„Verzweiflung macht sich breit”

12. November 2012 von Heather McIlvaine 0

Javier Colado, Geschäftsführer von SAP Spanien und Portugal


Als Javier Colado im Januar 2012 die Rolle des Geschäftsführers von SAP Spanien und Portugal übernahm, lag die Arbeitslosenquote in Spanien bei 22,8 Prozent und in Portugal bei 14,6 Prozent. Die spanische Notenbank sagte einen Rückgang der spanischen Wirtschaftsleistung von 1,5 Prozent für die nächsten zwölf Monate voraus. Ihm war klar: Vier Jahre nach der Immobilienkrise, mit der alles seinen Anfang genommen hatte, war die Finanzkrise noch nirgendwo überwunden. Aber wie können Unternehmen in solch schwierigen Zeiten erfolgreich arbeiten – oder einfach nur überleben? Wenn einer eine Antwort auf diese Frage weiß, dann sicher Colado.

Aktuelles Beispiel: Für den zweiten Tag der SAPPHIRE NOW in Madrid sind Generalstreiks in ganz Spanien, Portugal und Griechenland geplant. Einen ungünstigeren Zeitpunkt kann man sich kaum vorstellen. Trotzdem macht sich der Geschäftsführer hierüber keine allzu großen Gedanken. Seiner Ansicht nach führt die „Krisenkulisse“ den Teilnehmern vor Augen, dass jede Situation im Leben auch neue Chancen bietet. Zumindest zwinge eine Krise Unternehmen, sich selbst zu hinterfragen und Dinge anders zu machen. Gerade jetzt sollten sie in Innovationen investieren, grundlegende Änderungen vornehmen, sich selbst neu erfinden und sich für die Zukunft rüsten.

SAP.info: Herr Colado, Sie sind erst relativ kurz bei der SAP. Können Sie uns etwas über sich erzählen?

Javier Colado: Ich kam im Januar 2012 zur SAP. Im IT-Sektor bin ich aber schon seit über 20 Jahren tätig. Und obwohl ich aus Spanien komme, habe ich bis letztes Jahr im Ausland gelebt. Deshalb wusste ich nicht wirklich, wie es war, hier während der Finanzkrise zu leben und zu arbeiten. Ich muss zugeben, dass ich nicht gedacht hätte, dass die Situation so schlimm sein würde, wie sie sich dann tatsächlich herausstellte.

Kann man so etwas nur wirklich nachvollziehen, wenn man in einem Land lebt und arbeitet, das gerade eine solche Krise durchläuft?

Sicher, wenn man hier lebt, hat man eine sehr klare Vorstellung, wie schlimm die Lage wirklich ist. Und da dieser Zustand nun seit vier Jahren anhält, sieht man auch klar die Auswirkungen auf die Gesellschaft. Der Konsum geht zurück. Menschen, die seit zwei oder drei Jahren arbeitslos sind, haben langsam keine Rücklagen mehr. Verzweiflung macht sich breit.

Die Finanzkrise begann 2008 im Immobilienmarkt. Wie sieht die Situation heute für Unternehmen der IT-Branche aus?

Sicherlich hat die Krise den Bausektor zuerst getroffen, aber an diesem Sektor hingen auch noch viele andere Unternehmen – beispielsweise die Zulieferer. Es gab und gibt also eine Art Welleneffekt, und die Krise betrifft nun auch Unternehmen aus anderen Bereichen. Zudem ist der Konsum im Land rückläufig – und dies wird wahrscheinlich auch noch in den nächsten ein bis zwei Jahren so bleiben. Also senken die Unternehmen ihre Kosten, schrauben die Ausgaben herunter und bemühen sich einfach um Schadensbegrenzung. Meiner Ansicht nach ist die Krise aber auch eine Chance, etwas mehr in die Offensive zu gehen. Die Unternehmen sollten investieren und auf Innovation setzen – momentan befinden sie sich aber einfach in einer Art Schockstarre.

