Standard und Innovation auf Augenhöhe

Feature | 28. November 2005 von admin 0

Die Theorie scheint einfach. Was der bekannte Management-Berater Geoffrey Moore mit Differenzierung und Produktivität als Säulen des geschäftlichen Erfolgs bezeichnet, leuchtet ein. Für Produktivität im Unternehmen sorgt eine Standardsoftware, mit der gängige Geschäftsprozesse effizient und kostengünstig abgewickelt werden. Um sich hingegen in wandelnden Märkten zu differenzieren, müssen sich mit der IT auch innovative Ideen flexibel und rasch in Geschäftsprozesse umsetzen lassen. Diese Mischung aus standardisiertem “Core” und innovativem “Context” lässt sich nur mit einer ERP-Software erreichen, die auf einer Enterprise Services Architektur aufsetzt.
mySAP ERP bildet alle wesentlichen administrativen sowie operativen Standard-Geschäftsprozesse ab und unterstützt mit integrierten Enterprise Services seit 2004 die Enterprise Services Architecture. Dieses Fundament aus Enterprise Services ist gleichzeitig die ‚enabling technology’ für innovative Geschäftsprozesse. Sie entstehen aus der Re-Kombination einzelner Services in einem anderen Kontext. Ab 2006 wird mySAP ERP durch das erste SAP ERP Content Package ergänzt, das SAP und Partner anschließend kontinuierlich erweitern.
Diese Enterprise Services werden in einem Service Repository vorgehalten. Zusammengesetzte Anwendungen, so genannte Composite Applications, lösen neue Aufgaben. Geschäftsprozesse entstehen somit erstmals aus der Geschäftssicht und nicht aus der Sicht der Entwickler. Auf diese Weise entstehen Ergebnisse deutlich effizienter und schneller als mit individuell codierten Anpassung an neue Marktanforderungen.
Vier Beispiele veranschaulichen, wie ESA die Umsetzung neuer Aufgaben auch im Bereich ‚klassischer’ ERP-Anwendungen unterstützt.

Individualisierung des SAP Procure-to-Pay-Prozesses

Die Administration Intelligence AG (AI) – ein mittelständisches Softwareunternehmen mit mehr als 300 Mitarbeitern – hat sich auf elektronische Beschaffungslösungen im Bereich öffentlicher Ausschreibungen spezialisiert. Nach deutschem Recht müssen Behörden jede Anschaffung öffentlich ausschreiben und danach dem günstigsten Anbieter den Auftrag erteilen. Für diesen Zweck benötigen öffentliche Einrichtungen entsprechende Softwarelösungen. Wie hat AI diese Aufgabe gelöst? Ausgangsbasis war der Procure-to-Pay-Prozess von SAP. Dieser wurde an die Anforderungen der öffentlichen Beschaffung angepasst durch einen Budget-Abgleich, eine öffentliche Aufforderung zur Angebotsabgabe, ein Angebots-Management, die Bewertung sowie die Selektion des Gewinners. Innerhalb des Budget-Abgleichs setzt AI auf den standardisierten SAP Budget Check. Alle genannten Funktionen werden über Web-Services in die Lösung von AI eingebunden.

Die Besonderheit liegt nicht darin, wie die teils sehr speziellen Anforderungen umgesetzt sind, sondern darin, dass AI nur über vergleichsweise wenig SAP-Know-how verfügt. Ohne Enterprise Services wäre eine zeitnahe Integration der SAP-Funktionsmodule kaum möglich gewesen. Mit Hilfe der Enterprise Services jedoch haben zwei Mitarbeiter die Aufgabe in rund einer Woche gelöst. Sie integrierten dabei individuelle Lösungen ohne jegliche Programmierungen.

Mendocino – Verbindung von Office und SAP-Software über ESA

Ein weiteres Beispiel entstammt dem Mendocino-Projekt von SAP und Microsoft. Mendocino steht für die Integration von Microsoft Office-Anwendungen und SAP-Lösungen. Ein Urlaubsantrag erscheint trivial, ist jedoch im Hintergrund mit unterschiedlichen Prozessen verknüpft. Mindestens zwei Schritte sind notwendig, wenn der Mitarbeiter eines Unternehmens diesen Antrag stellt. Zunächst füllt er einen Urlaubsantrag aus. In vielen Unternehmen geschieht dies über die SAP-Komponente für das Personalwesen ebenso elektronisch wie die Vorlage beim Vorgesetzten. Nach erteilter Zustimmung folgt der zweite Schritt: Der gleiche Zeitraum wird im elektronischen Outlook-Kalender eingetragen. Diese beiden Arbeitsschritte sind redundant.

