Transparenz in der Lieferkette

Feature | 5. Oktober 2005 von admin 0

Welche Vorteile hat die RFID-Technologie gegenüber dem EAN-128-Barcodeformat?

Die Vorteile gegenüber dem Barcode lassen sich unter den drei Begriffen Schnelligkeit, Effizienz und Transparenz zusammenfassen. Mit RFID können Daten kontaktlos ausgelesen werden, das heißt, der RFID-Transponder benötigt weder physischen noch optischen Kontakt mit dem Lesegerät. Das führt zu einer wesentlichen Beschleunigung der Prozesse. Hinzu kommt, dass RFID alle Produkte auf einer Palette im Pulk erfasst und ausliest. Beim Barcode dagegen muss jedes Produkt einzeln eingescannt werden.

In der Lieferkette kommt der RFID-Technologie eine besondere Rolle zu: Der Smart Chip, der auf Paletten und Transportverpackungen aufgebracht wird, ermöglicht die genaue Lokalisierung von Produkten – und zwar von der Fertigung bis ins Ladenregal. Damit werden Verluste verringert, Ausverkaufssituationen vermieden, das Bestellmanagement optimiert und somit alle Prozesse effizienter gestaltet. Die lückenlose Nachverfolgbarkeit bringt natürlich auch mehr Transparenz in die Lieferkette, denn ein Unternehmen weiß jederzeit, welches Produkt sich wo befindet. Interne und externe logistische Prozesse lassen sich mit RFID deutlich verbessern.
Meiner Ansicht nach wird sich das Potenzial von RFID aber nur mittelfristig durchsetzen, da die Technologie erst in ein paar Jahren reibungslos in einem übergreifenden Supplier Network eingesetzt werden kann. Das hängt unter anderem davon ab, dass die hundertprozentige Lesegenauigkeit derzeit zwar in Testumgebungen schon erreicht wird, in der Praxis jedoch noch nicht.

In welchen Branchen kann RFID wirtschaftlich sinnvoll und effizient eingesetzt werden?

Eine pauschale Antwort auf diese Frage gibt es nicht. RFID kann sehr vielschichtig und individuell eingesetzt werden. Viel hängt davon ab, wie ein Unternehmen sowohl von seinen Prozessen als auch von seiner IT her auf RFID vorbereitet ist. Derzeit eignet sich die Technologie, unter Branchengesichtspunkten betrachtet, vor allem für Zulieferbetriebe im Handel sowie für Logistikdienstleister. RFID kann aber auch in Krankenhäusern eingesetzt werden, etwa um die Medikamentenzuteilung zu verbessern.

Unabhängig von einer Branche können RFID-Tags außerdem verwendet werden, um den Echtheitsnachweis von Produkten, etwa von Originalersatzteilen eines Automobil-Herstellers oder für hochwertige Uhren eines Markenartiklers, zu erbringen. Dank ihrer Unempfindlichkeit gegenüber Schlägen oder Stößen lassen sich Smart Chips aber auch in vielen anderen Bereichen nutzen, etwa im Container- oder Behältermanagement.

Jeder Chip muss auch mit einem Lesegerät kommunizieren können. Wie weit ist denn hier die Standardisierung schon vorangeschritten?

Damit die Technologie langfristig massentauglich wird, ist es enorm wichtig, einen übergreifenden Standard zu etablieren. Unter den aktuellen Bedingungen hat der EPC (Electronic Product Code) die besten Chancen, sich weltweit durchzusetzen. Aber das ist schwer vorauszusagen. Sollte EPC sich nicht zum Standard aufschwingen, wird es darauf ankommen, dass die Lesegeräte und die Back-Office-Systeme mit unterschiedlichen Codierungen und Frequenzen umgehen können.

Welche Wettbewerbsvorteile bringt RFID den mittelständischen Firmen?

Hier ist zwischen mehreren Ebenen zu unterscheiden. Erstens: Wettbewerbsvorteile lassen sich am besten aus der Prozesssicht heraus realisieren. Mit RFID kann ein Mittelständler die Durchlaufzeiten verkürzen, seine Lieferzeiten beschleunigen und die Lagerhaltung verringern. Kann er dadurch schneller liefern, hat er im Wettbewerb definitiv die Nase vorn. Derzeit ist das vor allem im Handel sowie bei Transport- und Logistikdienstleistern der Fall.

