Automotive Symposium: 145 Euro pro Auto

Feature | 28. Oktober 2010 von Frank Völkel 0

Setzt auf private Cloud: Klaus Hardy Mühleck, CIO von Volkswagen (Foto: Frank Völkel)

Volkswagen setzt auf Private Cloud: Klaus Hardy Mühleck, CIO von VW (Foto: Frank Völkel)

Autos sind hochkomplexe Industrieprodukte. Gefertigt von hochkomplexen Großunternehmen mit weltumspannendem Netzwerk. Jährlich werden rund 60 Millionen Autos gebaut. Während ein VW Käfer in den 1960er Jahren noch aus 3.000 Einzelteilen zusammengebaut wurde, besteht beispielsweise ein aktueller VW Tiguan aus 60.000 Einzelteilen. Letztere kommen aus einem globalen Netzwerk hoch spezialisierter Zulieferer, die fast alle  “just in time” zu marktfähigen Produkten zusammengesetzt werden.

Die Automobilindustrie hat in den vergangenen zwei Jahren die größte Krise ihrer etwas mehr als hundertjährigen Geschichte durchgemacht. Schließlich steht sie mittelfristig vor einem technischen Paradigmenwechsel, der in Richtung Elektromobilität geht und in spätestens 10 Jahren nach vollkommen veränderten Prozessen verlangt. Allerdings taucht dieses Thema eher in Nebensätzen auf dem Automotive Symposium 2010 auf, welches am 27./28.10. in Mainz abgehalten wird. Vielmehr geht es um die Beherrschung der komplexen Waren- und Informationsflüsse und die zentrale Fertigung bei dezentralen Endmontagen in weltumspannenden Liefernetzwerken. Gegenüber dem vergangenen Jahr ist die Stimmung deutlich besser und die Teilnehmer freuen sich über ein deutlich belebtes Geschäft – siehe Artikel Autoindustrie: Prozesse gut, alles gut?

Der elektronische Datenaustausch erfolgt dabei zwischen beteiligten Werken und Partnern. Für die Serienproduktion werden Lieferabrufe mit Vorschaumengen und produktionsnahe Feinabrufe an die Zulieferer auf elektronischem Wege gesandt. Die Zulieferer senden elektronische Lieferscheindaten an die Hersteller, die beim Wareneingang bereits beim Kunden vorliegen müssen. Der Zahlungsausgleich erfolgt entweder über Rechnungen oder über Gutschriftverfahren.

Fabrik ohne Lagerhaltung: Albert Frankenhauser über Porsche Leipzig (Foto: Frank Völkel)

Fabrik ohne Lagerhaltung: Albert Frankenhauser über Porsche Leipzig (Foto: Frank Völkel)

Volkswagen-IT = IBM + SAP + MHP

Große Resonanz gab es auf die Ausführungen von Volkswagen-CIO Klaus Hardy Mühleck, der auf eine einzige SAP-Stückliste innerhalb des gesamten Konzerns verwies. Weiterhin wolle Volkswagen in Kürze einen Großteil der Händler-IT-Systeme über eine Private Cloud abdecken, um gleichzeitig so die Kosten zu senken und die Standardisierung voranzutreiben. Derzeit steuere das Großunternehmen die Lohnzahlungen seiner 370.000 Mitarbeiter mittels SAP-Software, hieß es weiter in Mühlecks Ausführungen. In Kürze werden die beiden Konzern-Rechenzentren Wolfsburg und Ingolstadt für die nötige Rechenkapazität sorgen. Schließlich wolle VW zum weltgrößten Automobilhersteller im Jahre 2018 aufsteigen und dann 300 verschiedene Fahrzeug-Modelle über 12 Marken anbieten und im Jahr 10 Millionen Autos verkaufen. Dass der Konzern schon heute aus Sicht der IT an der Weltspitze stehe, indem er auf  umgelegte Kosten von 145 Euro pro produziertem Fahrzeug komme, verwies Mühleck in seinen Ausführungen.

Porsche Leipzig: Produktion ohne Lagerhaltung

Der verhältnismäßig kleine Autohersteller Porsche, der sich demnächst voll im Volkswagen-Konzern einreiht, zeigte am Beispiel vom Produktionsstandort Leipzig, wie sich eine niedrige Fertigungstiefe, vollkommen neue Fahrzeug-Modelle und effiziente Zulieferersteuerung realisieren lassen.

