Software ohne neue Hardware

Feature | 17. August 2009 von Michael Zipf 0

Es brummt wie in einem klimatisierten Hotelzimmer auf Hawaii – nur um Einiges lauter. Aber André Bögelsack ist nicht im Urlaub, sondern bei der Arbeit. Schon wieder musste er sich auf den Weg in den Keller machen, um in dem kleinen, fensterlosen Raum nach dem Rechten zu sehen. Hier hat das SAP UCC der Technischen Universität München seine Server untergebracht.

Und nun lässt sich einer der Server nicht mehr hochfahren. Das bringt André Bögelsack lieber schnell in Ordnung, sonst steht bei dem Administrator des UCC und seinen Kollegen das Telefon nicht mehr still. Können doch dann möglicherweise einige seiner Kunden – dazu zählen inzwischen rund 100 Hochschulen in Europa – ihre SAP-Systeme nicht wie geplant für Schulungen, Vorlesungen oder Forschung nutzen.

Im Keller zieht Bögelsack eine Festplatte aus dem defekten Server, um sie gleich in einen anderen, darunter stehenden Server einzuschieben. Jetzt noch die Kabel umstecken, dann kann’s wieder losgehen. „Kabel umstecken? Das war einmal“, sagt André Bögelsack, nachdem er von den Anfangszeiten im UCC erzählt hat. Heute verwaltet er das kleine Rechenzentrum, auf dessen rund 50 Servern derzeit 120 SAP-Systeme laufen, von seinem Laptop aus. Eher aus Gewohnheit und nicht, weil es notwendig wäre, läuft er einmal pro Tag in den Keller und schaut, „wie´s meinen Kindern geht“.

Dass André Bögelsack heute ganz entspannt seine Kellerrunde drehen kann, verdankt er auch einer Infrastruktur, die ganz auf Virtualisierung setzt – und damit für alle Beteiligten die Kosten senkt.

Hohes Maß an Sicherheit

Als das UCC 2003 seinen Betrieb aufnahm, verfügte es über eine der größten Installationen von Sun-Blade-Servern in Deutschland. 2005 brachte Sun das Betriebssystem Solaris 10 auf den Markt. Die Server wurden leistungsfähiger und konnten nun vier bis fünf statt bisher nur ein SAP-System aufnehmen. Ende 2006 veröffentlichte Sun das Release 11/06 ihres Betriebssystems Solaris 10 und führte das Konzept der Zonen ein. So begann auch im UCC das Zeitalter der Virtualisierung.

Zonen sind nach außen abgeschottete Ablaufumgebungen (Container), mit denen sich Betriebssysteme und Anwendungen virtualisieren, sprich voneinander trennen lassen. Jedes Solaris 10-System enthält mindestens eine Zone, die sogenannte globale Zone. Diese Zone enthält den Kernel des Betriebssystems und die wichtigsten Services des Servers. Die meisten administrativen Tätigkeiten finden in der globalen Zone statt. Aus der globalen Zone heraus lassen sich bis zu 8.192 lokale Zonen einteilen. Diese lokalen Zonen sind vollständig voneinander getrennt, was ein hohes Maß an Sicherheit bietet. Das Zonenkonzept von Sun gilt bei Virtualisierungsexperten als ein Beispiel für die Partitionierung über das Betriebssystem. Über den „Solaris Resource Manager“ lassen sich den Zonen die gerade notwendigen Kapazitäten dynamisch zuordnen.

Im UCC laufen die SAP-Systeme in lokalen Zonen: je eine lokale Zone für einen Teil eines SAP-Systems. So kann jedes SAP-System oder ein Teil davon unabhängig von den anderen Systemen auf demselben Host gewartet und bei Bedarf neu gestartet oder auch eine Zone auf einen anderen Server verschoben werden. „Damit können wir die Ausfallzeiten fast komplett reduzieren“, sagt André Bögelsack. „Und wir sind erheblich flexibler geworden und können auf unterschiedliche Anforderungen der Kunden schnell reagieren.“

