Vollgas voraus

Feature | 23. August 2006 von admin 0

Kaum ein anderer Wirtschaftszweig ist so oft so massiven Veränderungen ausgesetzt gewesen wie die Automobilindustrie: In einem Jahrhundert neuer Technologien, Stilrichtungen, Fertigungsmethoden und staatlicher Vorschriften sowie zunehmenden internationalen Wettbewerbs musste sich die Branche ständig neu erfinden. Dieser Wandel hat sich im vergangenen Jahrzehnt sogar noch beschleunigt und traditionelle Vorstellungen von Massenfertigung, Größenvorteilen und Rentabilität außer Kraft gesetzt. Im hart umkämpften globalen Automobilmarkt kann kein Unternehmen isoliert bestehen. Wer ein neues Fahrzeugmodell oder eine neue Produktionstechnologie entwickelt, ist der Konkurrenz höchstens um zwölf Monate voraus; danach werden die Neuerungen schnell kopiert. Vor 40 Jahren noch eine radikale Idee, ist etwa die Just-in-time-Produktion längst zur tragenden Säule in den Kfz-Produktionsbetrieben von Nordamerika bis Japan geworden.

Vorsprung zur Konkurrenz

Heute versuchen die Automobilhersteller, sich durch Produktneu- und -weiterentwicklungen von der Konkurrenz abzuheben und jederzeit den sich wandelnden Vorlieben der Kunden Rechnung zu tragen. Da der Markt immer zersplitterter wird, müssen regelmäßig neue Designs entwickelt und jedes Jahr größere Modellpaletten angeboten werden – von sportlichen Geländewagen zu Luxuslimousinen und Sportcoupés.
Eine Produktentwicklung in dieser Größenordnung verlangt eine außerordentlich enge Zusammenarbeit zwischen Automobilherstellern und Zulieferern; ebenso eine gemeinsame Plattform, auf der Produktentwicklung, Einkauf, Logistik und Qualitätsmanagement perfekt synchronisiert werden können. Durch SupplyOn, ein virtuelles Netzwerk für die Automobilindustrie auf Basis von SAP NetWeaver, ist eine solche Plattform für rund 9.000 Unternehmen und 25.000 Anwender bereits Wirklichkeit geworden. SupplyOn ist eine Online-Plattform, die eine neue Art der Kooperation zwischen Automobilzulieferern und ihren Lieferanten ermöglicht – und das weltweit.
“Die Zeiten sind vorbei, in denen die Automobilindustrie noch Produktzyklen von sieben bis acht Jahren hatte”, sagt Jörg Mieger, Vorstandsvorsitzender der SupplyOn AG, die die Plattform anbietet. “Der Kunde fragt ständig nach neuen Modellen mit verschiedenen Optionen und neuen Leistungsmerkmalen. Für Zulieferer bedeutet dies extrem verkürzte Produktlebenszyklen und kleinere Stückzahlen. Sie benötigen IT-Werkzeuge und Prozesse zur Zusammenarbeit, die höchste Flexibilität gewährleisten.”
Die SupplyOn AG wurde im Jahre 2000 von führenden Automobilzulieferern wie Bosch, Continental, INA Schaeffler, Siemens VDO und ZF Friedrichshafen sowie dem Technologiepartner SAP gegründet. Das Unternehmen bedient heute mit rund 70 Mitarbeitern Kunden in 70 Ländern.

