Überlegene Produkte sichern Wettbewerbsfähigkeit

Feature | 31. März 2004 von admin 0

Herr Dettmering, allgemein werden dem ganzheitlichen Management des Produktlebenszyklus (Product Lifecycle Management) und damit der PLM-Software von führenden Marktforschungsinstituten in den nächsten Jahren hohe Wachstumsraten vorhergesagt. Sind diese Einschätzungen und Erwartungen auch für den mittelständischen Markt realistisch?

PLM steckt noch in den Kinderschuhen, ähnlich wie Enterprise Resource Planning in den 70er und 80er Jahren. Ermöglicht wird PLM erst durch moderne Rechenleistung, nötig wird es aufgrund fachspezifischer Systeme, die eine Flut an Daten produzieren, wie beispielsweise die CAD-Systeme (Computer Aided Design). Großunternehmen spielten im Bereich PLM eine Vorreiterrolle, denn sie haben den Nutzen eines ganzheitlichen Ansatzes im Sinne von PLM bereits früh erkannt und investieren enorme Summen in entsprechende Forschung und Technik. Solchen Aufwand kann ein mittelständisches Unternehmen natürlich nicht leisten. Zum einen ist das wirtschaftliche Risiko viel zu groß, zum anderen können sich mittelständische Unternehmen aus strategischen Gesichtspunkten keine Individuallösungen erlauben. Die Ansprüche des Mittelstandes – hohe Qualität, kurze Entwicklungszeit, geringe Kosten sowie Erfüllung von Kundenanforderungen – und die daraus resultierenden Anforderungen an PLM sind dabei aber keinesfalls geringer als bei Großunternehmen. Der Mittelstand wird mit zunehmender Standardisierung der Technologien und Erfahrungen im PLM nachziehen.

Der Begriff PLM wird in der Regel mit Branchen wie Luft- und Raumfahrt, Automobiltechnik, Elektronik, Maschinen- und Anlagenbau in Verbindung gebracht. Gibt es weitere Branchen, in denen Sie künftig Entwicklungspotenziale für PLM sehen?

PLM wird für alle Branchen, die an der Entwicklung und/oder Konstruktion eines Produktes beteiligt sind, relevant werden, gleich ob eine Firma im Gerätebau große mechatronische Anlagen in Einzelfertigung entwickelt, Zulieferer in der Automobilindustrie ist oder vergleichbar einfache Produkte in Serienfertigung konstruiert. Die Gestalt des PLM wird in diesen drei Beispielen jedoch sehr unterschiedlich ausfallen.

Wie aber kann ein Mittelständler überhaupt abschätzen, ob PLM für ihn relevant ist?

Grundsätzlich lässt sich der Nutzen von PLM in zwei Kategorien einteilen: Zum einen entsteht ein direkter wirtschaftlicher Vorteil, zum anderen ein strategischer. Der wirtschaftliche Nutzen liegt beispielsweise in kürzeren Entwicklungszeiten, besserer Wiederverwendung, Reduktion von Fehlern. PLM erhöht zudem die Qualität des Produktes und des Produktentstehungsprozesses. So kann PLM auch einen Beitrag zur ISO-9000-Zertifizierung leisten. In der Automobilindustrie ist es teilweise schon jetzt Stand der Dinge, dass große OEMs (Original Equipment Manufacturer) in puncto PLM hohe Anforderungen an ihre Zulieferfirmen stellen oder es gar zur Conditio sine qua non erheben, bevor diese als solche zugelassen werden.

Darüber hinaus werden die gesetzlichen Rahmenbedingungen immer restriktiver. Ist ein Unternehmen in der Lebensmittelindustrie tätig, wird es zukünftig der Produktrückverfolgung unterliegen. Gehört der mittelständische Betrieb beispielsweise zur Luft- und Raumfahrtbranche, muss er eine Langzeitarchivierung gewährleisten. Das sind nur einige Beispiele für den strategischen Nutzen von PLM. Sieht ein Mittelständler Potenzial in den aufgeführten Punkten, sollte er sich in jedem Fall näher mit dem Thema PLM auseinander setzen.

Was sind die primären Ziele, die ein Mittelständler mit dem Einsatz eines PLM verfolgt beziehungsweise verfolgen sollte?

