Soccer team in a huddle

Sports-Analytics-Software: Wie sie das Tennis verändert

Feature | 2. November 2016 von Andy Schooler 11

Sportanalyse-Lösungen halten in vielen Sportarten Einzug – so auch im Tennis, wie die WTA Finals in Singapur Ende Oktober zeigten. Die weltbesten Tennisspielerinnen und ihre Trainer nutzten dort Software der SAP, um sich buchstäblich einen „Advantage“ zu verschaffen.

Das Saisonabschlussturnier der Women’s Tennis Association (WTA) in Singapur bot den Zuschauern spannende Begegnungen. Fast hätte die Weltranglistenerste Angelique Kerber ihre Erfolgssaison mit einem Sieg bei den inoffiziellen Tennisweltmeisterschaften der WTA gekrönt. Was die Zuschauer nur am Rande mitbekamen ist, was sich in Sachen Analysesoftware im Tennis getan hat. Denn bei den Matches konnte man immer wieder beobachten, wie Trainer ihren Spielerinnen Live-Daten aus dem Spiel auf Tablets präsentierten. So konnten sich die Spielerinnen ein Bild davon machen, welche Spielweise gut funktionierte und was geändert werden musste. Bereits seit 14 Monaten stehen solche Daten zur Verfügung. Sie verändern das Spiel – und insbesondere die Arbeit der Trainer während des Matches. Für die WTA-Turniere, bei denen dieses On-Court Coaching erlaubt ist, ist dies eine absolute Neuheit, die alles auf den Kopf stellt.

Sport-Analytics-Software: Angelique_Kerber

Die derzeitige Weltranglistenerste Angelique Kerber wirft einen Blick auf die SAP-Daten

Die Daten, die von WTA-Partner SAP erfasst und zur Verfügung gestellt werden, decken ein breites Spektrum ab – etwa die Drallgebung beim Aufschlag oder den Kontaktpunkt beim Return. Nach und nach kommen immer weitere Parameter in der Analysesoftware hinzu, die über einen Zeitraum von fünf Jahren entstand. Bei der Entwicklung arbeitete Jenni Lewis, die bei SAP für die neue Analysesoftware zuständig ist, eng mit der WTA und den Spielerinnen zusammen. „Mein Team durfte neun Monate lang die Spielerinnen bei WTA-Turnieren begleiten und Interviews mit ihnen führen “, berichtet sie. „Wir haben nichts entwickelt, was nicht ausdrücklich gewünscht war. Auch die Trainer haben wir befragt, welche Funktionen sie benötigen und auf was sie verzichten könnten. Aus diesen Informationen haben wir dann die Lösung entwickelt.“

Gut vorbereitet auf die Gegnerin dank Analysedaten

Die Software liefert Detailantworten auf verschiedene Fragen, etwa wie sich die Spielweise einer Spielerin auf dem Rasen und dem Ascheplatz unterscheidet. Und wie sich die Gegnerin auf den jeweiligen Belägen verhält. Solche Daten lassen sich für unterschiedlichste Szenarien nutzen. „Wir erfassen die Daten in der Lösung und reichern sie mit Informationen – und vor allem Kontext – an“, sagt Lewis. „Wenn man beispielsweise weiß, wo die Gegnerin normalerweise ihre zweiten Aufschlag hinschlägt, kann man sich entsprechend darauf einstellen und hat eine größere Chance, den Aufschlag zu parieren“, erklärt Lewis und führt ein konkretes Beispiel an: „(Karolina) Pliskova hat zurzeit in der WTA den besten Aufschlag. Jetzt will ich wissen, wann sie die Asse schlägt – am Anfang des Spiels, wenn sie noch nicht unter Druck steht? Eine ähnliche Analyse kann ich mit Doppelfehlern machen. Am Anfang der Saison hatte Victoria Azarenka eine der höchsten Doppelfehlerquoten. Mit der Software konnten wir feststellen, dass sie viele Doppelfehler beim Stand 40-0 machte – also kein Problem. Etwas Anderes wäre es, wenn das beim Stand 30-30 passiert. Für einen Trainer ist es sehr nützlich, solche Daten bis ins Detail analysieren zu können.“

Ständig kommen neue Funktionen in der Analysesoftware hinzu

Die Tests der Analysesoftware führte die SAP in der ersten Jahreshälfte 2015 durch, sodass niemand einen Wettbewerbsvorteil hatte. Zum ersten Mal kam die Sports-Analytics-Lösung dann im August 2016 beim WTA-Turnier „Bank of the West Classic“ in Stanford zum Einsatz. „Schon beim zweiten WTA-Turnier nach der Markteinführung der Lösung hatten wir sie auf dem Platz“, sagt Lewis nicht ganz ohne Stolz. „Wir haben dann verschiedene weitere Szenarien ergänzt und fügen ständig neue Funktionen hinzu. So haben wir beispielsweise dieses Jahr ein Treffen mit Trainern in Miama veranstaltet und sie nach ihren Wünschen befragt. Dabei kam heraus, dass sie Daten zum Abstand des Balls vom Netz brauchen könnten.“

Laut Lewis nutzen rund 50 Trainer die Daten der SAP-Analysesoftware für praktisch jedes Match. Es überrascht dabei nicht, dass sich eher jüngere Trainer von der Lösung angesprochen fühlen. Aber auch viele Trainer der alten Schule seien nicht abgeneigt und würden die Software gerne mal ausprobieren.

