Verdrängt VoIP bald die herkömmliche Telefonie?

Feature | 21. Juni 2006 von admin 0

Jochen Nölle

Jochen Nölle

Herr Nölle, wie kommt es, dass in Japan bereits 60 Prozent der Bevölkerung über VoIP telefonieren, in Deutschland aber nur zehn?

Nölle: In China sind es ebenfalls über 50 Prozent. Das hängt damit zusammen, dass in diesen Ländern bislang noch kein Festnetz existierte. Dort setzt man jetzt gleich auf moderne VoIP-Technik.

Internet aus der Steckdose, Telefonie via Internet – mehrmals wurden diese beiden Themen in den vergangenen Jahren diskutiert. Wird es nun ernst mit VoIP?

Nölle: Die bislang eingesetzten Datennetze waren für Echtzeitdienste wie Telefonie nicht geeignet. Eine Verzögerung der Übertragung um ein paar Zehntel- oder Millisekunden war bisher unkritisch. Beim Telefonieren via Internet muss jedoch besonders auf die verzögerungsfreie Übertragung geachtet werden, damit sich die Teilnehmer nicht gegenseitig ins Wort fallen. Weitere Netzwerkeffekte können dazu führen, dass Datenpakete im Netzwerk verloren gehen und die Sprachqualität beeinträchtigen. Nun erst ermöglicht eine neue Netzwerktechnik die bevorzugte Übertragung von Sprache, so dass andere – weniger zeitkritische – Datendienste bei Überlastungen im Netz ausgebremst werden.Zur Zeit gleichen sich die Angebote stark aneinander an: Telefonieren über Fernsehkabelnetze oder DSL gehört jetzt schon zum Alltag. Das Schlagwort heißt Triple-Play. Damit ist gemeint, dass Sprachtelefonie, Datenanwendungen und TV-Angebote (IP-TV) über einen einzigen Datennetzanschluss laufen. In naher Zukunft werden auch Fernsehübertragungen über den Datenkanal neben VoIP Einzug ins Wohnzimmer halten.

Und warum zögern kleine und mittlere Unternehmen, die neue Technologie einzuführen?

Nölle: Diese Unternehmen standen bisher der neuen Technik noch skeptisch gegenüber. VoIP galt als unausgereift und wurde mit schlechter Sprachqualität verbunden. In der Anfangsphase wurden VoIP-Migrationen häufig nicht sauber geplant, so dass zahlreiche Kunden tatsächlich mit der Lösung unzufrieden waren.

Welche Sicherheits- und Qualitätsprobleme sind bei VoIP noch zu beheben?

Nölle: Eine flächendeckende Verschlüsselung der Gespräche ist bislang nicht gegeben. Das trifft auch auf die öffentlichen Telefoniedienste zu. Unternehmen können jedoch den internen VoIP-Verkehr zwischen mehreren Standorten vollständig verschlüsseln. Auf all diesen Netzwerkstrecken, die für Sprachübertragung verwendet werden, müssen ausreichend Bandbreite und geringe Verzögerungszeiten im Netz gesichert sein.

Wie können sich VoIP-Nutzer davor schützen, dass ihre Gesprächsdaten geknackt und missbraucht werden?

Nölle: Eine richtig installierte Hardware und das nötige Sicherheitspaket machen es Hackern zumindest schwer. Bereits ein persönliches Passwort schützt den Zugang zur VoIP-Hardware vor unbefugten Eingriffen. Der Standard des Secure Real Time Protocols (SRTP) beispielsweise verhindert, dass Dritte unbemerkt an einem VoIP-Gespräch teilhaben, indem die übertragenen Gesprächsdaten verschlüsselt werden. Auch die so genannten Signalisierungsinformationen, die die Telefonnummern des Anrufers und des Angerufenen enthalten, lassen sich verschlüsseln.

Wie weit sind internationale Standards für VoIP gediehen – und wer treibt sie voran?

Nölle: Die unterschiedlichsten Gremien erarbeiten Standards. Die Internationale Fernmeldeunion ITU entwickelt internationale Telekom-Standards, während die Internet Engineering Task Force (IETF) den Internet-orientierten Ansatz verfolgt, der sich im populären Standard Session Initiation Protocol (SIP) widerspiegelt. Darüber hinaus bemühen sich das Konsortium 3rd Generation Partnership Project (3GPP) und das Europäische Institut für Telekommunikationsnormen (ETSI) derzeit um mehr Konvergenz der Fest- und Mobilnetze.

