Serverschrank zusammengebaut wird. Er könnte sich über einen speziellen User auf die Brille schalten und verfolgen, wie bei uns in der Logistik und in angrenzenden Bereichen gearbeitet wird. Natürlich alles unter den geltenden Datenschutzbestimmungen!

Generell sind die Möglichkeiten der Datenbrille – oder eventuell von Kontaktlinsen mit ähnlichen Funktionen – enorm. Technologien wie Augmented Reality werden unsere Arbeitswelt und unser Leben allgemein drastisch verändern.

Das Video wurde von Norbert Steinhauser gedreht, unterstützt von Florian Hufnagel, beide SAP

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