Für ihr Produkt bedient sich die SAP verschiedener Datenquellen – von den bekannten Hawk-Eye-Kameras, die das Spielfeld zur Ballverfolgung aus verschiedenen Blickwinkeln erfassen, bis hin zum Spielstandanzeiger des Schiedsrichters. Das System geht dabei weit über das hinaus, was man von TV-Übertragungen her kennt. Es analysiert die Daten umfassend, vereinfacht sie und bringt sie in einen Kontext. Dies ist insbesondere deshalb wichtig, weil die Seitenwechselpause nur 90 Sekunden dauert und man somit nur wenig Zeit für eine umfangreiche Analyse hat. Diese kann man sich bis nach dem Spiel aufheben, denn die Sportanalyse-Software erzeugt einen 21-seitigen Bericht, der die verschiedenen Aspekte des Matches im Detail beleuchtet.

Spielanalysedaten geben Trainern Rückendeckung

Für den Trainer sind die Analysedaten zudem eine große Hilfe und Rückendeckung. Denn die Spielerin kann die Analyse des Trainers nicht mehr länger als seine rein subjektive Meinung abtun. „Was der Trainer sagt, ist jetzt nicht mehr nur seine Meinung, sondern beruht auf Fakten“, sagt Lewis. Auch Andrew Fitzpatrick, der bis vor Kurzem Trainer der britischen Weltranglistendritten Naomi Broady war, sieht das so. Seiner Ansicht nach helfen die Daten dem Trainer seine Einschätzungen „zu untermauern.“ „Man kann genau sehen, wo die Bälle aufkommen“, sagt er. „Ich kann also auf den Platz gehen und sagen ‚Dein erster oder zweiter Aufschlag geht in ihr Feld, deshalb läuft es bei Dir nicht so gut‘. Die Spielerin sagt dann vielleicht, dass sie ihrer Meinung nach gut aufschlägt. Aber dann kann ich die Szene auf dem Bildschirm aufrufen und zeigen, dass die Bälle nicht in den Ecken des Aufschlagfeldes landen.“

Analysesoftware hilft – Tennisspielen muss man trotzdem können

Trägt eine solche Software nun dazu bei, dass das Spiel besser wird? Führen die Sportanalysen vielleicht sogar dazu, dass die Spielerinnen auf dem Platz nicht mehr selbst denken? Fitzpatrick hat diesbezüglich schon Bedenken, glaubt aber andererseits, dass „Softwareunterstützung auch etwas Gutes hat, denn im Tennis hat man sich hier bis vor Kurzem noch im Steinzeitalter befunden.“

Lewis kann diese Bedenken nicht teilen. „Wir machen aus den Spielerinnen damit keine Roboter. Es kommt immer noch darauf an, was man spielerisch drauf hat“, sagt sie. „Das Verhältnis zwischen Trainer und Spielerin ist entscheidend. Sie müssen die Daten gemeinsam interpretieren. Aus unserer Sicht geben wir ihnen mit unserer Sport-Analytics-Software nur eine zusätzliche Hilfe, aber wir verändern das Spiel nicht. Die Spielerin selbst ist nach wie vor das Wichtigste. Sie muss die Strategie in ihrem Spiel umsetzen.“

Sportanalysedaten: Auch für Tennisfans interessant

Die Sportanalysedaten helfen also Trainern und Spielerinnen – die Fans haben aber weitgehend nichts davon. Und dies, obwohl die WTA immer wieder in Aussicht stellt, dass sie das Fanerlebnis verbessern möchte. Eigentlich könnten die Daten jedem, der daran interessiert ist, kostenlos zur Verfügung gestellt werden. Andererseits könnten sie auch einen kommerziellen Wert haben – man kann sich gut vorstellen, dass Spekulanten gerne die Möglichkeiten nutzen würden, solche Daten zu kaufen.

Lewis geht allerdings davon aus, dass sich beim Fanerlebnis einiges ändern wird. „Wir arbeiten mit der WTA daran, neue Plattformen aufzubauen, um Fans Zugang zu den Daten zu bieten. Seit drei Jahren können die Spielerinnen auf die Daten zugreifen. Bei den Fans stellt sich allerdings die Frage, in welchem Umfang man ihnen die Analysedaten zur Verfügung stellen soll.“ Laut Lewis machen Fans in den USA umfangreich Gebrauch von Sportdaten, beispielsweise im Baseball. In anderen Ländern, etwa in Großbritannien, seien die Fan „eher an Kontext rund um die Sportdaten interessiert.“

Bis der Zugang in der einen oder anderen Form vorliegt, wird die Sports-Analytics-Software der SAP höchstwahrscheinlich noch weitere Daten bieten. Fragt man Lewis, wie die künftige Entwicklung aussehen könnte, kommen ihr sofort „smarte“ Tennisschläger und Activity Tracker in den Kopf. Sie räumt allerdings ein, dass von den bereits jetzt vorhandenen Daten den Trainern bisher nur ein Bruchteil zur Verfügung steht. Es gibt also noch viel Potenzial bei der Nutzung von Sportdaten – die Entwicklung hat erst begonnen.

Titelfoto: Shutterstock

Tags: , ,

Leave a Reply