Software aus Bausteinen

Feature | 20. Oktober 2009 von Dr. Jörg Hattwig 0

Maßgeschneiterte Software aus Bausteinen (Foto: Lego)

Maßgeschneiderte Software aus Bausteinen (Foto: Lego)

Eine Service orientierte Architektur (SOA) bezeichnet einen Ansatz der Enterprise-Architektur, bei dem die unterschiedlichsten Geschäftsprozesse durch wiederverwendbare Services unterstützt werden können. Durch SOA bleibt ein Unternehmen flexibel und spart Kosten, weil die Anwendungen auf Basis der bestehenden Software-Assets modular weiterentwickelt werden kann.

SOA spielt beispielsweise dann eine besonders wichtige strategische Rolle, wenn ein Unternehmen flexibel  auf den Wettbewerb reagieren, kurze Produkteinführungszyklen realisieren oder ein zugekauftes Unternehmen integrieren will.

Das SOA Innovation Lab ist die erste deutsche Anwendervereinigung für SOA und Enterprise Architektur. Ziel ist der Aufbau von Expertise für die Entwicklung flexibler IT-Landschaften. Im Innovation Lab tauschen CIOs und Chefarchitekten großer Unternehmen praktische Erfahrungen aus und entwickeln im Rahmen von Projekten SOA weiter.

SAP.info sprach mit Dr. Johannes Helbig, Mitglied des Bereichsvorstands Deutsche Post BRIEF und Vorstandsvorsitzender  des SOA Innovation Labs.

SAP.info: Was ist das Besondere an einer SOA?

Helbig: Anwender können mit SOA neue Geschäftsprozesse unter Verwendung  bestehender Services aufbauen –das erinnert an Lego. Sie erhalten damit eine völlig neue Form der Flexibilität. Ich benutze gerne den Plattformgedanken aus dem Automobilbau als Analogie, wo auf derselben Plattform so unterschiedliche Fahrzeuge wie ein Skoda Octavia und ein Audi A3 realisiert werden.

Dr. Johannes Helbig, CIO der Deutschen Post BRIEF (Foto: Deutsche Post)

Dr. Johannes Helbig, CIO der Deutschen Post BRIEF (Foto: Deutsche Post)

SAP.info: Wie unterstützt SOA das Zusammenspiel von IT und Business?

Helbig: SOA verbindet Business-Prozesse und IT-Anwendungslandschaft: Auf der SOA-Beschreibungsebene reden wir über Services, die in der Sprache des Business formuliert sind – also beispielsweise  “Kunde”, “Anliegen”, “Auftrag”, aber gleichzeitig bildet die Architektur diese Begriffe auf die Struktur der Anwendungslandschaft ab. Dadurch kann nun in Begriffen des Business über die Domäne der IT gesprochen werden – , das überbrückt die sonst so typische Sprachbarriere zwischen Business und IT.

SAP.info: Versteht das Business auch die IT besser?

Helbig: Ja, natürlich. Das Business kann dann beispielsweise selbst beginnen, verschiedene Services miteinander zu verknüpfen, um einen Geschäftsprozess zu unterstützen, ohne die Sprache oder gar Technik der IT beherrschen zu müssen. Das ist genau die Art von Kreativität, die wir auf der Geschäftsseite erzeugen wollen.

SAP.info: Wie und in welchen Bereichen profitieren Unternehmen von einer SOA?

Helbig: Den größten Nutzen schafft die durch SOA gewonnene Flexibilität. Es hat sich gezeigt, dass traditionell gewachsene Anwendungslandschaften oft eher Innovationen behindern als sie zu beschleunigen. SOA dagegen schafft die Voraussetzung, um ständig ändernde Geschäftsmodelle, Kundenanforderungen und Prozesse möglichst reibungslos zu unterstützen. Es gibt viele weitere Nutzendimensionen: Anwender profitieren auf der Kostenseite, weil sie Redundanzen vermeiden. Sie erzielen einen hohen Investitionsschutz, weil sie Services in neuen Kontexten wiederverwenden und Insellösungen umgehen können. Stichwort Managed Evolution: Sie müssen nicht immer Ihre gesamte Anwendungslandschaft neu bauen, sondern können Änderungen an einer Stelle vornehmen, ohne alle anderen Komponenten in Mitleidenschaft zu ziehen. Das gelingt, weil die Anwendungen durch die Services nur lose miteinander gekoppelt sind. Dadurch können Unternehmen in interaktiver Weise ihre Anwendungslandschaft in kleinen Schritten weiter entwickeln.

Außerdem fördert SOA die Datenkonsistenz. Eine Applikation, die etwa Kundenstammdaten benötigt, braucht die Funktionalität nicht erneut aufzubauen, sondern greift auf den einheitlichen und unternehmensweit verfügbaren Service zu.

