Software gegen Schweinegrippe

Feature | 13. August 2009 von Petra Nikolic 0

Zwei Männer öffnen langsam die schwere Stahltür, hinter der sich mehrere Fächer befinden. Ihre Gesichter verbergen Schutzmasken. Sie stecken in weißen Kunststoffanzügen und tragen Handschuhe. Auf ein unbemerktes Zeichen hin ziehen sie eine Stahlschublade hervor, in der sich Behälter mit Flüssigkeiten befinden. Was wie die Einstiegssequenz in einen Science-Fiction-Film wirkt, ist in Wirklichkeit eine alltägliche Szene – aufgenommen in einem Labor in Frankreich.

Sehr behutsam und vorsichtig gehen die beiden Labormitarbeiter mit dem kostbaren Material um, das hier hinter den Stahltüren lagert. Es sind Substanzen, aus denen Impfstoffe für Sanofi Pasteur MSD hergestellt werden. Mit insgesamt 45 Impfstoffen für Säuglinge, Kinder, Jugendliche und Erwachsene, die vor 20 Infektionskrankheiten schützen, ist Sanofi Pasteur MSD führend in Europa und gehört zu den vier wichtigsten Impfstoff-Unternehmen weltweit.

Von SAP R/3 zu SAP ERP 6.0

Die Firmengeschichte reicht mehr als 100 Jahre zurück und beginnt mit Louis Pasteur, der im Jahre 1880 das Prinzip der Impfung mit abgeschwächten Erregern entwickelte. „Impfstoffe imitieren Krankheitserreger, ohne selbst gefährlich für den Menschen zu sein. Sie gleichen Viren und Bakterien, ihre krankmachende Eigenschaft haben sie aber verloren. Man könnte sagen, unserem Immunsystem wird eine Infektion vorgetäuscht, damit es die Eindringlinge kennenlernt, sie in Erinnerung behält und sich fortan gegen sie wehren kann“, erklärt Eric Neyret, Geschäftsführer von Sanofi Pasteur MSD in Deutschland.

Der Franzose sitzt heute nicht in seinem Büro in Lyon, sondern in Leimen. Nur einen Steinwurf von Walldorf entfernt hat die deutsche Niederlassung ihren Hauptsitz. Doch die räumliche Nähe zu SAP war nicht ausschlaggebend für die Entscheidung, mit SAP-Software zu arbeiten. Für die Software aus Walldorf sprachen gute Gründe: „Wir suchten ein standardisiertes System, mit dem wir dauerhaft und zuverlässig arbeiten können. Außerdem legten wir Wert auf ein europäisches Unternehmen, da wir ja auch für Europa eine Software-Lösung suchten“, erinnert sich Neyret. Im Oktober 1996 wurde SAP R/3 zunächst in Deutschland und dann ein Jahr später schon europaweit eingeführt. Auch kleinere Niederlassungen, die später gegründet wurden, schlossen sich zügig an; Österreich kam im Jahr 2001 dazu, die Schweiz drei Jahre später. Dem Stand der Technik folgte die Unternehmensgruppe mit regelmäßigen Upgrades. „Sanofi Pasteur MSD setzt heute SAP ERP 6.0 in Warenwirtschaft, Vertrieb, Finanzcontrolling und Analyse ein“, sagt IT-Leiter Dirk Prehn.

Von der Idee bis zum Impfstoff

Wer im Impfstoffgeschäft arbeitet, braucht zunächst einen langen Atem. Von der Idee bis zum einsatzfähigen Impfstoff vergehen zwischen acht und zwölf Jahren. Während dieses komplexen Prozesses haben Anforderungen an die Qualität, Wirksamkeit und Sicherheit der Impfstoffe höchste Priorität. Das gilt während der Forschung im Labor, während der Entwicklungsphase im Rahmen von klinischen Studien, wie auch nach der Zulassung in der breiten Anwendung beim Menschen. Impfstoffe erhalten und schützen Leben. Während der Herstellung muss eine sterile Arbeitsumgebung gewährleistet sein. Bevor eine Charge das Labor verlässt, wird sie in einem aufwändigen Prozess geprüft. „70 Prozent des gesamten Herstellungsprozesses von Impfstoffen nimmt die Qualitätskontrolle ein“, erläutert Neyret. So dauere die Herstellung von Grippe-Impfstoff 20 Tage, die Qualitätskontrolle nehme jedoch ganze 192 Tage in Anspruch.

„Wir vertreiben ein Produkt, für das strengste Auflagen gelten“, so Neyret. „Qualitätskontrolle ist dabei besonders wichtig, denn wir impfen ja gesunde Menschen und oft sehr viele auf einmal.“ In Kühlboxen wird der fertige Impfstoff zum Lager transportiert, wo er bei Temperaturen zwischen zwei und acht Grad aufbewahrt wird, bis ihn ein Arzneimittelgroßhändler oder eine Apotheke anfordert. Während der gesamten Zeit von Lagerung und Transport darf die Kühlkette nicht unterbrochen werden. Alle Lieferungen werden daher genau dokumentiert. „Mit dem zentralen SAP-System können wir europaweit nachvollziehen, welche Charge wann wohin ausgeliefert wurde“, schildert Prehn.

Gut vorbereitet für die nächste Grippe-Welle

Der lange Herstellungsprozess der Impfstoffe macht eine vorausschauende Planung des Bedarfs nötig. Vor jeder Grippe-Saison wird zum Beispiel die Menge der vermutlich benötigten Impfdosen aus den Erfahrungswerten der Vorjahre ermittelt. Fällt die Grippe-Welle besonders stark aus, lassen sich plötzlich mehr Menschen impfen als die Jahre zuvor – es kommt zu einem wahren Ansturm auf den Impfstoff. In solchen Fällen kann Sanofi Pasteur MSD dank SAP alle Lagerbestände in Europa überprüfen, um festzustellen, wo noch Grippeimpfstoff vorhanden ist. Diese Bestände werden dann in die Regionen geliefert, in denen erhöhter Bedarf besteht.

Weltweit arbeiten Forscherteams an der Entwicklung neuer Impfstoffe für Europa. Vor kurzem wurde der Heidelberger Forscher Professor Harald zur Hausen für die Grundlagenforschung zur Entwicklung eines Impfstoffs zur Vorbeugung von Gebärmutterhalskrebs mit dem Nobelpreis ausgezeichnet. „Unser Ziel ist die Ausweitung des Impfschutzes auf Krankheiten, gegen die es bisher noch keine Impfstoffe gibt“, so Neyret. „Außerdem arbeiten wir stets daran, bestehende Impfstoffe im Hinblick auf Verträglichkeit, Wirksamkeit und Akzeptanz zu verbessern.“

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