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Javier Colado, SAP-Geschäftsführer für Spanien und Portugal, über die Wirtschaftskrise und wie spanische Unternehmen dagegen ankämpfen.

Ist es Ihrer Meinung nach Ihre Aufgabe, Unternehmen zu helfen, die Krise als Chance zu sehen? 

Genau das versuchen wir hier. Unternehmen, die ihre Arbeitsweise der Vergangenheit hinterfragen, werden viel besser dastehen, wenn die Krise vorbei ist. Die Welt ist heute global, und es gibt viele Unternehmen aus Europa und der ganzen Welt, die nach Spanien kommen, um Geschäfte zu machen. Wenn spanische Unternehmen jetzt nicht investieren, werden sie in Zukunft mit anderen Firmen nicht mehr mithalten können.

Viele Unternehmen sagen wahrscheinlich: „Wir würden ja gerne auf Innovation setzen, haben aber einfach nicht das Geld dafür.“ Wie reagieren Sie darauf?

Das ist genau das, was die meisten Unternehmen sagen. Wenn sie versuchen, Geld für Investitionen aufzutreiben, denken sie in der Regel zuerst an die Senkung ihrer Wartungsgebühren. Sie sollten aber  jeden Aspekt ihrer derzeitigen Struktur und Arbeitsweise auf den Prüfstand stellen – beispielsweise ihre Prozesse optimieren, ihre Datenarchitektur etc.. Wir haben auch die Erfahrung gemacht, dass es wichtig ist, Unternehmen zu zeigen, wie sich eine Investition entweder auf ihre Umsätze – durch Umsatzsteigerungen – oder auf ihr Ergebnis – etwa durch Einsparungen – auswirkt. Wenn sich Innovation für sie nicht rechnet, werden Unternehmen in der derzeitigen Wirtschaftslage sich gegen die Investition entscheiden. Ein weiterer wichtiger Aspekt ist die Finanzierung. In diesem Jahr haben wir einen viel größeren Anteil der Deals finanziert als früher.

In welche Neuerungen investieren Unternehmen?

Die meisten Kunden sind am Thema Mobility interessiert, besonders an Afaria. Wahrscheinlich liegt das daran, weil die Investitionen für mobile Lösungen nicht sehr hoch sind. Wir haben auch einige Kunden für SAP HANA und viele Interessenten, bei denen wir im vierten Quartal mit dem Abschluss rechnen.

Wie sind Sie als Geschäftsführer von SAP Spanien und Portugal mit der Finanzkrise umgegangen?

Ich habe mich auf drei Dinge konzentriert, die ich ändern wollte. Als ich zur SAP kam, fand ich eine Mannschaft vor, die sehr gut im Verkaufen von ERP-Lösungen war. Im Laufe des Jahres habe ich versucht, stärker auf Spezialisierung zu setzen. Wir haben unsere jeweiligen Teams für Datenbanken und Technologie, Analytik, Cloud– und Fachbereichslösungen um viele hochkarätige Mitarbeiter aufgestockt. Desweiteren war es mir wichtig, eine „One Team“-Mentalität zu schaffen. Traditionell waren in Spanien der Vertrieb und die Services komplett voneinander getrennt. Jetzt versuchen wir, bei jedem Abschluss für Innovationen auch Services dranzuhängen, um eine optimierte Implementierung sicherzustellen. Und schließlich versuchen wir, viel intensiver mit den Partnern zusammenzuarbeiten, um den Markt abzudecken. Zudem haben wir in diesem Jahr auch einige spezialisierte Partner gewonnen. Das zahlt sich bereits aus: Im Mittelstandssegment wachsen wir um 20 Prozent – mehr als jedes andere Land in der Region EMEA. Dafür gibt es meiner Ansicht nach zwei Gründe: zum einen natürlich der Vertriebskanal an sich, zum anderen die Tatsache, dass unser Team gezwungen war, aggressiver vorzugehen und Dinge anders als vorher zu machen.