So weist das aktuelle Schulungsprogramm einer angeschlossenen Hochschule zum Beispiel Dienstag morgens einen Kurs aus, in dem die Handhabung einer SAP-Business-Intelligence-Lösung anhand von Fallstudien geübt wird. Wenn die 20 Studenten gleichzeitig einen „InfoCube“ aktivieren, muss die Zone auf dem Server im UCC, auf dem das SAP-System läuft, Schwerstarbeit leisten. Die Sun-Infrastruktur ermöglicht es dann, die Kapazitäten entsprechend hochzufahren. Selbst am Samstag stehen die UCC-Server unter hoher Belastung: Dann nämlich üben viele Studenten noch einmal, was sie unter der Woche gelernt haben. Gleichzeitig finden an vielen Universitäten sogenannte Blockveranstaltungen über mehrere Stunden statt. „Solche Zeiten hoher Belastung wechseln sich ab mit Zeiten, in denen die Server nicht gebraucht werden“, sagt André Bögelsack. „Virtualisierung hilft uns, die Spitzen durch dynamische Ressourcenverteilung abzufedern, ohne ständig neue Hardware hinzukaufen zu müssen.“

Belastungsspitzen abfedern

Neue, zusätzliche Server wären längst nötig geworden, wollen doch immer mehr Universitäten von den Diensten des UCC profitieren. „Wir wachsen mit dem Erfolg der SAP und mit dem Erfolg des SAP-University-Alliances-Programms“, sagt Professor Helmut Krcmar, Inhaber der Lehrstuhls für Wirtschaftsinformatik an der TU München und akademischer Leiter des UCC. Aber das UCC könne nicht einfach ständig neue Hardware hinzukaufen. Krcmar: „Deshalb wird weiteres Wachstum für uns erst durch Virtualisierung möglich.“

Rund 100 virtuelle Maschinen hat das UCC inzwischen auf gerade mal 21 Servern im Einsatz – und der Grad der Virtualisierung steigt weiter. So kann das UCC schnell neue Hochschulen ans Netz anschließen, ohne wochenlang auf neue Hardware zu warten. Darüber hinaus reduziert es den „Plattenverschnitt“, wie es Krcmar ausdrückt: Die Festplatten im UCC-Rechenzentrum würden durch Virtualisierung fast komplett genutzt. „Ein wichtiges Kostenargument für uns und unsere Kunden.“ Vor der Einführung von Storagevirtualisierung konnte nur der direkt an einem Server angeschlossene Speicherplatz genutzt werden – so konnte nur ein Server vom Speicher profitieren. Im virtualisierten Umfeld können nun alle Server vom Speicherplatz profitieren.

Die Kunden des UCC profitieren noch in anderer Hinsicht von den Virtualisierungsinitiativen am UCC. So erforschen die UCC-Mitarbeiter ständig, wie Sun und SAP beim Thema Virtualisierung noch mehr voneinander profitieren können und wie sich komplexe SAP Landschaften mithilfe von Virtualisierungslösungen noch besser auslasten lassen. Krcmar: „Wir können hier sehr praktisch forschen. Davon profitieren die Hersteller der Hard- und Software, und wir können so die Qualität der Ausbildung der Dozenten und Studenten erhöhen.“

Auch UCC-Administrator Bögelsack hat in den vergangenen Jahren so einiges dazugelernt. Ohne Virtualisierung wäre es wohl kaum möglich, dass er noch immer alleine die Hardware des UCC-Rechenzentrums verwaltet. Und wenn er sich nach einem Hotelzimmer auf Hawaii sehnt, reicht ja ein Gang in den Keller.

UC

Mit dem SAP University Competence Center (UC) versorgt die Technische Universität München europaweit mehr als 100 Universitäten, Fachhochschulen, Berufsakademien und berufsbildende Schulen mit SAP-Anwendungen und begleitenden Dienstleistungen. Derzeit gibt es fünf UC weltweit: Neben der TU München auch an der Universität in Magdeburg/Deutschland, in Chico und Milwaukee/USA sowie an der Queensland University of Technology in Brisbane/ Australien. Die UCC sind Teil des SAP University- Alliances-Programms.

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