Software gegen SAP-Ausfälle

Feature | 6. Juli 2010 von Ralph K. Treitz 0

800 Flugzeuge, 500 Kunden: Bei SR-Technics muss SAP ERP reibungslos funktionieren. 8Foto: SR Technics)

800 Flugzeuge: Bei SR-Technics muss SAP ERP reibungslos funktionieren. (Foto: SR Technics)

Mangelnde Leistungsfähigkeit, Stabilität und Verfügbarkeit von SAP-Systemen haben vielfältige Ursachen. In einigen Branchen sind die Verursacher von Performance-Problemen einfach „nur“ überproportional wachsende Datenmengen. Große Einzelhandelsketten etwa verarbeiten in ihren SAP-Anwendungen täglich Millionen von Bewegungsdaten.

In den meisten Fällen sind die Gründe für Leistungseinbußen jedoch vielschichtiger. So auch bei dem in der Schweiz beheimateten Luftfahrtdienstleister SR Technics. Da das Unternehmen mit rund 500 Kunden Echtzeitinformationen zu ungefähr 800 betreuten Flugzeugen austauscht, ist es auf einen unterbrechungsfreien und leistungsfähigen Betrieb seiner zentralen SAP-ERP-Software angewiesen. „Eine Beeinträchtigung des SAP-Systems können wir nicht riskieren, denn unsere Geschäftsprozesse müssen reibungslos laufen“, verdeutlicht Adrian Wirth, Vice-President Group IT bei SR Technics. Auch aufgrund der kontinuierlich steigenden Datenmengen wurde deshalb eine Aufrüstung geplant und durchgeführt. Doch der „Umzug“ der SAP-Anwendung von einer in die Jahre gekommenen Unix-Plattform auf eine moderne und hoch verfügbare Hardware-Plattform inklusive entsprechender Storage-Lösung brachte nicht den erhofften Leistungsschub. Im Gegenteil: Die Dialogantwortzeiten der SAP-Software, aber auch die Durchlaufzeiten von Batch-Programmen dauerten nach der Migration trotz stärkerer Hardware sogar länger als vorher. „Die mit dem Umstieg erwarteten Leistungsverbesserungen traten trotz leistungsstärkerer Hardware nicht ein und wir mussten wenige Tage nach der Migration auf die alte Hardware-Infrastruktur zurückswitchen“, erinnert sich Adrian Wirth. Dann begann die Ursachenforschung.

Hardware ist nicht immer schuld

Wie das Beispiel zeigt, sind Performance-Einbußen bei SAP-Anwendungen nicht zwingend auf zu geringe Hardware-Ressourcen zurückzuführen. Häufig sind es mehrere Einzelprobleme, die sich gegenseitig verstärken und dadurch SAP-Systeme unnötig belasten. Im beschriebenen Fall waren es falsch konfigurierte Plattensysteme, instabile Cluster sowie Performance-Probleme im Zusammenhang mit dem Dateisystem ZFS.

Jedes dieser drei Probleme alleine hätte zu keinem Performanceeinbruch geführt, sondern wäre durch die neue, leistungsfähige Hardware kompensiert worden. Erst die Kombination dieser Probleme führte zu den massiven Performanceeinbußen – und die Kombination war so gestaltet, dass selbst eine noch leistungsfähigere Hardware die Performance nicht um einen Deut verbessert hätte.

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Analyse-Software hilft: VMS Benchmarksysteme

Warum tun sich aber IT-Verantwortliche oft schwer damit, die tatsächlichen Ursachen für Leistungseinbußen zu identifizieren? Vermutet wird meist eine einzelne Ursache. Testet man darauf hin eine Änderung und erfährt das System dadurch keine Besserung, legt man die Idee meist beiseite. In Wahrheit mag die einzelne Änderung aber ein Teil der Lösung gewesen sein. Das Zusammenwirken mehrerer Ursachen führt oft zu einer Verstärkung der Effekte. Da die Verstärkung nicht linear ist, kann sie kaum oder gar nicht abgeschätzt werden. So potenzieren sich Probleme.

Licht in das Dunkel bringen kann man hier nicht mehr mit der Betrachtung von einzelnen Systemauswertungen, sondern nur noch mit Hilfe einer Analyse-Software, die das System und seine Architektur ganzheitlich überprüft. Das wird durch eine modellgenerierte, an Benchmarks ausgerichtete Prüfung der SAP-Systeme ermöglicht.