SAP.info: Aber SOA befreit Sie nicht von der Pflicht, überhaupt erst einmal Qualität in die Daten hineinzubringen.

Helbig: Völlig richtig. Der Aufwand für diese, wie wir das nennen, „semantische“ Integration ist hoch und stellt die eigentliche Herausforderung dar.

Deshalb benutze ich gerne die Gleichung: SOA = Semantische Integration + Lose Koppelung + Managed Evolution.

SAP.info: SOA erfordert Vorab-Investitionen in Millionenhöhe. Mit welchen Argumenten lässt sich der Finanzvorstand überzeugen, dass er grünes Licht für diese Investitionen gibt?

Helbig:. Sie können die Vorteile, die ich genannt habe, auch in überzeugende Business Cases umrechnen. Ich glaube allerdings gar nicht, dass SOA Vorab-Investitionen in Millionenhöhe erfordert. Über den evolutionären Ansatz können  sich Unternehmen dem Thema SOA ohne große Einstiegshürden nähern.  Bereits in den ersten Projekten können sie typischerweise Nutzen bereits durch günstigere Schnittstellenentwicklung und Redundanzfreiheit realisieren. CIOs können ihre SOA-Reise erst einmal mit leichtem Gepäck starten.

SAP.info: Was wäre typischerweise ein leichtes Gepäck?

Helbig: Ein CIO könnte beispielsweise eine Enterprise Architecture mit ihren Domänen als Ziel skizzieren, sich  aber in der Ausgestaltung zunächst auf die Projekte beschränken, für die momentan ohnehin Handlungsbedarf besteht. Diese Projekte kann er dann so gestalten, dass sie in die SOA-Zielarchitektur passen. Eine Open Source Integrations-Infrastruktur senkt zudem die Einstiegshürden.

SAP.info: Welchen Nutzen ziehen Unternehmen aus einer Mitgliedschaft im SOA Innovation Lab?

Helbig: Sie sind Teil einer der ersten und im Moment gewichtigsten Anwendervereinigungen zum Thema SOA. Unsere Mitglieder profitieren, indem sie Erfahrungen und Wissen austauschen und gemeinsam SOA und Enterprise Architecture weiterentwickeln. Sie haben Zugang zu dem Wissen und dem Praxis-Know-how von Unternehmen, für die diese Themen von vitalem Interesse sind. Und sie können auf Ressourcen zugreifen, zu denen sie alleine nur schwer Zugang hätten, beispielsweise durch unsere Kooperation mit wissenschaftlichen und universitären Einrichtungen.

Zudem lassen sich Kosten sparen. Es ist beispielsweise sehr teuer, einen Trainingszyklus zum Thema Enterprise Architecture zu entwickeln. Diesen einmal für alle zu entwerfen ist kostengünstiger, als ein eigenes Curriculum pro Unternehmen aufzubauen. Zudem können unsere Mitglieder durch Nachfragebündelung auch mitgestalten, in welche Richtung sich das Thema Enterprise Architecture  bei den Anbietern bewegen wird.

SAP.info: Was ist für Mitglieder wichtiger – der Erfahrungsaustausch in der Community oder die Kostenersparnis durch geteilte Entwicklungskosten?

Helbig: Das kann nur jedes einzelne Unternehmen für sich beantworten. Beides spielt eine Rolle. Ich glaube aber, dass das Vorantreiben der Praxis der wichtigere Aspekt ist, weil die Nutzenchancen durch IT generell größer und wichtiger als der Kostenfaktor sind. Aber die Kostenersparnis macht es sehr leicht, eine Entscheidung zu treffen.

SAP.info: „Wissen vermehrt sich, wenn man es teilt”, lautet ein Motto des SOA Innovation Labs. „Wir müssen Know-how schützen, das uns Wettbewerbsvorteile bringt”, lautet die Devise der meisten Unternehmen. Wie löst das SOA Innovation Lab diese Diskrepanz?

Helbig: Wir verraten keine Geschäftsgeheimnisse, wenn wir uns gemeinsam überlegen, wie wir unsere IT-Landschaften effektiver bebauen können. Es gibt ja durchaus Grenzen zwischen dem Aufbau einer Enterprise Architecture und beispielsweise der Frage, wie der Kundenservice-Prozess in einer Bank funktioniert, die sich genau über diesen Prozess vom Wettbewerb differenzieren will. Darüber hinaus hält das SOA Innovation Lab Governance-Mechanismen bereit, um Projekte auch im kleinen Kreis mit nur einigen Teilnehmern und unseren wissenschaftlichen Partnern voranzutreiben.

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