Strom on Demand: Marktplatz für Energie

Feature | 28. Juni 2010 von admin 0

Interview mit Dr. Jörg Ritter, BTC AG, über die Rolle der IT in der Energiebranche (Foto: BTC)

Interview mit Dr. Jörg Ritter, BTC AG, über die Rolle der IT in der Energiebranche (Foto: BTC)

SAP.info: Die Energiebranche hat alle Hände voll zu tun, um ihre Strukturen an die Gesetze und den Marktwandel anzupassen. Was sind die wichtigsten Herausforderungen?

Dr. Ritter: Der Wandel in der Energie-Branche ist massiv. Einerseits wird  mehr und mehr bewusst, dass die fossilen Energieträger zur Neige gehen und die starken Treibhausgasemissionen zum radikalen Klimawandel beitragen. Andererseits erzwingt der Gesetzgeber die Liberalisierung des Energiemarktes. Die Trennung von Energiegewinnung, -logistik und -vermarktung soll den Wettbewerb zwischen den Energieversorgern zugunsten der Verbraucher fördern.

SAP.info: Was sind die Konsequenzen für die Energieversorger?

Dr. Ritter: Die Komplexität ihrer Geschäftsprozesse und damit die Bedeutung der IT nimmt stark zu. Sollen die Treibhausgasemissionen reduziert werden, müssen Energiegewinnung, -logistik und -nutzung durch IT intelligenter aufeinander abgestimmt werden. Zudem werden die Netzbetreiber durch die Deckelung der Netzentgelte zu Prozessoptimierung- und Automatisierungsmaßnahmen gezwungen, die Vertriebsgesellschaften müssen mit verstärkter Kundenfluktuation rechnen und damit z.B. Kundenbindungsprogramme aufsetzen.

SAP.info: Sie sprechen von der Trennung der Wertschöpfungsfelder Energiegewinnung, -logistik und -vermarktung, die bisher innerhalb eines Energieversorgers angesiedelt waren und sich jetzt unter den Marktteilnehmern aufteilen. Lassen sich unter diesen Umständen überhaupt durchgehende und damit effiziente Prozesse herstellen?

Dr. Ritter: Aus organisatorischer Sicht scheinen diese Ziele widersprüchlich: Während das Energiewirtschaftsgesetz (EnWG) dazu führt, dass die integrierte Energieversorgung aufgebrochen wird, verlangt die Reduzierung der Treibhausgase eine enge Kopplung der verschiedenen Wertschöpfungsstufen. Nur durch eine informationstechnische Integration von der Gewinnung bis zur Nutzung kann Energie eingespart werden, indem man die – heute meist noch fossil – gewonnene Energie effizienter nutzt. Zum Beispiel durch dezentral betriebene Kraft-Wärme-Kopplung (KWK)-Anlagen und durch Energienutzung, die stärker an den volatilen erneuerbaren Energien ausgerichtet wird.

SAP.info:Das erinnert an die Anforderungen an das Supply Chain Management in der Automobilindustrie…

Dr. Ritter Ja, das ist richtig. Es geht hier ebenfalls darum, die Wertschöpfungsstufen möglichst eng zu verzahnen. Wir sprechen vom Energieprozessmanagement (EPM), das von der Energiegewinnung bis zur Energienutzung reicht. Die BTC entwickelt dafür gegenwärtig Integrationsszenarien zusammen mit dem Energieversorger EWE und weiteren Partnern im eTelligence-Projekt in Cuxhaven (www.etelligence.de). Die Ergebnisse des vom Bundeswirtschaftsministerium geförderten Gemeinschaftsprojekts werden in unserem EPM-Modell zusammengefasst, das die Geschäftsprozesse den integrierten BTC-Lösungen der Wertschöpfungsstufen gegenüber stellt.

SAP.info: Welche Rolle spielt in diesem Umfeld das Smart Metering, also der Einsatz elektronischer Zähler bei den Verbrauchern?