Die VMS AG beschreitet beim SAP-Benchmark neue Wege und verzichtet auf die herkömmlichen Verfahren, die vor allem auf einfachen Indikatoren und Peer-Group-Vergleichen basieren. Das Unternehmen arbeitet mit einem von Professor Dr. Andreas Mielke, CTO von VMS und Physik-Professor an der Universität Heidelberg, entwickelten Berechnungsmodell. Die Software misst innerhalb der SAP-Landschaft Systemnutzungs-, Infrastruktur- und Prozess-Daten, sammelt sie und baut daraus ein Gesamtmodell. Dieses Modell wird anschließend innerhalb der VMS-Benchmark-Datenbank mit mehr als 2.100 vermessenen SAP-Systemen verglichen. Die minimal-invasiv arbeitende Mess-Software erhebt die sehr detaillierten Daten aus den SAP-Systemen weitgehend automatisiert und führt sie dem mathematisch stochastischen Modellierungsprogramm zu. Die grundlegende Skalierungsfunktion wird für jeden Probanden individuell neu berechnet. So ist es möglich, einen kundenspezifischen Benchmark (DNA-Level-Benchmark) zu erzeugen, der den spezifischen Anforderungen eines Unternehmens an seine IT Rechnung trägt. Aus dem Ergebnis des faktenbasierten Benchmarks leiten sich für den IT-Verantwortlichen die Empfehlungen für operative Optimierungsmaßnahmen und strukturelle Verbesserungen ab.

Durch eine solche Prüfung erhielt SR Technics die entscheidenden Hinweise, warum das ERP-System trotz aufgerüsteter Hardware nicht die erwartete Leistungsfähigkeit zeigte. Die Empfehlungen zielten auf eine geänderte Hardwarekonfiguration und Systemarchitektur sowie die Anpassung der Konfiguration an das tatsächliche Nutzerverhalten. „Seit der Umsetzung der VMS-Empfehlungen sind rasche Antwortzeiten, eine schnelle Batch-Verarbeitung und die hohe Verfügbarkeit aller IT-Prozesse für uns selbstverständlich. Auch die SAP-Anwender sind zufrieden“, hebt Adrian Wirth das Ergebnis hervor.

Für jede Branche andere Kriterien

Es gibt  kein allgemeines Rezept für eine Performance-Optimierung von SAP-Systemen. Die für geschäftskritische Abläufe erforderlichen Anforderungen an SAP-Systeme in Bezug auf Verarbeitungsgeschwindigkeit, Antwortzeiten, Verfügbarkeit und Stabilität sind von Fall zu Fall unterschiedlich. Unternehmen aus der Automobilindustrie etwa brauchen eine sekundenschnelle Verarbeitung von Vorschau- und Sequenzabrufen bei JIT- beziehungsweise JIS-Prozessen (JIT, Just in time bzw. JIS, Just in Sequence). Bei Telekommunikations-Dienstleistern sind kurze Antwortzeiten im Callcenter wettbewerbsrelevant. Börsennotierte Firmen müssen ihre aktuellen Monatsabschlüsse, die unter anderem durch eine Kette von Batchläufen erstellt werden, jeweils dringlich zu Beginn des Folgemonats vorlegen.

Jede dieser Anforderungen ist unterschiedlich. Und noch wichtiger: In fast allen Fällen gibt es nicht nur eine solche Anforderung, sondern mehrere. Es entstehen Abhängigkeiten. Von daher ist es sehr schwierig, aus einem Einzelfall die Lösung für einen anderen abzuleiten. Die konkreten Probleme sind immer wieder anders gelagert.

Das Beispiel SR Technics zeigt, womit man rechnen muss: Bedingt durch die Komplexität der Anwendung, die Fülle an Abhängigkeiten zwischen einzelnen Komponenten und die beschränkten Ressourcen kommt es zu Rückkopplungen und damit zu einem nicht-linearen Verhalten der Performance. Diese Komplexität ist auch nicht vermeidbar, sondern man muss mit ihr umgehen lernen und sie dadurch beherrschen. Durch moderne Technologien wie z. B. Virtualisierung wird Komplexität vergrößert. In komplexen Systemen werden Optimierungen aber erst dann wirksam, wenn man mehrere notwendige Aktionen in koordinierter Weise durchführt. Eine einzelne Maßnahme führt nicht zum richtigen Schluss. Welche Maßnahmen zu ergreifen sind, hängt vom Einzelfall ab. Nur eine vollständige Analyse eines Systems, die soweit als möglich alle Aspekte berücksichtigt, kann ein vollständiges Bild liefern und damit die für die Optimierung erforderlichen Aspekte aufzeigen.

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