SAP-Chef Michael Kleinemeier

Setzt auf Sybase-Software und mobile Geräte: SAP-Chef Michael Kleinemeier (Foto: Frank Völkel)

Porsche Leipzig: Cayenne und Panamera – unterschiedliche Fertigungstiefe

Schlanke Porsche-Produktion in Leipzig: Basis SAP ERP 6.0, SCM 4.1 und NW BW 3.5 (Foto: Frank Völkel)

Schlanke Porsche-Produktion in Leipzig: Basis SAP ERP 6.0, SCM 4.1 und NW BW 3.5 (Foto: Frank Völkel)

Albert Frankenhauser skizziert am Beispiel von Porsche in Leipzig, wie das Produktions- und Logistikkonzept für den Porsche Cayenne und Panamera aussehen. Die Grundsteinlegung des Werkes fand 1999 statt und der erste Porsche Cayenne lief Ende 2002 vom Band. Dabei wird der Porsche Cayenne gemeinsam mit dem VW Touareg im slowakischen Bratislava in einem Volkswagen-Werk vormontiert und in Leipzig mit vergleichsweise wenigen Baugruppen komplettiert. Sämtliche Prozesse sind dabei in SAP-Software verankert. Einen Schritt weiter geht das Logistik-Konzept des seit 2009 am gleichen Standort produzierten Porsche Panamera, wo es um eine schlanke Abwicklung, eine höhere Fertigungstiefe, hohe Flexibilität bei Prozessen und IT-Systemen ohne eine herkömmliche Lagerhaltung geht.

Hier besteht das Kernkonzept im direkten Warenfluss vom Lieferanten über den Wareneingang bis hin zum Verbraucher am Produktionsband. Frankenhauser verweist auf eine komplette SAP-Linie, die 2008 vom Beratungsunternehmen MHP installiert wurde. Aktuell erfolgen die Anlieferungen der Logistik-Unternehmen im 1-Stunden-Takt per LKW, so dass es im Leipziger Werk keine Lagerhaltung mehr gibt. Sämtliche Daten für Abrufe, Reporting, Überwachung, Warenwirtschaft und Kommissionierung befinden sich in einem einzigen System, so dass die Leipziger Fabrik letztendlich Ereignis-gesteuert arbeitet. In Zusammenarbeit mit MHP installierte Porsche ein schlankes Logistikkonzept, welches komplett auf ERP 6.0 Automotive, SCM 4.1, Netweaver 3.5 und die Warenwirtschaftsmodule MM, CE, SD und TRM setzt. Hinuz gesellt sich noch das EDI-System, welches auf SAP PI 7.0 basiert.

Der nächste Schritt im Hause Porsche besteht in der Übertragung sämtlicher Prozess-Erfahrungen vom Standort Leipzig auf die “alte” Produktionsstätte Zuffenhausen, die mit einer höheren Fertigungstiefe arbeitet und hauptsächlich den Porsche 911 produziert.

Porsche-Tochter MHP hat sich auf SAP-Automotive spezialisiert (Foto: Frank Völkel)

Porsche-Tochter MHP hat sich auf SAP-Automotive spezialisiert (Foto: Frank Völkel)

Volkswagen: Durchgängige Stückliste – niedrige IT-Kosten

Die durchgängige Stückliste senkt bei Volkswagen IT-Kosten (Foto: Frank Völkel)

Die durchgängige Stückliste senkt bei Volkswagen IT-Kosten (Foto: Frank Völkel)

Auf einem Vortrag des Automotive Symposium 2010 in Mainz beschrieb der CIO von Volkswagen, Klaus Hardy Mühleck, die Vorzüge einer durchgängigen Stückliste innerhalb eines großen Konzerns mit vielen Marken. Nur durch die Einbeziehung aller Marken und Märkte weltweit lassen sich die IT-Kosten pro produziertem Fahrzeug auf ein Minimum reduzieren. Hier sieht sich Volkswagen aus der Sicht von Mühleck weltweit – auch gegenüber den deutschen Premium-Mitbewerbern – an der Spitze. Immerhin würde man von 62 Produktionsstandorten sprechen, die alle über ein und dasselbe System miteinander gekoppelt seien.

Weiterhin geht Mühleck auf die Modul- und Plattformstrategie des VW-Konzerns ein, die eine wesentliche Kostenersparnis und letztendlich einen klaren Wettbewerbsvorteil mit sich bringt. Und er geht auf das Thema Gleichteile-Einsatz bei so unterschiedlichen Marken wie Audi, Porsche, Skoda und Volkswagen ein: Am Ende kauft der Kunde vollkommen unterschiedliche Produkte, die ihren eigenen emotionalen Charakter haben. Bei sämtlichen Baukasten-Strukturen entstehen hohe Anforderungen an die IT in den einzelnen Produktionsstätten, denn von 100.000 ausgelieferten VW-Fahrzeugen sei beispielsweise kein einziges Auto mit einem anderen identisch. Mühleck verweist auf die frühzeitige Einbindung des Kunden bei der Konzeption neuer Fahrzeuge, indem die Inhalte von Internet-Blogs ausgewertet und jährlich zirka 80 Millionen Kundenkontakte übers Internet an entsprechende Händler weitergeleitet werden.

Bei der Software verwendet Volkswagen für die Marken Audi, Porsche und VW durchweg SAP CRM 7.0 EHP1 im Rahmen der Einführung der Business Suite 7 bis Ende 2010.

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1 comment

  1. Franz Polzer

    Der Artikel ist wirklich hervorragend.
    Er gibt eine knappe aber dennoch sehr informative Übersicht über die Anforderungen an die Systeme für die ‘just in time’ – Produktion in der Automobilindustrie.
    Als Auto-Narr im allgemeinen und VW-Fan im Besonderen habe ich den Beitrag mit großem Vergnügen gelesen.

    Gruß

    Franz Polzer

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