IT-Investitionen unverzichtbar

Die Neugestaltung von Geschäftsprozessen ist jedoch nicht auf die Automobilindustrie beschränkt. Führungskräfte aller Wirtschaftszweige planen, mit Hilfe der Informationstechnologie die Wettbewerbsfähigkeit ihres Unternehmens zu sichern. Nach der jüngsten Studie “Business 2010 – Embracing the challenge of change” des Wirtschaftsforschungsinstituts Economist Intelligence Unit aus dem Jahr 2004 betrachten 82 Prozent der befragten Manager IT-Innovationen für ihre Organisation als unverzichtbar, um die Geschäftsmodelle anzupassen und neue Strategien umzusetzen. 45 Prozent der Befragten waren der Meinung, dass sich bis 2010 die Themen Datenmanagement und -analyse am stärksten auf die Innovationsfähigkeit von Unternehmen auswirken. Besonders in der Automobilindustrie spielt die IT für die Wettbewerbsfähigkeit von Herstellern und Zulieferern eine zentrale Rolle.
Auf den ersten Blick sehen die Prozesse bei SupplyOn recht einfach aus: Doch hinter dem benutzerfreundlichen Portal auf Basis von SAP NetWeaver steckt ein hochkomplexes System aus Hardware, Software und Netzwerktechnologie, das die Integration von Lieferketten möglich macht. Wird beispielsweise ein neues Auto gefertigt, erwarten die Hersteller heute von ihren Zulieferern, dass sie ihnen komplette Sitze und nicht nur verschiedene Einzelteile liefern. So besteht der typische Sitz einer modernen Sportlimousine aus Hunderten von Komponenten wie Formstücken, Bezügen, Verbindungselementen, Kunststoffen, Elektromotoren und Schaltern.
Die Veröffentlichung von Spezifikationen, die Aufforderung zur Angebotsabgabe und die Vorlage von Angeboten für jedes dieser Teile erfordern ein beträchtliches Maß an Zusammenarbeit und intensive Verhandlungen. Projekte, für die früher langwierige Genehmigungsprozesse, zahlreiche Kopien und Faxe nötig waren, werden jetzt auf der Plattform von SupplyOn über nahtlos verbundene Prozesse und damit um ein Vielfaches schneller abgewickelt. Automobilhersteller und Zulieferer profitieren dabei von einem hohen Maß an Transparenz und Wirtschaftlichkeit.

Logistikkette nahtlos integriert

SupplyOn bietet den Kunden mit Hilfe der Plattform SAP NetWeaver eine Vielzahl an Anwendungen, die Hersteller und Zulieferer im Rahmen einer integrierten Logistikkette miteinander verknüpfen. Hat zum Beispiel ein Anbieter von Autositzen einen Auftrag erhalten, meldet er sich bei SupplyOn an und ruft aus dem Unternehmensverzeichnis eine Liste geeigneter Zulieferer ab. Dann versendet er elektronisch die entsprechenden Anfragen an die Lieferanten. Dabei kann er alle relevanten Dokumente wie Zeichnungen, Normen und Spezifikationen über den SupplyOn Document Manager integrieren. Auch die Angebote erhält er auf elektronischem Weg.
Nach der Auftragsvergabe werden Logistikprozesse wie der Lieferabruf und der Versand von Liefer- und Transportdaten über SupplyOn abgewickelt; ebenso Finanzprozesse sowie die Kommunikation von Lieferantenbewertungsdaten und weitere qualitätsrelevante Prozesse. Mit Vendor Managed Inventory (VMI) steht darüber hinaus eine Lösung zur Optimierung der Lagerdisposition zur Verfügung: Dabei überträgt ein Hersteller seinem Lieferanten die Verantwortung für den Lagerbestand bestimmter Komponenten. Möglich wird dies durch einen Monitor, der beiden Seiten als Planungstool auf SupplyOn zur Verfügung steht. Für Standardteile, bei denen vor allem der Preis zählt, kann ein Zulieferer Online-Auktionen unter ausgewählten Lieferanten veranstalten. Im Gegensatz zu klassischen Preisverhandlungen sind diese Auktionen transparenter und zeigen dem Lieferanten, wo er gerade mit seinem Angebot steht.

Höchste Stabilität

Die Vision der SupplyOn AG, ein neues Geschäftsmodell für die Zusammenarbeit in der Automobilindustrie zu entwickeln, erweist sich als durchschlagender Erfolg. Das Unternehmen mit Sitz in Hallbergmoos bei München und einer Niederlassung in Detroit sieht weitere Wachstumschancen in Asien. In einer Branche, die laufend mit einschneidenden Veränderungen konfrontiert ist, verbürgt die Kombination von SupplyOn mit SAP NetWeaver höchste Stabilität. “Wir wissen nicht genau, wie die Geschäftsprozesse der Automobilindustrie in zehn Jahren aussehen werden”, sagt Jörg Mieger. “Aber mit SupplyOn wird auf jeden Fall eine zuverlässige Plattform zur Verfügung stehen.”

Jeff Reich

Leave a Reply