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Eine Ihrer wichtigsten Änderungen war es, in Mitarbeiter zu investieren. Wie stellt sich aus Ihrer Sicht die Lage auf dem Arbeitsmarkt in Spanien und Portugal dar?

Hierzu muss ich sagen, dass die meisten Mitarbeiter, die wir eingestellt haben, Fachkräfte mit Erfahrung im Verkauf von HR-, CRM– oder mobilen Lösungen sind. In Spanien und Portugal sind sehr viele Berufseinsteiger arbeitslos, die ihren ersten Job suchen. Für diese Bewerber haben wir einfach nicht sehr viele Stellen. Trotzdem versuchen wir, unseren Beitrag zur Linderung der Arbeitslosigkeit zu leisten. Wir haben ein Team zusammengestellt, das Arbeitslosen ein spezielles SAP-Training gibt. Dahinter steckt die Idee, ihnen Grundwissen über SAP zu vermitteln, damit sie leichter einen Job finden.

Wie ist die Stimmung in Spanien – bei der SAP und allgemein?

Jeder macht sich Sorgen über die Situation im Land. Als ich wieder hierher gezogen bin, musste ich lernen, dass man sich von den Nachrichten ein bisschen fernhalten muss. Man kann sehr leicht in eine negative Stimmung geraten, wenn man sich nur auf das konzentriert, was im Fernsehen und Radio berichtet wird. Es war ein hartes Jahr bei der SAP in Spanien, aber die Stimmung ist gut. Die Mitarbeiter sehen, dass wir uns anstrengen und das Richtige tun. Die Tatsache, dass die SAPPHIRE NOW in Madrid stattfindet, zeigt, dass die SAP in Spanien investiert. Das wird uns helfen, potenzielle Kunden zu gewinnen.

Wie sieht es mit den Streiks aus?

Sicher wäre es besser für uns, wenn sie an einem anderen Tag stattfinden würden. Aber ich gehe nicht davon aus, dass es größere Störungen für die SAPPHIRE geben wird. Es kann allerdings sein, dass manche versuchen, Straßen zu blockieren oder den Verkehr in einigen Gegenden zu unterbrechen.

Was sollen die Teilnehmer Ihrer Ansicht nach von der SAPPHIRE NOW mitnehmen?

Ich hoffe, dass sie feststellen, dass es gute Geschäftsleute und Geschäftsgepflogenheiten in Spanien gibt und dass sich die Lage früher oder später bessern wird. Zudem hoffe ich, dass die SAPPHIRE das Bild von der SAP in Spanien und Portugal ändern wird. Das Image der SAP in dieser Region ist zwar gut, aber man sieht uns hier als reines IT-Unternehmen für ERP-Lösungen. Die Unternehmen sollten erkennen, was sie mit unseren Lösungsinnovationen erreichen können und wie sie damit ihre Abläufe verändern können. Und darüber hinaus haben wir natürlich auch noch unsere ganzen speziellen Branchenlösungen und viele Referenzkunden in diesen Bereichen.

Wie beurteilen Sie die Wachstumsaussichten für nächstes Jahr – sind Sie optimistisch?

Ich denke, die Lage im Land wird im nächsten Jahr ähnlich sein wie in diesem – vielleicht sogar etwas härter, wenn wir die Aufnahme in den Rettungsschirm beantragen. Bei SAP Spanien und Portugal sind wir aber in diesem Jahr sehr gut vorangekommen: Wir haben unsere Arbeitsweise verändert und uns neu erfunden. Deshalb bin ich auch davon überzeugt, dass 2013 für uns ein viel besseres Jahr wird – auch wenn sich die Situation in Spanien und Portugal nicht wesentlich ändert, wovon ich ausgehe. Mit der Krise werden wir wohl noch mindestens ein oder zwei Jahre leben müssen.

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