Zweitens: Steigt ein Mittelständler als „early adopter“ bereits jetzt in die Technologie ein, hat er zumindest einen psychologischen Vorteil gegenüber der Konkurrenz. Firmen, die früh mit Pilotprojekten beginnen, werden später auch umfassende RFID-Einführungen schneller bewältigen. Das ist ein weiteres Plus gegenüber denen, die sich mit diesem Thema bisher noch nicht auseinander gesetzt haben.
Drittens: Ein zentraler Punkt ist die Kosten-Nutzen-Relation einer RFID-Investition und die Frage, ab wann sich die Ausgaben rechnen. Deshalb – das hat auch unsere Untersuchung gezeigt – sind viele Unternehmen erst bereit, in diese Technologie zu investieren, wenn die Integrationsfähigkeit der einzelnen RFID-Komponenten zugenommen hat und die Kosten für das Gesamtsystem gesunken sind. Unter anderem müssen auch die Tags deutlich billiger werden.

Stichwort „billig“: RFID-Etiketten, die so genannten Tags, sind derzeit noch relativ teuer. Was muss geschehen, damit sie künftig auf dem berühmten Jogurtbecher kostendeckend angebracht werden können?

Das wird noch einige Zeit dauern, denn momentan kostet ein RFID-Tag fast so viel wie ein Jogurtbecher. Je mehr RFID aber zum Massenmarkt wird, desto billiger werden auch die Tags, denn wenn die Produktionskosten sinken, sinken auch die Preise. Aber die Chips sind ja nur ein Faktor im Gesamtsystem RFID. Um die auf den Chips gespeicherten Daten auszulesen, zu verarbeiten und zu analysieren, benötigen die Mittelständler außerdem die entsprechenden systemtechnischen Voraussetzungen, etwa in Form moderner und leistungsfähiger IT-Infrastrukturen, also beispielsweise ERP-Systeme inklusive Warehouse Management.

Ein weiterer Aspekt: Tag ist nicht gleich Tag. Es gibt einmal beschreibbare und mehrfach beschreibbare, passive und aktive Tags. Je nach Funktionalität variieren die Kosten dafür sehr stark. So genannte passive Tags sind auf Grund ihrer einfacheren Bauart (u.a. ohne Stromversorgung) meist deutlich günstiger als die batteriebetriebenen aktiven Tags. Eine Realtime-Lokalisierung ist aufgrund der größeren Sendereichweite allerdings nur mit Letzteren möglich. Unter Umständen rechnet sich also der aktive, mehrfach beschreibbare und damit teurere Chip für einen Mittelständler eher als die billigere, passive Version. Sie sehen, wer in die RFID-Technologie investieren will, steht schnell vor einer komplexen Entscheidung.

Was sollten Mittelständler beachten, wenn sie die RFID-Technologie wirtschaftlich effizient einführen und nutzen wollen?

Wie schon gesagt, ein Unternehmen muss sehr umfassende und vielschichtige Fragen beantworten. Zunächst heißt es, die richtigen Prozesse zu identifizieren und die passende Integrations-Plattform zu finden, auf der die gesammelten Daten gespeichert und ausgewertet werden. Da eine RFID-Einführung immer auch Prozessabläufe tangiert, empfehle ich zudem, neutrale Berater von außen hinzuzuziehen. Das schützt in der Regel vor falschen oder „betriebsblinden“ Entscheidungen.

Nach der Devise „Think big, start small“ sollten Mittelständler mit kleinen und überschaubaren Pilotprojekten beginnen. Dort können sie RFID zunächst in begrenztem Umfang testen und sukzessive technologisches Wissen aufbauen. Gefragt ist also eine Symbiose aus technischer Machbarkeit und wirtschaftlicher Zweckmäßigkeit. Die zu finden ist nicht ganz leicht, doch wer sich daran hält, wird künftig von effizienteren Prozessen und mehr Wettbewerbsfähigkeit profitieren.

Dr. Andreas Schaffry

Dr. Andreas Schaffry

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