Daimler, Deutsche Bank und Lufthansa Cargo

Feature | 14. April 2009 von Dr. Jörg Hattwig, Fachjournalist 0

Flexibel aus Bausteinen zusammengesetzte Anwendungen:
Composite Applications, das Herzstück der serviceorientierten Architektur (SOA)

Dr. Johannes Helbig, Spiritus Rector der SOA Days in Bonn
(Foto: EUROFORUM/C. Meyer)


Während das Auditorium aufatmet, hat Helbig schmunzelnd mit diesem Leitsatz gleichzeitig das Motto der Veranstaltung vorgegeben. Und in der Tat beschäftigten sich noch mehr Vorträge mit den Business-Aspekten einer serviceorientierten Architektur (SOA) als in den Vorjahren.

Denn natürlich spielt Technologie in den SOA-Projekten eine Rolle, aber die eigentlichen Knackpunkte – und die größten Wert schöpfenden Potenziale solcher Projekte – liegen in neuen Organisationsformen und neuen Geschäftsmöglichkeiten, die erst durch den SOA-Einsatz möglich werden.

SOA bei der Deutschen Bank

Stefan Sutter, Architekturchef der Deutschen Bank, zeigte, wie sein Unternehmen seit 2005 eine moderne prozessorientierte Organisation aufbaut und dabei historisch gewachsene Applikationssilos aufbricht. Über 1.500 IT-Mitarbeiter haben bisher neue Rollen erhalten – und die Umstrukturierung ist noch nicht beendet.

Erfolgsfaktoren für SOA sind laut Stefan Suttner:

  • die Implementierung einer integrierten Architektur-
    Governance sowie der Know-how-Aufbau und die Unterstützung des Veränderungsprozesses durch das Center of Excellence;
  • die fachliche Standardisierung, die erst die Wiederverwendung von Services ermöglicht;
  • Projekte mit eigenem Business Case, denn nur hier sollte SOA vorangetrieben werden;
  • die parallele Entwicklung von SOA Governance, Methodik und Infrastruktur.

SOA ist bei der Deutschen Bank zentraler Bestandteil der Gesamtstrategie und auf eine Geschäftsprozessbezogene Automatisierung und Standardisierung fokussiert. Das Betriebsmodell zielt auf die Industrialisierung des Bankbetriebs ab und soll die Effizienz steigern sowie die Qualität verbessern.

Zudem legt SOA die Basis für eine horizontale Integration der Applikationen durch einen Enterprise Service Bus (ESB). Über den ESB macht die Bank Anwendungsfunktionen, die vorher isoliert in abgeschotteten Applikationssilos arbeiteten, allgemein und siloübergreifend nutzbar. Dies sorgt dann für die benötigte hohe Flexibilität, um beispielsweise neue Bankprodukte schneller in den Markt zu bringen.

SOA bei Daimler

Beim Automobilkonzern bildet SOA die Grundlage für Flexibilisierung, Harmonisierung und Integration der Daimler Engineering Systeme. Prof. Alfred Katzenbach, Director Information Technology Research, berichtete über ungünstige wirtschaftliche Rahmenbedingungen, die die Anforderungen an die Automobilentwicklung erhöhen.

Prof. Alfred Katzenbach, Director Information Technology Research bei Daimler (Foto: EUROFORUM/C. Meyer)


Der sich daraus ergebende tief greifende Wandel der Automobilentwicklung ist laut Katzenbach nur durch leistungsfähige IT zu bewältigen.

Deshalb ist die SOA-Strategie die Basis für eine Neuausrichtung der Engineering IT. Sie soll eine partnerübergreifende Zusammenarbeit (intern und extern) optimieren, die Produktqualität in Entwicklung und Produktion effizient und frühzeitig absichern sowie eine „Digitalisierung der Fabrik“ und die Integration von Entwicklung, Produktion und Aftersales ermöglichen.

Nach einer Verankerung der Grundlagen konzentriert sich Daimlers SOA-Programm in diesem Jahr auf die operative Planung. Das Domänenmodell dient dabei als Blaupause für IT-Bebauung und als Basis für Zuordnung von Verantwortungen.

SOA bei Lufthansa Cargo

Auch Lufthansa Cargo befindet sich im SOA-Landeanflug. Bis 2003 hatte der Frachtflieger mit einer monolithischen Applikationslandschaft und Anwendungssilos sowie mit Punkt-zu-Punkt-Schnittstellen auf Basis proprietärer (nicht-standardisierter) Technologien gearbeitet.

Enterprise Application Integration (EAI): IT-Infrastruktur in Form einer Middleware zur Kopplung von meist betriebswirtschaftlichen IT-Systemen.

Von 2003 bis 2006 konnten Tools aus dem Werkzeugkasten der Enterprise Application Integration (EAI) die Schnittstellen reduzieren. Während EAI jedoch ein reines IT-Thema war und von dort auch initiiert wurde, ist die SOA-Phase (2007-2011) wesentlich breiter angelegt und vom Kerngeschäft getrieben.

Geplant sind hier flexibel aus Bausteinen zusammengesetzte Anwendungen (Composite Applications), wiederverwendbare Services (Re-Usable Business Services/Shared Services) und ein ESB mit standardisierten Schnittstellen. Der Lufthansa Cargo ESB ist dabei als ein einziger logischer Bus konzipiert, der jedoch aus vielen physischen Bussystemen besteht, um verschiedene Technologien verbinden zu können.

SOA-Schlagworte auf dem Prüfstand

Die SOA Days 2009 stellten jedoch nicht nur die Business-Aspekte noch stärker in den Vordergrund, sondern boten auch Praxisberichte, die einige SOA-Schlagworte in einem neuen Licht erscheinen ließen.

So gab McKinsey-Director Detlev J. Hoch zu bedenken, dass die Wiederverwendbarkeit von Softwarebausteinen (Re-Use) zwar die Entwicklungszeit verkürzt und vor allem die Softwarequalität signifikant steigert – dass der Weg vom kundenindividuellen Softwareprojekt zum Softwareprodukt aber auch zusätzliche Entwicklungs- und Marketingkosten nach sich zieht: Die Entwicklungskosten steigen laut Hoch um den Faktor 3, die Marketingkosten um den Faktor 3,5.

Für die anwesenden CIOs und IT-Manager hatte Unternehmensberater Hoch noch weitere „Faktoren“ parat: Wenn die IT-Leitung der Unternehmensleitung ein neues Projekt präsentiere, überschätze sie den Wertbeitrag (Total Value of Ownership)meistens um den Faktor 2. Und die Kosten (Total Cost of Ownership) unterschätze sie ebenfalls um den Faktor 2.

Nicht in allen Bereichen ist eine Standardsoftware weniger komplex als eine individuelle entwickelte Lösung, weiß Commerzbank-CIO Dr. Peter Leukert aus eigener Erfahrung. Generell sei IT-Komplexität auch nicht von vornherein schlecht – beispielsweise, wenn sie komplexe Geschäftsprozesse unterstütze.

Und Bankmanager Sutter hat gelernt, zwischen einer vollen und halbautomatischen Backend-Integration einer Bank abzuwägen. Entscheidungskriterien hierfür seien Transaktionsvolumen und Komplexität. Nicht zuletzt, gab Sutter darüber hinaus zu bedenken, könne eine volle Integration schnell zu Lasten der Time-to-Market gehen.

Das Business, so der Tenor der Veranstaltung, gibt eindeutig den Takt vor. Ein guter Ansatz nicht nur für SOA-Projekte.

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