Was läuft anders in Mendocino? Hier wird der Urlaubsantrag nur einmal im Outlook-Kalender ‚mit Vorbehalt’ erfasst. Danach leitet das System diesen Vorgang automatisch zur Freigabe weiter. Wenn auf dem Mitarbeiterkonto innerhalb von SAP Human Resources noch Resturlaub verfügbar ist und der Vorgesetzte den Antrag genehmigt, wird der Status für diesen Zeitraum im Kalender automatisch auf ‚gebucht’ verändert. Mehrere Services stellen die Schnittstelle zwischen der Personalplanung auf SAP Seite und Outlook her. So werden die Daten aus dem Outlook-Kalender per Service an die Personalplanung weitergereicht und von dort wieder zurück an Outlook.

Berichte für das Management

Das vorangegangene Beispiel steht für den Datenweg von Microsoft hin zu SAP. In entgegengesetzter Richtung lässt sich die Verbindung verwenden, wenn regelmäßig entscheidungsrelevante Berichte abgefragt werden. Mendocino kann automatisiert Daten sammeln, Berichte erstellen und diese automatisch an die Anwender verteilen. Jeder gewünschte Bericht kommt in der vorgesehenen Frequenz an den Arbeitsplatz und wird in Outlook wie eine E-Mail behandelt.

Diese Berichte beziehen stets aktuelle Daten aus den SAP-Lösungen, denn es handelt sich um einen Link in den Datenbestand, nicht um eine Kopie der Ergebnisse zum Zeitpunkt der Serviceausführung. Berechtigte Mitarbeiter können diese rollenabhängig anfordern, ohne dass es dazu besonderer SAP-Kenntnisse bedarf.
Beide Beispiele zeichnen sich dadurch aus, dass die Lösungen weder bei Microsoft, noch bei SAP individuell programmiert wurden. Beide Hersteller verwenden Enterprise Services. Sie erweitern damit die Funktionen und steigern die Produktivität ihrer Software-Lösungen.

SAP xCQM – Cost and Quotation Management – eine Composite Application

SAP xCQM ist ein stand-alone-Produkt, das in keiner anderen Lösung von SAP enthalten ist. SAP xCQM unterstützt die Preisfindung für ein spezifisches Produkt und berücksichtigt dabei auch die Kundensituation, etwa in Hinblick auf die Kreditwürdigkeit.
Bei der Entwicklung des Produkts wurde nicht programmiert. Die Composite Application entstand aus SAP-Funktionsmodulen mit Hilfe visueller Werkzeuge. Um seine Aufgaben zu lösen, bezieht SAP xCQM Funktionen aus SAP Business Information Warehouse, SAP Enterprise Portal, SAP Exchange Infrastructure, mySAP ERP, mySAP Supplier Relationship Management und fügt diese via Enterprise Services zu einem einzigen Geschäftsprozess zusammen. Schon jetzt stellt mySAP ERP Services zur Verfügung, die Lösungen wie die von AI möglich machen. Mendocino und xCQM basieren ebenfalls auf diesen Services. Sie wurden mit dem SAP NetWeaver Visual Composer erstellt.

Innovative Geschäftsmodelle erstellen

Innovative Geschäftsprozesse lassen sich aus vorhandenen Services mit Werkzeugen wie SAP NetWeaver Visual Composer komponieren. Dazu ordnet man Service-Objekte grafisch entsprechend ihrer geplanten Ausführungs-Reihenfolge an und verbindet sie. Der resultierende Programmcode wird automatisch generiert. Das Ergebnis, der komponierte Service stellt sich als URL dar, die mit jedem Browser aufgerufen werden kann ist.

Die mySAP ERP Solution Map zeigt eine Vielzahl von Funktionsbereichen auf, die in mySAP ERP enthalten sind. An “Sprechblasen” in der Solution Map lässt sich die die Anzahl der Services ablesen, die für den jeweiligen Funktionsbereich verfügbar sind. Die Zahlen unterstreichen, dass Enterprise Services bereits heute integraler Bestandteil von mySAP ERP sind.

Dr. Wolfgang Schaper

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