Die Facetten mittelständischer Firmen sind sehr unterschiedlich, doch bleiben gewisse Zielsetzungen immer gleich. Jedes Unternehmen möchte die Qualität seiner Produkte erhöhen und den Produktentstehungsprozess so kurz wie möglich gestalten. Ansätze, die mittels PLM verfolgt werden können, sind zum Beispiel Automation von Prozessen, Steigerung der Wiederverwendung, Transparenz in Produkt und Prozess, konfigurierbare Produktstrukturen oder Durchgängigkeit durch intelligente Schnittstellen. Dazu kommen – wie schon erwähnt – Ansprüche an Prozesse und Dokumentation, die aus der ISO-9000-Zertifizierung resultieren. Einige Unternehmen haben zudem individuelle Anforderungen. Ein Beispiel ist der Zulieferer, der als „verlängerte Werkbank“ in den Produktionsprozess eines anderen Unternehmens eingebunden ist.

Wie weit sind Ihrer Meinung nach SMBs inzwischen bei der Verfolgung dieser Ziele?

Implizit managt ja jedes Unternehmen seine Produkte und deren Lebenszyklen, nur geschieht dies derzeit vorwiegend manuell. So fängt das Thema PLM schon mit der Einführung einer Strukturverwaltung im CAD oder mit einer Schnittstelle von der konstruktiven Welt zum ERP an. In diesen Punkten haben die meisten Unternehmen schon jetzt einen Anfang geschaffen. Jedoch erfüllen die Produktstrukturen, die in CAD-Systeme abgelegt werden, nur einfache Ansprüche an Teilaspekte des Produktes. Eventuell nutzen Mittelständler auch CAD-nahe TDM-Systeme (Technical Data Management), welche die Gruppenarbeit unterstützen, CAD-Dokumente sowie den Zugriff auf diese verwalten und einfache Workflows ermöglichen. Diesen Systemen fehlt es aber an der Disziplin- und Software-übergreifenden Unterstützung. Ein durchgängiges, unternehmensweites, auf Standards basierendes PLM haben meines Wissens bisher die wenigsten SMBs.

Meist ist in Zusammenhang mit PLM auch von Produktdatenmanagement (PDM) die Rede. Oft werden – so scheint es – beide Begriffe synonym verwendet. Wo liegen die Unterschiede, wo die Gemeinsamkeiten zwischen PLM und PDM?

Die Begriffe PDM und PLM werden oft äquivalent verwendet. Eine klare Abgrenzung konnte sich bisher nicht durchsetzen. Aus wissenschaftlicher Sicht ist Produktdatenmanagement nur der Teilaspekt von PLM, der konstruktionsnah für die Verwaltung der Produktdaten ganzheitlich verantwortlich ist. PLM dagegen unterstützt den Produktlebenszyklus von der Ideenfindung bis zum Recycling. Softwarehersteller nutzen häufig die fehlende klare Abgrenzung und ersetzen PDM durch die modernere Abkürzung PLM.

Was sollten SMBs bei der Auswahl einer PLM-Software unbedingt beachten?

Oft wird fälschlicherweise die Einführung einer PLM-Software mit der Einführung einer PLM-Strategie gleichgestellt. Ein mittelständisches Unternehmen sollte zunächst eine Zielsetzung mit einem entsprechenden Konzept zum PLM erarbeiten, bevor eine spezielle Software ins Auge gefasst wird. Wichtiger als eine Software ist die dauerhafte Integration des Product Lifecycle Management als Gesamtkonzept für die Wertschöpfung in die Unternehmensabläufe. Ein durchgängiges PLM darf nicht als Einführung beziehungsweise Betrieb eines weiteren IT-Systems – wie Produktdatenmanagement (PDM) oder Enterprise Resource Planning (ERP) – gesehen werden, sondern es integriert diese Systeme als Teilkonzepte zu einer Gesamtlösung für das Informationsmanagement im Unternehmen. Sind zur Konzeptverwirklichung ein oder mehrere weitere Systeme notwendig, ist bei der Wahl einer Software im sehr vielseitigen IT-Markt neben der Produkt- und Prozessunterstützung auf eine zukunftsorientierte Software-Architektur zu achten, die gängige Standards beispielsweise der Internet-Technologie unterstützen sollte, so dass die zukünftige IT-Landschaft im Unternehmen modular aufgebaut werden kann. Dennoch lässt sich in den meisten Fällen eine Systemanpassung nicht vermeiden. Kein Unternehmen wird auf dem Markt ein System finden, welches die unternehmensspezifischen Anforderungen vollständig abdeckt. Ein Werkzeug, das mittelständischen Firmen die Softwareauswahl erleichtert, wird derzeit im Rahmen des Projektes PLM4KMU entwickelt.

Herr Dettmering, wir danken für das Gespräch.

Dr. Andreas Schaffry

Dr. Andreas Schaffry

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