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SolarCoin: Wie Solarstromerzeuger mithilfe der Blockchain einen Beitrag zum Klimaschutz leisten können

Feature | 6. Juli 2017 von Jacqueline Prause 4

Die SolarCoin Foundation schafft finanzielle Anreize für Haushalte und Unternehmen, Solarstrom zu produzieren. Die Grundlage hierfür bildet die Blockchain-Technologie.

In der ländlichen Idylle Bayerns offenbart sich, wie sehr vor allem der Süden Deutschlands auf Solarstrom und damit auf eine der alternativen Energien setzt, mit denen das Land die Energiewende vorantreiben möchte: Bis 2050 soll Strom zu 60 Prozent aus erneuerbaren Energiequellen gewonnen werden. Viele der riesigen Scheunen auf den Bauernhöfen in der sonnenverwöhnten Region nördlich der Alpen sind vollständig mit Solaranlagen bedeckt. Die auf den angrenzenden Wiesen weidenden Kühe lassen sich von den hochmodernen Photovoltaik-Anlagen nicht weiter stören, und die Landwirte können ihre Scheunen damit doppelt nutzen.

Weltweit speisen bereits rund sieben Millionen Solaranlagen eine Leistung von etwa 300 Gigawatt in die Stromnetze ein, was ungefähr der Kapazität von 500 Atommeilern entspricht. Allein in Deutschland konnten 2016 insgesamt 41 GW Strom aus Sonnenkraft gewonnen werden, was mehr als sechs Prozent des gesamten Stromverbrauchs entspricht. Für ein Land außerhalb des Sonnengürtels sind diese Zahlen beeindruckend.

Klimaexperten prognostizieren infolge der globalen Erwärmung einen möglichen Anstieg der Erdtemperatur um zwei Grad Celsius bis 2050. Deshalb setzen immer mehr Menschen auf emissionsarme Energiequellen wie Sonne, Wind und Wasserkraft, um die Auswirkungen des Klimawandels zu mindern. Nach Einschätzung der Internationalen Energieagentur (IEA) könnte sich die Solarenergie bis 2050 zur größten Energiequelle für die Stromerzeugung entwickeln – noch vor anderen Energieträgern wie fossilen Brennstoffen, Wind- und Wasserkraft. Angesichts der Zahlen der IEA hoffen Solarstromerzeuger, bis dahin weitere 5.000 GW in das Netz einspeisen zu können. Damit könnten 200 Millionen Haushalte zusätzlich mit Strom aus Solarenergie versorgt werden.

Wir sind die erste Generation, die die Auswirkungen des weltweiten Klimawandels zu spüren bekommt. Zugleich sind wir aber auch die letzte Generation, die etwas dagegen tun kann. Die Technologie ist vorhanden, aber der Wille und das Geld fehlen.

Francois Sonnet, Mitbegründer des Unternehmens ElectriCChain, das der SolarCoin Foundation angehört, erklärte kürzlich in einer Sitzung des Europäischen parlamentarischen Amtes für die Bewertung der wissenschaftlichen und technischen Entscheidungen (STOA): „Wir sind die erste Generation, die die Auswirkungen des weltweiten Klimawandels zu spüren bekommt. Zugleich sind wir aber auch die letzte Generation, die etwas dagegen tun kann. Die Technologie ist vorhanden, aber der Wille und das Geld fehlen.“

Anreize für die Nutzung von Solarenergie schaffen

Anstatt weiter auf staatliche Zuwendungen für die Solarindustrie zu warten, schafft die in Greenwich im US-Bundesstaat Connecticut ansässige SolarCoin Foundation finanzielle Anreize für Haushalte und Unternehmen, Solarstrom zu produzieren. Die Grundlage hierfür bildet die Blockchain-Technologie.