Dr. Ritter: Der Gesetzgeber unterscheidet zwischen den Marktrollen Netzbetreiber, Messstellenbetreiber, Lieferant und Nutzer. Eigentliches Ziel des Smart Metering ist ja die Transparenz von Energienutzung und CO2-Emissionen beim Verbraucher und die enge Abstimmung von Erzeugung und Verbrauch zum Zweck der Energieeffizienz. Wie viel Strom oder Gas wird aktuell verbraucht? Wie gestalten sich die Treibhausgasemissionen beim Verbrauch und beim Energiemix des gewählten Energielieferanten? Auch sollte der Nutzer durch eine realzeitnahe Analyse erkennen können, welches seine wichtigsten Verbrauchsgeräte sind. Der eigentliche Verbrauch sollte den verschiedenen Marktteilnehmern zur Verfügung stehen. Diese Daten sind auch für den Netzbetreiber interessant, um die Netzlast zu optimieren und die Qualität der Stromversorgung zu sichern (Stichwort „Smart Grids“).

SAP.info: Dafür ist die zeitnahe Kopplung vom Angebot der Erzeuger und der Nachfrage der Nutzer nötig. Wie soll das erfolgen?

Dr. Ritter: Den ersten Schritt fordert der Gesetzgeber zum Ende des Jahres 2010: Dann sollen die Lieferanten mindestens einen variablen Tarif anbieten. Auf diese Weise könnte dann das Starten der Waschmaschine in den Abendstunden zu geringeren Kosten führen als am Tage. Doch solche zeitvariablen Tarife können Angebot und Nachfrage nur sehr grob aufeinander abstimmen. Aus Energieeffizienzgründen und um den Einsatz erneuerbarer Energien zu unterstützen, ist es wesentlich sinnvoller, durch lastvariable Tarife des Lieferanten und mit einem automatisierten Management der Energienutzung durch den Verbraucher – das so genannte Demand Side Management – eng zu koordinieren.

SAP.info: Dabei dürften riesige Datenmengen zu verarbeiten und auszuwerten sein. Können bisherige IT-Systeme damit umgehen?

Dr. Ritter: Die Datenmassen sind wirklich ein Problem, wir müssen die IT-Systeme darauf ausrichten. SAP hat dazu eine klare Strategie. Sie will sich primär um die betriebswirtschaftlich relevanten Daten kümmern. Der Energieverbrauch wird traditionell einmal pro Jahr ermittelt. Viele Energieversorger streben an, den Stromverrauch im Viertelstundentakt zu ermitteln. Das bedeutet 96 Datensätze pro Tag und damit rund 35.000 Datensätze mehr als bisher pro Kunde und Jahr. Zudem müssen diese Daten auch noch vorverarbeitet werden. Dadurch kann sich das Datenvolumen nochmals vervielfachen. Dazu hat SAP mit der MDUS-Spezifikation (Meter Data Unification and Synchronization) eine Standard-Schnittstelle definiert, über die die Hersteller von Meter Data Management Systemen (MDM) ihre Infrastrukturen an die SAP-Lösungen für die Versorgungsindustrie (SAP IS-U, SAP CRM for Utilities usw.) anbinden können.

SAP.info: Welche Möglichkeiten bietet diese neue Schnittstelle?

Dr. Ritter: BTC bindet zum Beispiel über MDUS verschiedenste Produkte zum Energiemanagement von Herstellern wie Landis+Gyr oder auch das eigene herstellerneutrale MDM-System an. Durch die intelligente MDUS-Schnittstelle kapselt die SAP die Metering-Welt so, dass zum Beispiel nur für Abrechnungszwecke relevante Daten in das SAP IS-U-System übernommen werden müssen. Tarifinformationen, die zur Verdichtung der Datensätze notwendig sind, werden über den MDUS an die vorgelagerten Systeme übergeben. Die abrechnungsrelevanten Informationen werden dann verdichtet an das SAP-System zurückgegeben.

SAP.info: Welche Rolle spielt die IT bei der Nutzung erneuerbarer Energien und der Erhöhung der Energieeffizienz? Auf was müssen sich betriebswirtschaftliche Systeme wie SAP einstellen?

Dr. Ritter: Das erwähnte eTelligence-Projekt zeigt die Einrichtung eines regionalen Energie-Marktplatzes, auf dem sich sogenannte virtuelle Kraftwerke, die verschiedenen Energieerzeuger und die steuerbaren Verbraucher intelligent aufeinander abstimmen. Dafür werden beispielsweise Kühlhäuser, die es in Cuxhaven aufgrund der starken Fischwirtschaft vermehrt gibt, so gesteuert, dass sie in Zeiten eines Stromüberschusses vorsorglich um ein paar Grad Celsius stärker gekühlt werden, damit sie in Zeiten eines Strommangels – etwa beim prognostizierten Ausbleiben von Windenergie – nicht unnötig Energie anfordern müssen.

