“Virtuelle Technik für reales gesellschaftliches Engagement”

Feature | 15. März 2004 von admin 0

Beth Noveck

Beth Noveck

Frau Noveck, was hat Sie dazu bewegt, diese Konferenz zu organisieren?

Noveck: Virtuelle Umgebungen, in die man visuelldreidimensional eintauchen kann, werden meines Erachtens die nächste große Herausforderung der virtuellen Welt sein. Auf der Konferenz haben wir erörtert, wie sich diese Dreidimensionalität auf unser Verständnis der virtuellen Welt auswirkt. Auch drehte es sich uns um Rechtsfragen in der virtuellen Welt, die seit ungefähr zehn Jahren von der Wissenschaft erforscht werden. Zudem nutzten wir die Gelegenheit, über juristische Probleme der virtuellen Welt im Zusammenhang mit dem Recht an geistigem und sonstigem Eigentum zu diskutieren.

Die Konferenz sollte uns auch Klarheit darüber bringen, ob sich Spiele als Testumgebung eignen, mögliche neue juristische Funktionen und potenzielle neue politische Institutionen auszuprobieren. Und: Eignen sich Spiele, menschliche Interaktion zu erforschen? Virtuelle Probeläufe und Feldversuche sind natürlich viel kosteneffektiver als Tests unter den Bedingungen der realen Welt.
Mir persönlich ging es um die Frage, warum sich Menschen zunehmend aus ihrem gesellschaftlichen Umfeld in der realen Welt zurückziehen. Viele Leute gehen weder wählen, noch engagieren sie sich gesellschaftlich. In ihrer Freizeit dagegen nehmen sie aktiv am Leben in virtuellen Gemeinschaften teil. Dort tun sie genau das, was sie in der echten Welt nicht mehr tun. Vielleicht hilft uns die virtuelle Welt zu verstehen, wie wir die Gesellschaft in der realen Welt mit neuem Leben füllen können.

Ihrer Meinung nach wird sich in den kommenden Jahren die Frage nach den geistigen Eigentumsrechten an Online-Spielen wegen juristischer Präzedenzfälle verschärft stellen. Was sehen Sie da auf uns zukommen?

Noveck: Um die Rechte an geistigem Eigentum in der virtuellen Welt wird ein Streit entbrennen. Spiele-Unternehmen werden Rechte an Spielfiguren, Objekten, Spielmotiven und allem, was in der virtuellen Welt geschaffen wird, geltend machen. Außerdem werden diese Unternehmen vermutlich auch versuchen, den unkontrollierten Handel mit virtuellen Waren zu unterbinden. Die Richtung, in die diese Vorstöße gehen werden, ist noch nicht ganz klar. Sicher ist aber, dass die Spiele-Unternehmen danach trachten, durch Verträge und Abonnementvereinbarungen umfassende Rechte am geistigen Eigentum eines Online-Spiels für sich zu reklamieren.

Zentral erscheint mir hierbei die Frage, in welchem Umfang die Justiz die Rechte von Figuren in Spielewelten schützen wird. Meiner Meinung nach sollte die Rechtsprechung das Eigentumsrecht an einer Figur auch demjenigen zugestehen, der sie geschaffen hat. Das gilt insbesondere, weil virtuelle Welten nicht mehr länger bloß zum Spielen dienen. Sie werden ja zunehmend auch in die Wirtschafts- und Arbeitswelt eingebunden. In Zukunft werden wir vielleicht für virtuelle Umgebungen unsere eigenen Figuren erfinden, vergleichbar mit dem Besitz einer persönlichen E-Mail-Adresse. Um diese Figur werden wir uns dann genauso kümmern wie um unsere Identität in der echten Welt. Das Konzept “Identität” wird sich meines Erachtens immer stärker auch auf virtuelle Welten ausdehnen. Dann sollten diese virtuellen Identitäten auch per Gesetz geschützt sein.

Sie befassen sich schwerpunktmäßig mit dem Recht und den politischen Prinzipien im Bereich Information und Technologie. Sie arbeiten insbesondere zum Thema “Technologie und Bürgerrechte”. Was sind die grundlegenden Probleme, denen sich die Politiker heute stellen müssen?

