SOAs unter der Lupe

Feature | 28. Juni 2006 von admin 0

Die IT-Architektur der Zukunft ist serviceorientiert. Im Gegensatz zu herkömmlichen Systemlandschaften, die bei Veränderungen der Geschäftsprozesse erst aufwändig angepasst werden müssen, versprechen serviceorientierte Architekturen große Flexibilität. Ihre Systemfunktionalität ist in unabhängigen Diensten gekapselt, die sich individuell für die jeweiligen Prozesse abrufen lassen. Dank dieser Modularität kann ein Unternehmen einzelne Abläufe leichter verändern beziehungsweise neue schneller einführen.

Nutzen, Herausforderungen, Erfolgsfaktoren

Nutzen, Herausforderungen, Erfolgsfaktoren

Das klingt überzeugend, ist aber für viele Anwender, besonders in kleinen und mittelständischen Firmen, meist noch reine Zukunftsmusik. Die Untersuchung “SOA in der Praxis – Wie Unternehmen SOA erfolgreich einsetzen” des Berliner Analystenhauses Berlecon Research könnte den Mittelstand allerdings anspornen, sich schon jetzt mit dem Thema zu befassen und seine IT umzustrukturieren. Motivierend sind vor allem zwei Ergebnisse der Studie: Von technischer Seite her lässt sich die serviceorientierte Architektur weitgehend problemlos realisieren. Zugleich bringt sie dem Unternehmen erhebliche Vorteile. Allerdings verschweigt die Studie auch nicht die Herausforderungen eines SOA-Projekts: den möglichen Widerstand einzelner Abteilungen und den beträchtlichen Mehraufwand an Zeit und Arbeit in der Anfangsphase.

Erwartungen durchweg erfüllt

Für ihre Erhebung befragten die Analysten acht Unternehmen unterschiedlicher Größe und Branchenzugehörigkeit zu ihren Erfahrungen bei der Einführung einer SOA. Untersucht wurden Projekte bei einem Pharma- und einem Arzneimittelhersteller, einem Energieversorger, einem Stahl- und Technologiekonzern sowie vier Dienstleistern aus den Bereichen IT, Finanzen, Leasing und Logistik. Die Berichte sind anonymisiert, da die Gesprächspartner dann erfahrungsgemäß offener auch über Schwierigkeiten sprechen.
In den meisten Fällen wurde die Einführung der SOA innerhalb einer sehr kurzen Laufzeit – drei bis neun Monate – realisiert. Die Bilanz fällt durchweg positiv aus. Sämtliche Projekte erfüllten die Erwartungen der Anwender oder übertrafen sie sogar. Übereinstimmend berichten die Unternehmen von einer deutlich erweiterten Flexibilität ihrer IT, häufig auch von Kosteneinsparungen beim Betrieb, der Pflege und der Anpassung ihrer Systeme an neue Anforderungen. Ein Finanzdienstleister bezifferte seine Einsparungen nur zum Zeitpunkt der Umfrage bereits auf 20 Millionen Euro.
Keine Rolle spielt für die meisten Befragten hingegen noch die Tatsache, dass die Dienste, die via SOA angeboten werden, in unterschiedlichsten Anwendungskontexten wiederverwendet werden können – ein Punkt, der ebenfalls zur Kostensenkung beiträgt. Dr. Joachim Quartz, Associated Senior Analyst bei Berlecon, sieht einen möglichen Grund dafür darin, “dass die Unternehmen noch am Anfang ihrer SOA-Umsetzung stehen und die Wiederverwendung erst in den nachfolgenden Jahren als Nutzen sichtbar wird.” Doch es gibt bereits Unternehmen, die von der Wiederverwendbarkeit profitieren. Ein Logistikdienstleister verwendet einige Dienste in bis zu zehn verschiedenen Anwendungen, während ein IT-Dienstleister die meisten Services sogar an 20 bis 40 Stellen einsetzt und damit etwa 50 Prozent seiner Entwicklungskosten einspart.

SAP NetWeaver als SOA-Plattform

Als Motiv für den Umstieg auf die serviceorientierte Architektur nannten die meisten Unternehmen die mangelnde Flexibilität ihrer IT, andere sahen sich mit der bestehenden Systemlandschaft nicht oder nur mit großem Aufwand in der Lage, neue Anforderungen zu erfüllen. Die acht Firmen stellten zumindest Teilbereiche auf Services um oder führten die SOA unternehmensweit ein.
Für die technische Umsetzung wählte die Mehrheit der befragten Unternehmen SOA-Plattformen von Technologieanbietern; zwei entschieden sich für SAP NetWeaver. Dagegen spielten Eigenentwicklungen nur dann eine Rolle, wenn bereits sehr früh mit der Einführung begonnen oder diese in Bereichen vorgenommen worden war, für die noch keine ausgereiften Lösungen auf dem Markt erhältlich waren. Nach Schätzungen von Berlecon wird der Anteil selbst entwickelter SOA-Software in dem Maße zurückgehen, in dem der Funktionsumfang der verfügbaren Plattformen wächst.
In der Regel werden SOAs mit Hilfe von Web-Services realisiert: mit WSDL (Web Services Definition Language) als Standard für die Schnittstellen und SOAP (Simple Object Access Protocol) als Nachrichtenstandard. Die Befragung ergab, dass die Anwender WSDL und SOAP bewusst nur dort verwenden, wo es wirklich notwendig ist. Sonst setzten sie vielfach auf andere Formate wie JMS (Java Message Service) oder selbst definierte XML-Schnittstellen (Extensible Markup Language).

