Vision einer Web-basierten Dienstleistungsgesellschaft

Feature | 8. Oktober 2008 von Prof. Dr. Lutz Heuser, Chief Development Architect SAP AG und Vizepräsident von SAP Research 0

Typische Beispiele für solche Anwendungen und Plattformen sind Wikis, Weblogs oder Bild- und Videoportale. Neu ist auch, dass diese Plattformen nicht nur Informationen bereitstellen, sondern darüber hinaus Dienste für den Nutzer realisieren. So bietet zum Beispiel die Videoplattform Youtube.com eine Einstellmöglichkeit für Videodateien und eine Komponente zum Einbinden der Filme in Webseiten.

Von Web 2.0 zu Web 3.0

Die nächste Generation des Internets wird eine Erweiterung in zwei Dimensionen bewirken und dabei Art, Umfang und Nutzung von Informationen im wirtschaftlichen und sozialen Umfeld nochmals um ein Vielfaches erweitern:

  1. Wirtschaft und Wissenschaft arbeiten am Brückenschlag zwischen der physischen und der digitalen Welt. Informationen über Identität, Ort und Zustand von beliebigen Gegenständen werden dadurch von überall her abfragbar. Die Objekte lernen sich mitzuteilen und werden zu aktiven Teilnehmern an (Geschäfts-) Prozessen. Ein Schlagwort hier ist die so genannte Real-World-Awareness – man spricht auch vom „Internet der Dinge“.
  2. Vorhandene Daten werden um zusätzliche Informationen (Metadaten) ergänzt. Mit Hilfe solcher „semantischer Technologien“ können diese Daten einfacher gefunden und zugeordnet werden. Über standardisierte Schnittstellen, Web Service Ecosystems und serviceorientierte Architekturen (SOA) können Daten und Informationen zwischen (Geschäfts-) Prozessen automatisiert ausgetauscht werden. Auf Basis des zusätzlichen „Wissens“ lassen sich Informationen und Dienste dann zu hochwertigen Dienstleistungen zusammenfassen. Der Schlüsselbegriff in diesem Kontext ist das „Internet der Dienste“.

Kombiniert man die neuen Technologien und das Gemeinschaftswissen des Web 2.0 mit semantischen Konzepten zur inhaltlichen Deutung sowie der Real-World-Awareness von Dingen, nähern wir uns dem Internet der nächsten Generation – dem Web 3.0.

Business Webs – Basis für die Dienstleistungswirtschaft

Die neuen Technologien und Anwendungen im Internet der Dienste lassen sich entlang der drei technischen Ebenen – Daten-/Serviceebene, Infrastrukturebene und Anwendungsebene – übergreifend strukturieren. So ist es möglich, Prozesse und Prozessketten von Unternehmen insgesamt oder in Teilprozessen zu verbinden. Sie können miteinander „sprechen”, da durch die semantischen Technologien Medienbrüche eliminiert werden, die bei einer manuellen Übertragung von Daten entstehen. Dadurch, dass dies de facto in Echtzeit geschieht, können Wertschöpfungsketten neu konfiguriert werden – mit signifikanten Vorteilen für Unternehmen und Kunden z.B. durch bessere Auslastung von Produktionskapazitäten und mehr Flexibilität.

Technologische Grundlage ist eine IT-Plattform, die Services aus unterschiedlichen Quellen mit Hilfe semantischer Technologien beschreibt und zugänglich macht. Auf diese Serviceleistung können Unternehmen – intern und auch über Unternehmensgrenzen hinweg – auf Basis einer serviceorientierten Architektur und über definierte Standards zugreifen, die es ihnen ermöglichen, die neuen Informationen nahtlos in ihre bestehenden Softwaresysteme zu integrieren. Damit ist ein wichtiger Schritt hin zur unternehmensübergreifenden Schaffung und Nutzung von Web Services getan.

In diesem Zusammenhang spielt das aktuell bei SAP Research im Rahmen des Texo-Projekts entwickelte Konzept der sogenannten „Business Webs“ eine wichtige Rolle. (Texo ist Teil des deutschen THESEUS-Programms für eine neue internetbasierte Wissensinfrastruktur.) Business Webs bilden die Basis für eine neue Dienstleistungswirtschaft, in der Gruppen von Unternehmen gemeinsam komplexe Services erbringen können. Man könnte Business Webs in Analogie zu den in Deutschland bekannten Arbeitsgemeinschaften als eine Art „Arbeitsgemeinschaften im Netz“ betrachten, die durch den Einsatz von SOA und semantischen Technologien Mehrwertdienste zur Verfügung stellen.

Beispiel für einen solchen Mehrwertdienst:
Stellen Sie sich vor, Sie könnten eine Pauschalreise buchen, die ganz genau auf Sie abgestimmt ist: In einem Hotel, das Ihnen zusagt, mit Ihrem Lieblingssportangebot, dem Bademantel in Ihrer Größe und Frühstück, wie Sie es mögen. Der Flug geht zur richtigen Zeit vom richtigen Flughafen, und die Mietwagenkategorie entspricht ihren Wünschen. Dazu müssten Sie nichts weiter tun, als auf der Informationsplattform einzugeben, dass Sie in den Osterferien mit Ihrer Familie nach Mallorca reisen möchten sowie Ihr Preislimit festlegen – und schon bekommen sie das passende Komplettangebot, das Sie mit nur einem Klick buchen können. Sie werden dabei maximal noch gefragt, mit welcher Ihrer Kreditkarten Sie zahlen möchten, oder ob eine Abbuchung vorgenommen werden soll.

Der Mehrwert solcher Dienstleistungen für den Kunden besteht also darin, ein individualisiertes Komplettangebot direkt zu finden, statt Einzelangebote mühsam im Internet suchen und vergleichen zu müssen – die Suche und Zusammenstellung übernimmt der so genannte „Service-Broker“ aufgrund der vorliegenden Informationen des Kundenprofils.

Volkswirtschaftliche Dimension

Die Web-basierte Dienstleistungsgesellschaft birgt eine Fülle von Möglichkeiten für die deutsche Volkswirtschaft. Deutschland ist seit langem Exportweltmeister bei Produktionserzeugnissen. Auf dem Gebiet der Dienstleistungen sind wir jedoch vorwiegend Importeur. Schon heute wird ein Großteil der globalen Wertschöpfung und mehr als 70 Prozent des deutschen Bruttoinlandsproduktes mit Dienstleistungen erwirtschaftet. Im Hinblick darauf bergen die Business Webs und Web-basierten Services ein signifikantes Wachstumspotential.

Die Web-basierte Dienstleitungswirtschaft im Internet der Dienste könnte einer der Schlüssel für zukünftige Innovation, Wertschöpfung und damit Wachstum und Beschäftigung in unserer Volkswirtschaft sein.

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