SAP.info: Was wird über die Smart-Metering-Thematik hinaus von den ERP-Systemen erwartet?

Dr. Ritter: SAP kommt überall entlang des EPM-Modells zum Einsatz. Dabei werden die Tarife und Produkte der Energieversorger komplexer. Es wird, ähnlich der Telekommunikationsbranche, immer wieder neue Produkte und Services geben. Betriebswirtschaftliche Systeme wie SAP müssen sich auf diese Produktvielfalt und auf ein möglichst integriertes Service Life Cycle Management einstellen, damit ein kurzes Time-to-Market möglich ist. In Zukunft gibt es vermehrt Produkte, die über die eigentliche Energieversorgung hinausgehen. Wie man heute bei einem Telefondienstleister ein neues Handy mitfinanziert bekommt, kann in Zukunft in einem Energieversorgungsvertrag ein energieeffizienter Kühlschrank oder eine moderne Heizungsanlage enthalten sein. Die Geschäftsprozesse dafür müssen massentauglich und möglichst automatisiert abgewickelt werden können.

SAP.info: BTC hat am kürzlich gestarteten Windpark-Projekt alpha ventus in der Nordsee mitgewirkt und dort die gesamte IT-Infrastruktur mit neuen Administrations- und Wartungskonzepten entwickelt. Welche Strategie verfolgt BTC als IT-Experte und Partner der SAP bei diesen Aufgaben?

Dr. Ritter: Mit BARD Offshore 1 sind wir an einem weiteren Windpark-Projekt beteiligt, das 89 km nordnordwestlich von Borkum liegt. Die Umsetzung einer neuen Wertschöpfungskette für die intelligente Energieversorgung mit hoher Effizienz kommt weiter voran. Im Standardgeschäft integriert BTC die wesentlichen Systeme wie SAP, Leittechnik und Assetmanagement eines Energieversorgers miteinander. Wir bieten dem Kunden nachhaltige IT-Lösungen, die ein solides Fundament für sich ändernde Marktbedingungen darstellen.

SAP.info: An manchen Stellen taucht BTC bis in die Tiefe der Stromtechnik, etwa mit dem Windparkregler, der dafür sorgt, dass die Übertragungsnetzbetreiber den Windstrom auch entgegennehmen…

Dr. Ritter: Das Gesetz schreibt vor, dass Windenergieanlagen, die mehr als 100kW Nennleistung haben, vom Netzbetreiber fernsteuerbar sein müssen. Wenn die Stabilität des Stromnetzes gefährdet ist, müssen Windenergieanlagen in der Leistung reduziert oder abgeschaltet werden. Wer diese Forderung nicht erfüllt, verliert seine garantierte Einspeisevergütung und somit die Geschäftsgrundlage für den Windpark. Der Windparkregler von BTC hilft, die technischen Vorgaben zur Stromeinspeisung ins Netz einzuhalten. Technisch gesehen zeigt die BTC-eigene Entwicklung, die inzwischen zum Patent angemeldet wurde, welche innovative Rolle die Informationstechnologie in direkter Verbindung mit der Stromtechnik spielt. Die bisherigen Regler, die proprietär und physikalisch den Stromfluss austarieren, kommen an die neue Methode nicht heran.

SAP.info: Bei IT-Einsatz wird ja auch eine Menge an Strom verbraucht. Welche Rolle spielen energiesparende Konzepte?

Dr. Ritter: Auch wenn sicher ist, dass Energieeffizienz und erneuerbare Energie nicht ohne IT funktionieren, muss man sich vor Augen führen, dass die CO2 Emissionen durch die ITK-Technik weltweit bereits das Niveau des globalen Flugverkehrs erreicht hat. BTC hat gerade den eigenen CO2-Footprint durch Green-IT-Maßnahmen verringert. Seit kurzem beziehen unsere Rechenzentren „grünen Strom“. Alle unsere Kunden können sich preisneutral mit TÜV-zertifizierten Grünstrom der Naturwatt GmbH bedienen.

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