Gut geplant ist halb gewonnen

Der Aufwand für ein SOA-Projekt, vor allem in der Anfangsphase, ist nicht zu unterschätzen. “Die Einführung stellt größere Anforderungen an das Management als viele klassische IT-Projekte”, erläutert Dr. Joachim Quartz. “Das liegt vor allem daran, dass bei der serviceorientierten Architektur viele einzelne Komponenten zusammenarbeiten müssen. Diese Komplexität muss in der Planung unbedingt berücksichtigt werden.” Unternehmen, die eine serviceorientierte Architektur einführen wollen, können aus den Projektberichten der befragten Unternehmen lernen und die Ratschläge der Studie als Orientierungshilfe nutzen.
Ein wesentlicher Faktor für den Erfolg einer Einführung ist der richtige Umfang der SOA. Die Frage, ob die neue Architektur unternehmensweit oder nur in bestimmten Bereichen eingeführt werden soll, muss sorgfältig abgewogen werden. Denn die geeignete Plattform lässt sich nur dann finden, wenn klar ist, welche Anwendungen auf SOA umgestellt werden sollen. Doch auch bei unternehmensweiten Einführungen empfiehlt es sich, Schritt für Schritt vorzugehen und mit unkomplizierten Aufgaben zu beginnen. Im Idealfall sollten sich die ersten Projekte einfach umsetzen lassen, dem Unternehmen großen Nutzen bringen und in Fachabteilungen stattfinden, die der neuen Plattform gegenüber positiv eingestellt sind. Der Erfolg der ersten Projekte trägt viel dazu bei, eventuelle Widerstände gegen die SOA zu überwinden, betont die Studie.

Aufwand für Startprojekte meist unterschätzt

Angesichts des Mehraufwands an Arbeit bei den Anfangsprojekten tut jedes Unternehmen gut daran, genug Zeit und Geld einzukalkulieren. Viele der Befragten berichten im Nachhinein, die wesentlichen Herausforderungen bei der Umstellung hätten sich ergeben, weil sie für die Startphase ihrer Projekte nicht genügend Mittel bereitgestellt hätten. So ist laut Berlecon unter anderem zu berücksichtigen, dass sich die Prozesse zur Einhaltung der Unternehmensvorgaben für die SOA erst nach und nach einspielen und die Vorgaben meist noch einmal angepasst werden müssen, wenn erste Praxiserfahrungen vorliegen. Darüber hinaus benötigen Entwickler und IT-Mitarbeiter geeignete Schulungen. Die Wiederverwendbarkeit der Dienste verursacht in der Regel zunächst ebenfalls einen Mehraufwand: Die Services sind so zu entwickeln, dass sie sich nicht nur für das konkrete Projekt, sondern auch in anderen Anwendungskontexten nutzen lassen. Daher sollte jedes Unternehmen realistisch abschätzen, welche Dienste es wiederverwenden kann, um keinen unnötigen Aufwand zu produzieren.
In der Praxis hat es sich als notwendig erwiesen, ein spezielles SOA-Team zu etablieren. Es erarbeitet und überwacht die Vorgaben für die SOA und unterstützt die Einzelprojekte. Das Team sollte aus Mitarbeitern der Fachabteilungen und der IT bestehen und Know-how im Bereich Software-Architekturen besitzen. Um den Widerstand einzelner Abteilungen gegen die SOA-Vorgaben überwinden zu können, benötigt dieses Team die Rückendeckung der Geschäftsleitung. Außerdem empfiehlt Berlecon Change-Management-Maßnahmen, die die Mitarbeiter motivieren und auf die Änderungen vorbereiten.
Bei der Umsetzung hat es sich bewährt, stufenweise und vor allem pragmatisch vorzugehen. Wie die Studie unterstreicht, kann es durchaus Sinn machen, Teilbereiche der IT, die nicht flexibilisiert werden müssen, von einer Umstellung auf SOA auszunehmen. Unternehmen sollten solche Bereiche nicht künstlich aufbrechen. Wie die Projekterfahrungen zeigen, haben Unternehmen bei entsprechend pragmatischem Vorgehen und sorgfältiger Planung die besten Chancen, eine SOA reibungslos einzuführen und von der flexibleren IT-Architektur zu profitieren.

Weitere Informationen

Sabine Höfler

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