Variantenkonfiguration unter SAP ERP

Feature | 13. Februar 2008 von Markus Jaeckle, Marin Ukalovic 0

Ganz klar: Produzierende Branchen müssen ihre Produkt- und Modellpalette – geschuldet dem Nachfrageverhalten – heute stark an den Kundenbedürfnissen ausrichten. Dadurch steigt nicht nur die Komplexität der Produkte, sondern auch die Zahl der Produktvarianten. Schon bei Standardausführungen, etwa von Druckmaschinen, gibt es je nach Kundenwunsch eine Vielzahl von Konfigurationsmöglichkeiten und damit von Varianten.

Der SAP-Variantenkonfigurator (LO-VC) ist das bewährte Werkzeug, um Varianten effizient zu verwalten. Kein anderer Konfigurator ist so eng in SAP ERP integriert. Das Werkzeug bildet alle Merkmale der verschiedenen Varianten eines Produkts mit ihren wechselseitigen Beziehungen ab. Das sorgt für eine einheitliche Wissensbasis mit wenigen Stammdaten und überschaubaren Strukturen.

Als integraler Bestandteil von SAP ERP unterstützt LO-VC zudem alle Prozesse in Beschaffung, Logistik, Produktentwicklung, Produktion und Vertrieb. Damit lässt sich auf Basis eines vorher festgelegten Regelwerks, dem Beziehungswissen, sofort die technische Machbarkeit einer Variante, ihr Preis sowie das Datum der Auslieferung bestimmen.

SAP entwickelt die Variantenkonfiguration kontinuierlich weiter und nimmt dabei auch praxisorientierte Impulse aus der Configuration Workgroup (CWG) auf. Die CWG ist ein Konsortium von mehrheitlich aus der Fertigungsindustrie stammenden SAP-Kunden.

Wichtige Weiterentwicklungen

Eine der wichtigsten Weiterentwicklungen ist die Produktmodellierungsumgebung für die Variantenkonfiguration, Product Modeling Environment for Variant Configuration (PME VC). Sie ist ab SAP ERP in der Version 2004 verfügbar. Das anwenderfreundliche und eigenständige Modellierungswerkzeug ist in alle logistischen Abläufe eingebettet und bietet eine integrierte Umgebung für die interaktive Konfiguration mit übersichtlicher Navigation.

Zentrale Bestandteile sind der Modellbaum, der die “Modellsicht” liefert, der Arbeitsbereich für den Import von Merkmalen oder Beziehungen sowie der Detailbereich, der weiterführende Informationen zu einem Modell bereitstellt und Änderungen ermöglicht.

Dank der Modellsicht lassen sich neue Produktmodelle auf Basis bestehender Materialstämme, Klassen, Merkmale und Stücklisten aufbauen und übersichtlich aus nur einer Transaktion heraus pflegen. Per Mausklick können für jedes Produktmerkmal die entsprechenden Ausprägungen (Werte) hergeleitet werden. Da die Baumstruktur einen vollständigen Blick auf jedes konfigurierte Modell erlaubt, lassen sich auch neue Modelle schneller festlegen. Das wiederum beschleunigt die Prozesse bei der Produktentwicklung.

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Zusätzliche Funktionalitäten

Die Modellierungsumgebung wurde in der aktuellen Version von SAP ERP um zusätzliche Funktionalität erweitert. Dazu gehören unter anderem der Dependency Editor und der Dependency Wizard.

Der Dependency Editor führt Modellierer durch sämtliche Abläufe bei der Konfiguration eines Modells und unterstützt so den fehlerfreien Aufbau von Beziehungswissen. Er zeigt an, welche Modellalternativen möglich sind und welche sich ausschließen. Somit erlaubt er, Beziehungen zu erstellen und zu pflegen. Er bietet zudem eine F4-Hilfe-Funktion, die zu einer aktuellen Position die verfügbare Syntax beziehungsweise die Objekte anzeigt. Auf diese Weise prüfen Anwender leicht, welches Element als nächstes vom System erwartet wird, und erzeugen auf diese Weise eine syntaktisch korrekte Beziehung.

Weiß ein Anwender beim Aufbau einer Beziehung beispielsweise nicht den korrekten Default-Befehl, wird ihm dieser, nämlich $SET_DEFAULT, über die Hilfefunktion angeboten. Auch andere Anforderungen der CWG wurden umgesetzt: So ist es nun möglich, direkt das Beziehungswissen inklusive der erforderlichen Kopfdaten automatisch auszudrucken. Das war vorher nicht möglich, sondern musste manuell über Copy und Paste erledigt werden. Die Kopfdaten sind vergleichbar mit Fußzeilen eines Word-Dokuments. Sie enthalten wichtige Daten, wie etwa den Namen des Beziehungswissens und dessen Ablageort.

Mit der seit SAP ERP 6.0 verfügbaren Funktion des “Table Constraint Wizard” ist es möglich, auf Tabellen basierende Constraints – eine komplexe Form des SAP-Beziehungswissens – ohne explizites Vorwissen anzulegen. Hiermit lässt sich bei Aufbau und Pflege von SAP-Beziehungswissen und bei der Einarbeitung neuer Mitarbeiter viel Zeit sparen.

Online-Zugriff auf Konfiguration

Für viele Fertigungsunternehmen ist die Konfiguration inzwischen ein zentraler Bestandteil im Vertriebsprozess, ob vor Ort bei Kunden durch einen Vertriebsmitarbeiter oder über Kunden- und Händlerportale. In allen Fällen ist der Online-Zugriff auf die in SAP ERP hinterlegte Produktlogik inklusive der Material- und Produktpreise erforderlich. Nur so lassen sich kundenindividuelle Varianten fehlerfrei erstellen sowie der spätere Verkaufspreis sicher kalkulieren.