Noveck: Die Politik muss zunächst sicher stellen, dass der öffentliche Bereich ausreichend geschützt ist. Das Urheberrecht gesteht einem Urheber das Recht zu, zur Förderung seiner Kreativität seine Arbeit in eigener Regie zu reproduzieren und zu vertreiben. Die Menschen müssen in der digitalen Welt aber auch Ideen und Informationen tauschen und Kulturprodukte handeln können. Derzeit halten sich das Urheberrecht und die im ersten US-Verfassungszusatz garantierte Meinungs- und Religionsfreiheit gerade eben die Waage.

Es besteht jedoch die Gefahr, dass diese Balance gestört wird. Das Gleichgewicht ist nicht nur durch eine Gesetzgebung und Rechtsprechung gefährdet, die sich möglicher Weise im Wandel befindet, sondern auch durch Technologien, die zur Privatisierung von Informationen verwendet werden. Eigentümer von Informationen und Inhalten lassen derzeit sehr effektiv ihre Inhalte schützen. Sie geben sich aber nicht allein damit zufrieden, die Kontrolle über die Reproduktion und Distribution dieser Inhalte zu haben. Sie wollen darüber hinaus auch bestimmen, wie Andere diese Informationen verwenden dürfen. Damit ist das Gleichgewicht zwischen Urheberrecht und Meinungsfreiheit enorm gefährdet. Es wird zunehmend schwierig, den für die Meinungsfreiheit so wichtigen ungehinderten Informationsfluss zu garantieren.
Eine zweite wesentliche Aufgabenstellung der Politik ist es, Innovationen im Bereich der Zivilgesellschaft zu fördern. Software muss so gestaltet sein, dass sie demokratische Prozesse unterstützt. Es gilt, Werkzeuge zu schaffen, die die Bürger bei den von ihnen gewünschten Aktivitäten unterstützen. Die gegenwärtigen Lösungen für das E-Government beispielsweise erfüllen diese Anforderungen nicht. Wir sollten deshalb überlegen, wie wir mit neuen interaktiven Technologien neue Formen der Beteiligung am gesellschaftlichen Leben und der Politik ermöglichen können.

Wie sollten nach Ihrer Ansicht öffentliche Verwaltungen und Softwarehersteller diese Herausforderung meistern?

Noveck: Öffentliche Verwaltungen und Software-Unternehmen müssen sich gemeinsam überlegen, wie sie bei der Gestaltung von Software bestimmte fundamentale Werte berücksichtigen. Das gilt insbesondere für die im Bereich öffentlicher Verwaltungen verwendeten Programme. Die US-Regierung – wie viele andere öffentliche Verwaltungen in der Welt – ist derzeit beispielsweise dabei, sämtliche Dienstleistungen der Bundesbehörden im Internet verfügbar zu machen. Die Regierung will den gesamten Verwaltungsapparat auf einer Website bündeln. Bürger haben per Gesetz das Recht, bei der Ausgestaltung der Arbeit einer Behörde mitzuwirken. Aber in welcher Form soll das möglich sein? Doch nicht etwa nur, indem Freitextfelder auf einer Web-Seite mit dem Namen und einem kleinen Formular ausgefüllt und abgeschickt werden dürfen.

Diese Umsetzung des Rechts auf Mitbestimmung ist eine Katastrophe. Eine solche Ausgestaltung der technischen Voraussetzungen verhindert jegliche verantwortungsvolle und konstruktive Teilnahme am öffentlichen Leben. Hier sollten Unternehmen und Behörden zusammenarbeiten. Die Software-Unternehmen kennen den neuesten Stand der Technik und können dadurch gesellschaftliche Innovationen fördern.

Was sind die zentralen Probleme, die Politiker bei der Regelung des elektronischen Handels angehen müssen? Gibt es Gesetzeslücken, die geschlossen werden müssen?

Noveck: Eine ganz wichtige Frage betrifft die Art und Weise, wie mit Informationen auf globaler Ebene umgegangen wird. Da gibt es Ungereimtheiten und unterschiedliche Vorgehensweisen, etwa bei der Regulierung von Werbung, der Regelung der gerichtlichen Zuständigkeiten und bei den gesetzlichen Bestimmungen für Warenverkäufe im Internet. Ungereimtheiten gibt es aber auch beim Umgang mit den bei einer Transaktion anfallenden persönlichen Daten oder bei der Frage, in welcher Weise in Datenbanken gespeicherte Informationen angelegt oder verwendet werden dürfen. Wir versuchen derzeit, eine klar umrissene und praktikable Lösung für das Recht auf Privatsphäre zu finden.