An wen richtet sich das Portal VoIP-Info.de?

Nölle: Einerseits an Geschäftskunden, die sich über die Technik von VoIP informieren, Anbieter suchen oder im Projektgeschäft arbeiten möchten. Aber auch an Privatkunden: Ihnen bietet das Portal Informationen über technische Grundlagen und die Möglichkeit, Tarife abzufragen. Alle Besucher finden bei uns tagesaktuelle Nachrichten sowie Literatur- und Veranstaltungshinweise.

Sehen Sie im deutschsprachigen Raum besonderen Informations- oder Überzeugungsbedarf über VoIP?

Nölle: Das deutsche Festnetz hat eine lange Tradition und gilt als sehr zuverlässig. Deshalb war es lange Zeit schwer für die VoIP-Industrie, sich an diesen Qualitätsmaßstäben messen zu lassen. Außerdem ist die Regulierung des deutschen Telekommunikationsmarktes ein Hemmschuh für die Ausbreitung für VoIP über DSL-Netzwerke, weil in der Vergangenheit ein DSL-Anschluss nur zusammen mit einem Analog- oder ISDN-Anschluss zu bekommen war. In diesem Jahr bieten jedoch zahlreiche Unternehmen einen “reinen” DSL-Anschluss an, über den die Kunden auch per VoIP telefonieren können.

Gibt es – weltweit betrachtet – ähnliche Portale?

Nölle: Ja, beispielsweise das Consumer-Portal http://voxilla.com/ des gleichnamigen Anbieters, das englischsprachige Newsportal http://www.voip-news.com/ von Tippit Inc. oder das technisch orientierte http://www.sipcenter.com/ das von Ubiquity Software Corporation betreut wird.

Sie geben auf Ihrer Homepage auch eine E-Mail-ähnliche, so genannte SIP-Adresse zum Telefonieren an. Wie geht denn das?

Nölle: Die Telefonnummer im E-Mail-Format ist heute eher eine Spielerei für Benutzer sogenannter Softclients oder von VoIP-Hardware-Endgeräten. Es funktioniert wie bei einer normalen Telefonnummer, nur dass anstelle der Rufnummer, diese “Zieladresse” eingegeben wird.

Seit kurzer Zeit ist ENUM auch in Deutschland im Produktivbetrieb. Hinter diesem Begriff verbirgt sich eine Lösung, die alle Dienste wie privates und geschäftliches Telefon, Fax, Webseiten oder E-Mail unter einer einzigen Telefonnummer erreichbar macht. Welche Rolle spielt ENUM für die weitere Verbreitung von VoIP?

Nölle: ENUM bietet eine ganze Palette technischer Perspektiven: Einmal ermöglicht es, Festnetzanrufe einfach ins VoIP-Netz zu leiten und umgekehrt. Außerdem lassen sich mehrere Funktionen der so genannten Homezone mit Hilfe von ENUM umsetzen, so dass man zu günstigeren Konditionen zu Hause telefonieren können. Weiterhin kann ein Anrufer mit Hilfe von ENUM über sein Endgerät feststellen, ob ein gewünschter Festnetzanschluss über VoIP erreichbar ist.

Was sagen Sie zu den Vorwürfen, die Billigpreise über VoIP seien zum Teil ein Bluff – wie jüngst in der Zeitschrift “Computer Partner” zu lesen war?

Nölle: Wie bei allen Telefontarifen sollte ein Kunde stets genau vergleichen und auch die Bedingungen wie sekunden- oder die ungünstigere minutenbasierte Abrechnung mit in Betracht ziehen. Call-by-Call-Anbieter verwenden meist selbst VoIP-Netze, deshalb ist es verständlich, dass die Tarife mit denen von VoIP-Anbietern vergleichbar sind.

Für wen also ist VoIP wirklich günstiger?

Nölle: Vieltelefonierer fahren heute mit einer Flatrate für knapp 10 Euro am günstigsten bei Anrufen ins Festnetz. Diese Tarife gibt es sowohl für VoIP, als auch bei Festnetzanbietern. Insbesondere Anrufe in Mobilfunknetze und ins Ausland sind bei VoIP häufig preiswerter. Das ist aber im jeweiligen Einzelfall zu prüfen und mit anderen Tarifen zu vergleichen.

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