Das passende Werkzeug hierfür ist die Configuration Engine (früher: SAP Internet Pricing and Configurator, SAP IPC). Sie kann ab SAP ERP 6.0 ebenfalls zur Produktkonfiguration direkt im SD-Beleg des ERP-Systems verwendet werden. Technisch gesehen ist die Configuration Engine – ursprünglich eine Komponente von SAP Customer Relationship Management (SAP CRM) – jetzt Bestandteil der Application Platform von SAP NetWeaver. Sie läuft auf dem SAP NetWeaver Application Server.

SAP-Kunden, die Absatzkanäle sowohl über SAP ERP – etwa in Verbindung mit der Webshop-Lösung SAP E-Commerce for SAP ERP – als auch über SAP CRM bedienen, verfügen mit der Configuration Engine nun über ein einheitliches Konfigurations-Werkzeug zur Produktkonfiguration.

Voraussetzung hierfür ist der Aufbau einer eigenen und in sich gekapselten Wissensbasis in der Configuration Engine. Dazu wird die im Variantenkonfigurator von SAP ERP hinterlegte und gepflegte Konfigurationslogik (etwa Produktdaten, Klassen, Merkmale, Stücklisten und Beziehungswissen) in Form so genannter Wissensbasisobjekte extrahiert und mittels SAP-Standardschnittstellen in die Configuration Engine geladen. Die Pflege dieser Wissensbasen ist ähnlich wie bei anderen Variantenmodellen in SAP ERP.

Bei bestehenden Modellen sollte lediglich die Deltaliste beachtet werden, in der die Unterschiede zwischen LO-VC und Modellen der Configuration Engine deklariert sind. Hat beispielsweise ein Verkäufer beim Kunden den Konfigurationsprozess inklusive Preisfindung mit der Configuration Engine abgeschlossen, werden die Daten in den Variantenkonfigurator von SAP ERP zurückgespielt. Dort stoßen sie dann die erforderlichen Prozesse in Planung und Disposition, Einkauf, Produktion sowie Versand an.

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Gemeinsame Wissensbasis

Die Wissensbasisobjekte sind replizierbar und lassen sich somit in jeder Anwendung nutzen, die auf die Configuration Engine zurückgreift – sei es SAP CRM, SAP ERP oder SAP E-Commerce for SAP ERP. Auf diese Weise erhalten verschiedene Anwenderkreise eines Unternehmens wie Außendienst, Innendienst oder Produktionsplanung ein gemeinsames Werkzeug zur Produktkonfiguration.

Das vermeidet Redundanzen im Informationsfluss, verringert Reibungsverluste entlang der Prozesskette und beschleunigt Abläufe von der Konfiguration über die Kalkulation bis hin zu Produktion und Auslieferung.

Ein weiteres Plus: Alle Anwender arbeiten auf einer einheitlichen und webbasierten Benutzeroberfläche. Anpassungen und Erweiterungen der Oberfläche müssen nur einmal durchgeführt werden und sind dann in jeder Anwendung wirksam. PME VC sowie die Configuration Engine arbeiten mit bestehenden Produktmodellen, die mit früheren Releaseständen des SAP-Variantenkonfigurators erstellt wurden. Darüber hinaus entfallen Installation und Betrieb auf separaten Datenbanken und Servern, was Betriebskosten in beträchtlicher Höhe spart.

Einfache CRM-Szenarien

Auch Fertigungsunternehmen, die nicht über eine CRM-Lösung verfügen, können rasch einfache CRM- und E-Commerce-Szenarien aufbauen, mit durchgängigen Prozessabläufen ohne Medienbrüche. Das ermöglicht die Kombination der Configuration Engine mit der Shoplösung SAP E-Commerce for SAP ERP.

Beispielsweise arbeiten die kleineren Händler und Vertriebsniederlassungen des Druckmaschinenherstellers MAN Roland Druckmaschinen GmbH mit lokalen Installationen. Sie haben in der Regel keinen Zugriff auf die zentrale SAP-R/3-Software in der Offenbacher Zentrale. Bis vor kurzem übermittelten diese Händler ihre Angebote und Bestellungen per Fax oder E-Mail an die Zentrale. Dort wurden sie von Mitarbeitern im Vertriebsinnendienst auf Plausibilität und Machbarkeit geprüft, per Hand in die SAP-Software eingetragen und wiederum per Mail oder Fax bestätigt.

Das ist heute anders. Sämtliche Prozesse von der Konfiguration über die Preisfindung bis zur Angebotserstellung und deren Umwandlung in eine Bestellung laufen jetzt vollständig integriert und ohne manuelle Nachbearbeitung. Die Handelspartner sind über ein Online-Portal auf Basis von SAP-E-Commerce for SAP ERP in die Firmenprozesse eingebunden.
Im Portal gibt es einen Konfigurator, in dem die Produktlogik aus dem ERP-System online über die Configuration Engine zugänglich gemacht wird.

Das stellt sicher, dass alle Konfigurationen bei eingehenden Bestellungen technisch korrekt und vollständig sind. Angebots- sowie Bestelldaten fließen automatisch in das ERP-Backend und werden dort als SD-Beleg mit eindeutig identifizierbarer Belegnummer abgelegt.

Auf diese Weise gestaltet MAN Roland die Vertriebsprozesse zu Kunden jetzt deutlich effizienter, beschleunigt die Bestellabwicklung, verkürzt Durchlaufzeiten und erhöht die Auskunftsfähigkeit zum Status von Aufträgen.

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