Die SolarCoin Foundation wurde 2014 von einer Gruppe von Solar- und Wirtschaftsexperten gegründet und besteht aus einem internationalen Netzwerk, deren Mitglieder die Ausgabe von SolarCoins (Kürzel an den Kryptobörsen: SLR) und deren Einlösung verwalten. Erzeuger von Solarenergie erhalten pro Megawattstunde Strom einen SolarCoin, eine digitale Währung auf Basis der Blockchain. Wie viel Strom ein Erzeuger ins Netz einspeist, wird durch Zählerstandsablesungen ermittelt, die überprüft werden. Alle an die Erzeuger ausgegebenen SolarCoins werden in einer öffentlichen Transaktionsdatenbank erfasst.

Mit dem SolarCoin erhalten die Erzeuger von Solarenergie sowohl einen finanziellen Anreiz als auch eine Vergütung für ihren Beitrag zur Solarwirtschaft. Das Programm wird häufig mit den Vielfliegerprogrammen der Fluggesellschaften verglichen. „Grundsätzlich ermöglichen wir es einem Prosumenten, Strom in das Netz einzuspeisen und die Infrastruktur zu nutzen – oder auch eine komplett neue Infrastruktur aufzubauen, wie es bei den Mikronetzen in Schwellenländern der Fall ist. Die Abrechnung erfolgt direkt mit den Konsumenten, beispielsweise einem Nachbarn. Das ist das Ziel einer Peer-to-Peer-Energieversorgung“, erläutert Francois Sonnet.

Die SolarCoin Foundation ist in 32 Ländern aktiv und mit Unternehmen und Partnern in unterschiedlichen Regionen vernetzt: Solar Change ist in Südamerika, EMEA und den USA aktiv, Solcrypto verwaltet die Ausgabe von SolarCoins im asiatisch-pazifischen Raum. Das in Andorra registrierte Unternehmen ElectriCChain möchte durch die Erfassung von Solarenergiedaten die Optimierung von Solaranlagen ermöglichen sowie Fortschritte in der Entwicklung und Anwendung von Solartechnik überwachen.

Das SolarCoin-Programm wurde als erstes Blockchain-Projekt dieser Art auf länderübergreifender Ebene von der Internationalen Organisation für Erneuerbare Energien (IRENA) anerkannt. Das Partnerunternehmen ElectricChain wurde auf der letzten UN-Klimakonferenz in Marrakesch für sein bahnbrechendes Nanogrid-Projekt in der Kategorie „Haushalte“ ausgezeichnet. Diese Auszeichnungen sind eine wichtige Unterstützung für die internationale Arbeit der SolarCoin Foundation. „Nicht überall wissen die Menschen, wie nützlich Solarenergie ist“, berichtet Francois Sonnet. „Die Zusammenarbeit mit großen Institutionen wie den Vereinten Nationen und der IRENA ist definitiv eine Hilfe.“

Einfache Ernte von SolarCoins

Für die Ausgabe und Einlösung der SolarCoins nutzt die SolarCoin Foundation eine eigene Blockchain, die 200-300 Mal weniger Emissionen verursacht als die eingeschränkten Verarbeitungsmöglichkeiten der Bitcoin-Blockchain (der SolarCoin Blockchain Explorer steht unter https://chainz.cryptoid.info/slr/ zur Verfügung). Zudem ist jeder SolarCoin mit einem tatsächlichen Wert verbunden: Ein Coin entspricht einer Megawattstunde Solarstrom. Francois Sonnet zeigt anhand eines Beispiels, wie Erzeuger von Solarenergie SolarCoins sammeln können: „Wenn in München fünf Kilowatt Strom aus Solarenergie erzeugt und in sechs Megawattstunden umgesetzt werden, werden dem Erzeuger jährlich sechs SolarCoins vergütet.“

Im Rahmen des Programms haben Solarproduzenten weltweit bereits rund 420.000 SolarCoins erhalten. Weitere SolarCoins im Wert von 500 Mio. US-Dollar stehen noch zur Verfügung. Die SolarCoin Foundation hat ihr Programm auf 40 Jahre ausgelegt. In dieser Zeit sollen insgesamt 97,5 Milliarden SolarCoins ausgegeben werden, was einer produzierten Menge von 97.500 Terrawattstunden Solarenergie entspricht.

