Talanx macht’s vor

10. September 2012 von Christiane Pütter 0

Foto: Talanx

Die Ansprüche waren hoch: Zwei Tochtergesellschaften integrieren, nach einem Investitionsstau in der IT neu durchstarten, und dann noch einen eigenen IT-Dienstleister gründen. Thomas Noth, CIO der drittgrößten Versicherungsgruppe in Deutschland, der Talanx aus Hannover, hatte 2009 viel zu tun. Sein favorisierter Lösungsweg ging über Standard-Software. Dafür suchte er einen Partner – und fand ihn in der SAP. Gemeinsam entwickelten beide Unternehmen Standard-Software für die Versicherung. Die Walldorfer lieferten Produkte und Consulting, als Partner für die Systemintegration kam Accenture dazu.

Exemplarisch seien einige Meilensteine des Projektes genannt: Die Sparte Haftpflicht migrierten die Entscheider als Erste – das bedeutete mehr als 500.000 bestehende Verträge. Gleichzeitig führte die Talanx ein neues SAP-In/Exkasso-System ein. Als drittes Vorhaben stand die Weiterentwicklung der Systeme für Arbeits-Management, Scannen und Indizieren sowie Partnerdatenverwaltung und Schaden-Management auf der Liste.

Vorreiter in einer konservativen Branche

Noch 2012 soll das Megaprojekt der Ablösung alter Systeme samt Einführung der neuen Software abgeschlossen werden. Bisher jedenfalls zeigt sich Noth mit dem Verlauf zufrieden. Er ist nun Vorreiter in einer als konservativ bekannten Branche – in Sachen IT sind deutsche Versicherer nicht gerade First Mover. Noth hätte nichts dagegen, wenn die Branche von seinen Erfahrungen profitiert. Sollte sie auch: Ali Sunyaev, Juniorprofessor für Wirtschaftsinformatik an der Universität zu Köln, sieht in einer Studie über strategische IT-Trends einen “Trend zum Einsatz von Standard-Software” bei deutschen Assekuranzen, wenn auch in gemächlichem Tempo.

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Thomas Noth, Foto: Talanx

Vielleicht bringt Noths Arbeit jetzt Schwung in das Segment. „Die Bereitschaft der Branche für den Einsatz von Standard-Software steigt aktuell sehr deutlich. Dies wird auch bei der Vorstellung der Ergebnisse des Talanx-Projektes von CIOs anderer Versicherungen bestätigt“, sagt Bernhard Graf, Business Development Director Insurance Germany bei SAP Deutschland. Er saß bei dem Talanx-Projekt mit im Boot. Hinsichtlich der Gesamtbranche sagt er, die Treiber für die zukünftige Nutzung von Standard-Software seien “so vielfältig wie die Versicherungsunternehmen selbst”.

Sowohl SAP-Manager Graf als auch Talanx-CIO Thomas Noth sehen die Branche durch viele, teils sehr alte und selbstgebaute Systeme mit einer großen Anzahl von Schnittstellen geprägt. Das ziehe hohe Kosten und Ressourcenbindung für Wartung nach sich. “Dies stellt nicht selten ein unternehmerisches Risiko dar und hindert die Unternehmen, Produkt- und Prozess-Innovation in der gewünschten Form und Geschwindigkeit umzusetzen”, sagt Graf. “Ist jedoch eine flexible Standard-Software wie die SAP for Insurance Lösung implementiert, kann man hierfür Freiräume schaffen.”

Schritt in die Versicherungsbranche “logische Folge”

Standard-Lösungen für Versicherungen – der Gedanke mag zunächst ungewohnt sein. Ruediger Spies, Independent Vice President Enterprise Applications bei IDC Central Europe, hält den Schritt der SAP aber nicht für abwegig. Der Analyst erinnert an die “lange Tradition” der Zusammenarbeit der Walldorfer mit Finanzdienstleistern zumindest im Bereich Banking. So hatte die Postbank zum Beispiel 2003 ein SAP-Kontoführungssystem eingeführt und ist Ende 2010 auf das neue Kernbanken-System migriert, die Deutsche Bank erklärte Anfang 2010, ihr neues Kernbank-System auf SAP aufsetzen zu wollen. Spies kommentiert: “Insofern ist der Schritt in die Versicherungsbranche eine logische Folge.”

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Man müsse jedoch klar sehen, dass die SAP in dieser Branche „bisher kein Platzhirsch“ sei, so der Analyst weiter. Er führt aus: “Da aber eine Reihe von Versicherungen ohnehin schon mit SAP arbeiten – nicht im Kernversicherungsbereich, aber beispielsweise beim Asset Management oder auf den Gebieten Einkauf oder Human Ressources – ist der Eintritt in dieses Segment überaus sinnvoll.“

Und SAP Deutschland-Manager Graf sagt: „Die Übertragbarkeit der positiven Ergebnisse aus dem Talanx Projekt kann zumindest im Bereich der Sachversicherungen angenommen werden. Somit bietet sich für Mittelständler, aber auch kleinere Unternehmen eine ernstzunehmende Alternative zur Eigenentwicklung oder zu Branchenlösungen für kleinere Versicherungen.“

Gesamter IT-Markt gefordert

Talanx-CIO Thomas Noth sieht in dieser Hinsicht aber zunächst einmal zusätzlich den gesamten IT-Markt gefordert: “Für kleinere und mittlere Unternehmen ist entscheidend, ob die Lieferanten – und hier ist nicht nur die SAP gemeint, sondern sind auch Partner für Integration und Betrieb angesprochen – umfassendere Migrations-, Einführungs- und Betriebsmodelle anbieten können”, sagt er. “Denn für kleine Firmen und Mittelständler ist ein attraktiver Business Case nicht einfach zu erreichen.”

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