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Versorgungswirtschaft: Die 3 neuen Realitäten

Feature | 19. September 2016 von Andreas Schmitz 1

Kundenspezifische Services rund um Strom, Wasser und Gas sind für Versorgungsunternehmen essenziell, um gegen die Discounter auf dem Markt mithalten zu können. Die Digitalisierung schafft die Voraussetzung dafür.

Sie heißt kWhapp und ist das neueste “Baby“ des Stromkonzerns Yello Strom: Kaum ist der Zählerstand in der App per Smartphone eingetippt oder eingescannt, schon berechnet das Programm den voraussichtlichen Stromverbrauch auf das Jahr hochgerechnet. Ist er niedriger als erwartet, lässt sich auch gleich der monatliche Abschlag anpassen. Der Strompreis ist das „Sorgenkind“ der Deutschen. Mit 30 Cent pro Kilowattstunde zahlt ein durchschnittlicher deutscher Haushalt dreimal so viel wie ein Bulgare und doppelt so viel wie ein Pole. Nur die Dänen müssen für Strom noch tiefer in die Tasche greifen. Kein Wunder also, dass sich mit digitalen Services rund um den Strompreis Kunden gewinnen lassen.


Die neuen Anforderungen an die Versorgungswirtschaft durch die Digitalisierung stehen im Mittelpunkt des SAP-Forums für die Versorgungswirtschaft, das am 3. und 4. November 2016 in Münster stattfindet. Hier geht es zur Anmeldung.


Realität 1: Kunden wechseln Stromanbieter über das Internet

„Über 85 Prozent der Konsumenten bereiten die Entscheidung für ihren Stromanbieter über eine Recherche im Internet vor“, meint Herbert Schuster, auf die Versorgungsbranche spezialisierter Professor in der Fakultät für Wirtschaftsinformatik der SRH Hochschule Heidelberg. Der Strompreis variiert von Anbieter zu Anbieter und manche Kunden wechseln, sobald ein günstigeres Angebot vorliegt. Dass Anbieter wie Yello Strom oder Extraenergie keine Netzbetreiber, sondern auf Vertrieb spezialisierte Gesellschaften sind, fällt bei der Entscheidung der Kunden oft nicht ins Gewicht.

„Extraenergie wechselt seine Tarife täglich, registriert Kündigungsimpulse in einzelnen Regionen, lockt mit Boni, bietet Billig- oder Ökostrom“, analysiert Schuster, der sich bei der Entscheidung für einen Stromanbieter bereits an einen Einkauf bei Amazon erinnert fühlt. „Im Spiel mit den Geschwindigkeiten siegt derjenige, der in Stunden denkt und nicht in Tagen – und schon gar nicht in Jahren“, so Schuster, der auf Stadtwerke anspielt, die einmal im Jahr ihre Preise justieren.

Realität 2: Kunden bestimmen den Energiemix

Verantwortlich für diese Entwicklung ist nicht zuletzt der Mix aus klassischen Energiequellen wie Kohle- und Atomkraftwerken und erneuerbaren Energien wie Wind und Sonne. Jahr für Jahr wächst der Anteil der erneuerbaren Energien am Bruttostromverbrauch in Deutschland, zuletzt nach Zahlen aus dem Bundesministerium für Wirtschaft und Energie um 19 Prozent auf 32,6 Prozent in 2015. Entsprechend rechnen Experten damit, dass Technologien für eine höhere Energieeffizienz, zur Solar- und Windenergiegewinnung sowie Speichertechnologien bis 2030 die wichtigste Rolle spielen werden, so Ergebnisse einer Studie aus dem Beratungshaus PWC. Die Herausforderungen: Das Wetter lässt sich nicht so gut vorhersagen, wie der Verbrennungsprozess der Kohle oder die Kettenreaktion in Brennelementen. Zudem entsteht Energie nicht mehr nur in großen Kraftwerken wie etwa Windparks, sondern auch diversen kleinen einzelnen Photovoltaikanlagen, deren Energie ebenfalls eingespeist wird.

Realität 3: Erneuerbare Energien werden immer wichtiger

„Der Enabler für die Einbindung erneuerbarer Energien ist die Digitalisierung“, erläutert Experte Schuster, den die Einspeisung der Energie aus derart heterogenen Quellen an ein Fußballspiel mit mehr als 22 Spielern und mehreren Bällen erinnert: „Das ist sehr kompliziert und dafür sind sehr schnelle und intelligente Systeme nötig“, meint Schuster. Diese Energiemanagementsysteme enthalten Prognosemodelle. Sie berechnen, wie viel Energie der erwartete Wind oder die Sonne einbringen werden, beziehen mit ein, ob Energie für einen Werktag benötigt wird, an dem die meisten Menschen bei der Arbeit sind und kalkulieren, wie viel Strom wohl benötigt wird, wenn zu erwarten ist, dass viele Fernseher eingeschaltet sein werden, wie bei dem Endspiel einer Fußballweltmeisterschaft.

Erfolg = Digitale Strategie + Automatisierung + intelligente Datennutzung

Diese drei Realitäten haben eines gemeinsam: Sie erfordern eine digitale Strategie. Neben der Automatisierung der Prozesse und der Fitness, Daten intelligent verarbeiten zu können, gehört diese Strategie laut Experte Schuster zu den drei Erfolgsfaktoren für Unternehmen in der Versorgungswirtschaft. Über 90 Prozent der Unternehmen in der Branche thematisieren das aktuell intern, doch nur drei bis fünf Prozent der Unternehmen zählt Schuster aktuell zu den „wirklich agilen EVU, die mit den digitalen Möglichkeiten spielen“. Dass noch gewaltiger Nachholbedarf in den Unternehmen besteht, zeigte im vergangenen Jahr auch eine Studie des Beratungshauses Capgemini. Nur jedes fünfte Unternehmen hatte vor einem Jahr bereits die technischen Möglichkeiten für die Analyse von großen Datenmengen (Big Data), obwohl sie die wichtigsten „Trigger“ für Datenwachstum bereits identifiziert hatten: Intelligente Zähler („Smart Meter“) sowie Energiemanagementsysteme.

Digitale Geschäftsmodelle: Die Daten der Kunden nutzen

„Viele Jahre haben Versorger ausschließlich Energie geliefert, jetzt müssen sie die Daten über die Kunden für sich nutzen“, beschreibt Schuster die Erweiterung des bisherigen Geschäftsmodells. Dazu gehört, Studenten einen besonderen Tarif anzubieten, da sie vorrangig nachts Strom benötigen oder andere Kundengruppen zu clustern, die Gemeinsamkeiten haben. „Den passenden, fairen Tarif für jeden Einzelnen anbieten und mit der Nutzung der privaten Daten transparent umgehen“, benennt Schuster eine wichtige Voraussetzung für Versorgungsunternehmen. Im Wettbewerb mit den Strom-Discountern haben etwa Stadtwerke den einen oder anderen Trumpf noch in der Hand. Denn was spricht dagegen, seinem regionalen Energieversorger im Urlaub dafür einzuspannen, über die Verbrauchsdaten zu überprüfen, dass sich niemand in seinem Haus aufhält oder ihm gar Schlüssel in die Hand zu drücken, um ab und zu nach dem rechten zu schauen.

Weitere Informationen

SAP-Lösungen für die Versorgungswirtschaft unterstützen Kunden darin, Prozesse zu straffen, den Kundenservice zu optimieren und maßgeschneiderte Energieprodukte anzubieten. Hier bekommen Sie eine Übersicht über die wichtigsten Lösungen für die Branche.

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