Eine solche Lösung wird die unterschiedlichen Konzepte in Europa und Amerika berücksichtigen. Europa, die USA und Asien haben Rechtstraditionen, die sich in ihren Grundprinzipien stark unterscheiden. Dadurch haben sich verschiedenartige Ansätze bei der gesetzlichen Regulierung von Informationen und Inhalten herausgebildet. Als Folge werden die Kosten der globalen Dienstleister des elektronischen Handels weiterhin steigen. Geschäfte in virtuellen Welten oder anspruchsvollen Cyberspace-Umgebungen zu tätigen wird aber auch zunehmend zu einem Problem: Menschen interagieren dort zwar – es gibt jedoch keine juristische Zuständigkeit.
Eine andere wichtige Frage betrifft die Ungereimtheiten beim Umgang mit geistigem Eigentum und den zugehörigen Rechten. Wem gehören beispielsweise die Rechte an bestimmten Informationen? Der Wettlauf um die Sicherung geistigen Eigentums hat begonnen. Ziel ist es, möglichst viel Gewinn aus diesem Eigentum zu ziehen. Es ist derzeit aber unklar, in welchem Umfang das geistige Eigentum einer Person geschützt ist. Für mich sind solche Gesetzeslücken oder Ungereimtheiten aber nicht immer eine schlechte Sache, denn sie fördern auch Innovationen.

Wie sollte der Gesetzgeber mit dem Problem der Sicherheit im Internet umgehen, insbesondere was die Bestrafung von Hackern und den Herstellern von Viren angeht?

Noveck: Wir brauchen zunächst über die Funktionsweise unserer zentralen Infrastruktur in der gesamten Branche mehr Informationen und mehr Transparenz. Der größte Teil der für unsere Wirtschaft lebensnotwendigen Technologie – Telekommunikation, Internetzugang und vieles mehr – befindet sich in privaten Händen. Wir müssen ganz genau wissen, wie unser Informationsaustausch funktioniert. Und wir müssen prüfen, ob Unternehmen nicht durch den Schutz ihrer Eigentumsrechte gleichzeitig den wichtigsten Teil unserer Infrastruktur gefährden. Unternehmen, die diese Infrastruktur besitzen und betreiben, müssen uns besser über mögliche Bedrohungen informieren.

Meiner Meinung nach brauchen wir darüber hinaus eine engere und weltweite Zusammenarbeit bei der Ermittlung und Strafverfolgung von Personen, die vorsätzlich Eigentum und Computersysteme zerstören. Ein solches Verbrechen ist natürlich zu bestrafen, aber wir müssen auch mehr über die Hintergründe in Erfahrung bringen, wie diese Straftaten ausgeführt werden und wer dafür verantwortlich zu machen ist.

Wie sieht für Sie die ideale Verbindung zwischen virtueller Welt und Demokratie aus?

Noveck: Wir haben beim derzeitigen Stand der Technologie eine echte Chance, eine Art Selbstverwaltung umzusetzen. Gesellschaftliche Gruppen können dazu beitragen, für ganz bestimmte Probleme Lösungen zu finden. Verschiedene Netzwerktechnologien wären vielleicht sogar dazu in der Lage, solche Gruppen zusammen zu suchen und die Entscheidungen vieler Einzelpersonen zu einer gültigen Gruppenentscheidung zu bündeln. Meine Vision für die Zukunft ist deshalb, Werkzeuge der virtuellen Welt und neue interaktive Technologien zu nutzen, um die Beteiligung an der real existierenden Gesellschaft zu fördern.

Wann glauben Sie wird diese Vision Wirklichkeit werden?

Noveck: Der Prozess läuft bereits. Wir nähern uns dieser Praxis auf verschiedenen Wegen. Weltweit arbeiten bereits eine ganze Reihe von Leuten an neuen Werkzeugen, die speziell für die Zivilgesellschaft konstruiert sind und mit denen sich neue Formen der gesellschaftlichen Zusammenarbeit umsetzen lassen. Ich glaube allerdings nicht, dass dieser Prozess organisch und von alleine abläuft. Werte wie Demokratie, Bildung und Kultur müssen durch Gesetze und Präzedenzfälle geschützt werden. Dabei kommt auch den Software-Herstellern eine große Rolle zu, die den Prozess technologisch begleiten müssen. Grundvoraussetzung ist es aber, dass wir als Bürger Bedarf an den entsprechenden technischen Möglichkeiten anmelden und somit den Behörden und Software-Unternehmen unsere Wünsche kenntlich machen.

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