Analytics richtig visualisieren

1. Juni 2012 von John Armitage 0

Eines von John Armitages Produktkonzepten: Pele. (Screenshot: SAP)

Rückblick: In den 90er Jahren betrieb das Sabre Travel Information Network das weltweit größte private Transaktionsnetzwerk. Mithilfe eines Senders im Flugzeugfahrwerk erfasste Sabre in Echtzeit Start und Landung jedes kommerziellen Fluges auf dem Globus. Die Daten flossen in eine der größten relationalen Datenbanken der Welt.

1997 führte das Unternehmen „Planet Sabre“ ein. Das Programm lief auf der Basis von Windows 95 und bot eine vollgrafische Benutzeroberfläche. Nach den damals gebräuchlichen Befehlszeilenprogrammen war dies ein großer Sprung in Sachen Benutzerfreundlichkeit. Ein weiteres Novum zu jener Zeit: Planet Sabre vereinte Daten aus zwei verschiedenen Datenbanken in einer Ansicht und konnte so Flugpreise und Flugpläne gleichzeitig anzeigen.

Die Benutzeroberfläche von Planet Sabre erhielt die besten Bewertungen für Bedienerfreundlichkeit, die das Unternehmen jemals erzielt hatte. Doch als Chef-Designer von Planet Sabre habe ich gelernt, dass das beste Produktdesign scheitern kann, wenn die Systemleistung nicht ausreicht oder sich der Markt grundlegend verändert.

Trotz der Vorteile durch die parallele Anzeige von Flugplänen und -preisen war die Multi-Source-Abfrage von Planet Sabre immer noch langsamer als eine manuelle Abfrage aus zwei verschiedenen Datenbanken. Die Visionäre von Planet Sabre entwickelten schließlich das Reiseportal Orbitz, das auf einer Hochgeschwindigkeits-Datenbank basiert und letztlich das Geschäftsmodell des traditionellen Reisebüros grundlegend veränderte.

Der Bereich Analytik steht heute vor ähnlichen Herausforderungen. Ich bin jedoch optimistisch, dass es der SAP gelingt, hochleistungsfähige und skalierbare Produkte zu entwickeln, die sich gleichzeitig durch große Bedienerfreundlichkeit auszeichnen. Daher möchte ich an dieser Stelle neue Designkonzepte für Analytiklösungen vorstellen.

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Eine spannende Zeit für Visual Analytics

Es ist eine spannende Zeit für Grafikdesigner bei SAP – aus drei Gründen: Erstens schafft die enorme Leistungsfähigkeit von SAP HANA völlig neue Möglichkeiten zur Aufbereitung von Daten. Das heißt, wir müssen vorhandene Lösungen, die für das bisherige, langsamere Performance-Niveau ausgelegt waren, überdenken. Zweitens können wir durch die Umstellung auf HTML5 Single-Source-Oberflächenelemente umfassend wiederverwenden und sind viel freier in Bezug auf Gestaltung und Bedienung. Und schließlich erreicht die SAP durch ihre On-Demand- und Mobilprodukte einen sehr viel größeren Anwenderkreis. Hier erzielen wir durch die Wiederverwendung von Daten und Oberflächenelementen Skaleneffekte, so dass mehr in Innovation und die Qualität des Softwarekerns investiert werden kann.

Der technische Fortschritt ist von jeher ein wesentlicher Faktor für die funktionale und stilistische Weiterentwicklung des Produktdesigns – unabhängig von der jeweiligen Disziplin. Ein Beispiel aus der Geschichte ist eine der innovativsten Bewegungen in der modernen Kunst – die impressionistische Malerei.

Vorbilder in der Malerei

Der Impressionismus gilt allgemein als Vorreiter der modernen Kunst. Doch wie erlangte der Impressionismus diese plötzliche Popularität? Grund dafür war der technische Fortschritt. Durch die aufkommende Fotografie wurde es deutlich billiger, realistische Bilder zu erzeugen. Dies zwang die Künstler, die Realität anders und auf ihre individuelle Weise zu interpretieren, vor allem durch den Gebrauch von Farben.

Es entwickelte sich eine wohlhabende Mittelschicht mit einem Interesse an Kunst. Durch Dampflokomotiven konnten Künstler häufiger in die Natur reisen und man setzte sich mit der Relativität der Zeit auseinander. Vielleicht bestand die wichtigste Veränderung darin, dass nun vorgemischte Farben in Metalltuben erhältlich waren. Zuvor mussten die Künstler ihre eigenen Farben mischen und brauchten dazu ein ausreichend großes Studio und Materialien.

Landschaften waren vor Ort skizziert und dann im Studio aus dem Gedächtnis gemalt worden. Die Impressionisten dagegen konnten ihre Utensilien überall hin mitnehmen und schnell arbeiten. Für eine Leinwand brauchten sie nur eine Sitzung und entwickelten so den Stil und die Technik, für die sie berühmt wurden.

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LAVA und Pele

Um zu zeigen, wie die Marktsituation und aktuelle technische Entwicklungen die Einbindung von analytischen Inhalten in die SAP-Produktlandschaft verändern können, habe ich zwei Pilotprojekte initiiert, an denen wir im Moment arbeiten: LAVA und Pele.