Alle sechs Monate werden die Coins über die Plattform an die Stromerzeuger ausgegeben, die außer ihrer Solaranlage keine zusätzlichen Geräte benötigen. Ein Erzeuger kann SolarCoins auf zweierlei Weise „ernten“: erstens, durch Herunterladen der digitalen Geldbörse von der SolarCoin-Website, mit der er sich SolarCoins über eine API direkt aus der Blockchain überweisen lassen kann, oder zweitens, mithilfe eines einfachen Raspberry Pi, der Daten aus der Photovoltaik-Anlage erfasst und in der Blockchain-Datenbank speichert. Derzeit wird außerdem darüber diskutiert, ob die Hersteller von Solaranlagen das SolarCoin-Protokoll direkt in ihre Anlagen integrieren können, um eine minutengenaue Abrechnung zu ermöglichen. Informationen zur Teilnahme am SolarCoin-Programm stehen unter https://solarcoin.org zur Verfügung.

Den Ausbau der Solarwirtschaft fördern

Wofür lassen sich die SolarCoins verwenden? Die meisten Erzeuger tauschen die digitale Währung an einer der vielen Kryptobörsen in Euro oder Dollar um. Derzeit beläuft sich der Wert eines SolarCoin auf etwa 0,24 US-Dollar. Daher kann es durchaus lohnenswert sein, die SolarCoins zu halten, bis das Netzwerk weiter wächst. Denn wie bei vielen Blockchain-Projekten ist mit einem deutlichen Wertzuwachs zu rechnen, sobald sich weitere Erzeuger und Unternehmen dem Netzwerk anschließen und somit weitere Knoten hinzukommen und mehr SolarCoin-Transaktionen durchgeführt werden. Je größer das Netzwerk, desto höher ist auch sein Wert. In einem Video erläutert Nick Gogerty, Mitbegründer der SolarCoin Foundation, das Konzept der Währungsbewertung im Netzwerk.

Die SolarCoin Foundation rechnet damit, dass das Netzwerk bis Ende 2019 eine Million Mitglieder haben wird. Das würde dem Projekt den nötigen Schub verleihen, damit der Wert eines SolarCoin sich zwischen 20 und 30 US-Dollar pro Megawattstunde einpendeln kann. Ein Artikel im Scientific American zieht folgendes Fazit: „Die Ausgabe von SolarCoins ist derzeit noch eine Belohnung – ein kleines Dankeschön – für die Menschen, die bereits einen Beitrag zum Klimaschutz leisten.“

Ziel ist es jedoch, dass Prosumenten ihre SolarCoins in Zukunft direkt nutzen können, um Waren und Dienstleistungen zu bezahlen. Dadurch könnte der Ausbau der Solarwirtschaft gefördert werden, die beispielsweise auch Batteriespeicher und andere Dienstleistungen anbieten könnte. „Wenn die Mitglieder unseres Netzwerks diese Möglichkeiten erkennen, so ist dies ein überzeugendes Argument für das SolarCoin-Programm“, erklärt Francois Sonnet.

Er führt aus, dass die SolarCoin Foundation plane, mittelfristig Zehntausende weitere Photovoltaik-Anlagen in das Netzwerk zu integrieren. Dadurch werden weitere Anlagenbesitzer und auch Unternehmen motiviert, sich dem Netzwerk anzuschließen. „Wir beginnen gerade erst, eine Wertschöpfung mit SolarCoin zu erzielen“, bekräftigt Francois Sonnet. „Das braucht natürlich eine gewisse Zeit, aber wenn die Zahnräder erst einmal in Bewegung sind, dreht sich das Rad wie von selbst. So schaffen wir die Voraussetzungen für die Energiewende.“

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