Ich schlug LAVA als Oberflächenstandard für analytische Inhalte in SAP-Produkten vor. Das Projekt startete 2011 in Kooperation mit Fred Samson vom SAP Experience Team. LAVA lässt sich am besten als eine Methode zum Konsumieren analytischer Daten beschreiben. Durch LAVA können sehr viel mehr Endanwender Analytiksoftware nutzen. Damit ist LAVA eine Erweiterung des traditionellen Business-Intelligence-Dashboards. LAVA kann als Einzellösung verwendet oder in SAP-Produkte eingebettet werden.

Es ist einfach und systematisch und soll für Kunden erschwinglich, leicht zu implementieren und breit einsetzbar sein. Dank hochmoderner Chart-Anzeigen, interaktiven Elementen und seiner Skalierbarkeit präsentiert LAVA eine klare, pragmatische Designsprache. Vorlagen und Komponenten gewährleisten Kontinuität beim Benutzererlebnis und beim Code über alle Geräte und Produkte hinweg. Die Komponenten wurden zudem so gestaltet, dass sie eine Zusammenarbeit in sozialen Netzwerken gestatten, Kommentare erlauben sowie in sich geschlossene Szenarien („closed-loop scenarios“) ermöglichen.

Pele ist ein eher experimentelles Projekt in Zusammenarbeit mit SAP Research. Hier werden Navigationsmenüs mit Grafiken in einer Visualisierungsumgebung zusammengeführt, die die Nutzer erkunden können. Pele ist auch eine Antwort auf die Anforderung, Interaktion und Information ansprechend zu verbinden. Das Ergebnis verbindet semantische Navigation (über Wörter) mit räumlicher Navigation (über Bildschirmbereiche) und ermöglicht so ein nahtloses, intuitives Benutzererlebnis bei der Auswertung von Daten.

Die Designs, die in LAVA und Pele verwendet werden, bestechen durch ihre Einfachheit und das Fehlen überflüssiger Elemente. Sie nutzen die Leistungsfähigkeit HTML5-basierter Frontends, SAP HANAs und einer breiten Anwenderbasis.

 

Pilotoberfläche LAVA: übersichtlich und informativ (Screenshot: SAP)

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Wieder auf Kurs

Nutzer großer Datenmengen wollen schnell klare Antworten. Unnötige Inhalte und Designelemente stören sie nur. Die meisten Business-Intelligence-Produkte haben diese Tatsache ignoriert. Stattdessen ging es um schicke Oberflächen und Feature-Listen. Doch schwerfällige Designmetaphern, wie bildliche Darstellungen von analogen Knöpfen und Reglern, erwiesen sich im täglichen Gebrauch als mühselig und unpraktisch.

Das heißt jedoch nicht, dass wir als SAP auf cooles Design oder den „Wow“-Faktor verzichten müssen. Wir müssen uns nur gezielt auf Produktmerkmale konzentrieren, die es dem Benutzer erleichtern, die Software zu verstehen und anzuwenden.

Beispielsweise ist es jetzt einfacher, animierte Bildschirmübergänge in die Oberfläche zu integrieren. Das sind nicht nur interessante Hingucker, sondern sie helfen dem Benutzer wirklich, sich innerhalb der Software zu orientieren und zu verstehen, wie sie sich verhält.

Daten brauchen keine Dekoration, wie glänzende Oberflächen, Schlagschatten oder 3-D-Simulationen, um aussagekräftig und eindrucksvoll zu sein. Wenn man diese überflüssigen Elemente entfernt, und stattdessen ein ehrliches Produkt gestaltet und seine wahre Natur zum Vorschein bringt, dann entfalten sich Schönheit und Kraft.

Kunsthistoriker sprechen davon, „das Wesentliche sichtbar zu machen“. Das Wesentliche bei der Datenvisualisierung sind Logik, Klarheit, Effizienz, Vergleichbarkeit und der Prozess, mit dem der Einzelne quantitative Informationen erfasst, artikuliert und daraus Wissen und tiefes Verstehen ableitet.

Die nächste Generation von Business Intelligence verspricht neue Möglichkeiten, etwa das Zurückschreiben von Informationen in eine Datenbank, die gemeinsame Bearbeitung von Daten, verbesserte Social-Media-Funktionen, vorausschauende Analysen und Personalisierung. Ob diese Funktionen von den Benutzern angenommen werden, hängt stark davon ab, wie sie grafisch dargestellt sind. Mithilfe systematischer Visualisierungsmethoden, die auf neuesten Erkenntnissen beruhen, ist es möglich, sie nahtlos in SAP-Produkten umsetzen.

Über John Armitage:

Als Architekt für Informationsvisualisierung ist John Armitage im User-Experience-Team der SAP für die Entwicklung der Designs und der Designkonzepte für die Analytikprodukte verantwortlich. John hat umfassende Erfahrungen in Produktdesign, wo er als Designer, Trainer, Berater und Manager tätig war. Bevor er zur SAP kam, gründete und leitete John das User Experience Team bei Business Objects, davor war er leitender Designer für verschiedene Finanzprodukte bei PeopleSoft.

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