Vom dummen zum intelligenten Netzwerk

Feature | 11. Mai 2010 von Vasco Alexander Schmidt 0

Beim IRF-Forum 2010 wurde über das Internet der Zukunft diskutiert

Beim IRF-Forum 2010 wurde über das Internet der Zukunft diskutiert

Wie kaum eine andere Technologie prägt das Internet unseren Alltag. Email und das Word Wide Web sind kaum mehr wegzudenken, genauso eBay, Google und soziale Medien wie Twitter und Facebook. Doch nach Expertenmeinung sind dies nur Vorboten noch größerer Umwälzungen: Das zukünftige Internet wird durch neue Technologien und Geschäftsmodelle zu radikalen Veränderungen in der Geschäftswelt führen.

Wie das „Future Internet“ genau aussehen wird, welche Technologien nötig sind und welche Chancen und Risiken einhergehen, waren Themen auf dem fünften International Research Forum, zu dem SAP Research rund 40 Vordenker aus aller Welt eingeladen hat. Die jährlich stattfindende Konferenz bringt namhafte Experten von renommierten Universitäten, Unternehmen wie Intel, IBM oder NEC und der Politik zusammen, um die drängenden Fragen der IT-Welt zu diskutieren und gemeinsam Visionen  für die Zukunft zu entwickeln. Das diesjährige Forum stand unter dem Motto „The Future Internet: Right Here, Right Now“ und fand am 27. und 28. April 2010 in Westerburg (Westerwald) statt.

Drei Trends schimmerten durch alle Diskussionen hindurch:  So erwarten die Experten, dass Handys und andere mobile Endgeräte immer wichtiger für den Zugang zum Internet werden – vor allem in Gegenden in Afrika, Asien und Südamerika, die auf absehbare Zeit keine flächendeckende Breitbandinfrastruktur haben werden. Hinzu kommt die zunehmende Bedeutung von Cloud Computing, also IT-Dienstleistungen, die Unternehmen über das Internet in Anspruch nehmen, zum Beispiel Speicher- und Rechenkapazitäten. „Cloud-artige Angebote werden ganz neue Dienstleistungen ermöglichen. Ein Beispiel sind Bildungsangebote im Internet“, sagte Dr. Gautam Shroff, Leiter von Tata Consultancy Services in Delhi.  Auch wird die Digitalisierung von Geschäftsprozessen weiter voranschreiten. So versprechen die Integration von Sensoren in Geschäftsprozesse hohe Effizienzgewinne unter anderem in der Fertigung und dem Einzelhandel.

Dr. Martin Curley

Dr. Martin Curley, Direktor der Intel Labs Europa

Wissensbasiertes Unternehmertum

Wie die elektrische Energie im 20. Jahrhundert für ein rasantes Wirtschaftswachstum sorgte, wird das zukünftige Internet das Wissen als Ressource für die Unternehmen erschließen, sagt Prof. Dr. Martin Curley, Direktor der Intel Labs Europa aus Dublin: „Wir haben die Chance, mit dem Future Internet eine Plattform für ein wissensbasiertes Unternehmertum aufzubauen, zum Beispiel für digitale Fertigung, Einzelhandel und Gewerbe.“ Das verwendete Wissen stammt allerdings nicht nur von den Unternehmen selbst, die Nutzer werden immer stärker zu Akteuren im zukünftigen Internet: „Mit persönlichen Webseiten hat es angefangen, dann kamen Videos auf YouTube, und heute die Apps im iPhone Store“, erklärt Prof. John Domingue, stellvertretener Direktor des Knowledge Media Instituts an der Open University in London. „Wer weiß, was der ‚produzierende Konsument‘ in Zukunft erschaffen und wie dies erfolgreiche Geschäftsmodelle  beeinflussen wird.“

Doch nicht nur die Chancen des zukünftigen Internets kamen beim International Research Forum zur Sprache. So erinnerte Prof. Dr. Radu Popescu-Zeletin, Direktor des Fraunhofer Instituts für Offene Kommunikationssysteme FOKUS in Berlin daran, dass das Internet immer mehr zu einer kritischen Infrastruktur wird – vergleichbar der Energieversorgung oder dem Verkehrssystem: „Dazu muss es allerdings von einem ‚dummen‘ Netzwerk zu einem intelligenten Netzwerk gemacht werden. Um dies zu erreichen, ist noch viel Arbeit nötig“, erklärte er.

Technische und politische Hürden

Dazu könnten neue technische Protokolle nötig sein, die eine sichere und stabile Kommunikation im Netz ermöglichen, vor allem aber technische Standards, an denen sich Unternehmen orientieren können. Ohne solche Standards wären viele Investitionen vergebens.  Viele Teilnehmer sehen die Regierungen in der Pflicht, die Standardisierung voranzutreiben – und wünschen sich, dass Unternehmen mögliche Standards praxisnah testen: „Alle Unternehmen spüren den Druck, Geld zu verdienen. Wir müssen Pilotprojekte durchführen und Anwendungen entwickeln, um Werte zu schaffen und die Erfahrungen zu nutzen, um gleichzeitig Standards schneller zu entwickeln“, erklärte Dr. Ji Zhang, Präsident des IT-Dienstleisters HARMONY Technologies in Peking.

Weiteres Ziel muss aus Sicht der Experten die Offenheit des zukünftigen Internets sein. Nur so kann verhindert werden, dass einzelne Unternehmen weite Teile des Internets kontrollieren. So steht unter anderem Apple mit dem iPhone in der Kritik, weil das Unternehmen nach eigenen Regeln die Inhalte der Apps kontrolliert.

Öffentlich-Private Partnerschaften

Mario Campolargo, Direktor der Direktion “Neue Technologien und Infrastrukturen” der EU-Kommission, stellt den Europäischen Weg zum „Future Internet“ vor. Europa setze auf eine Partnerschaft von öffentlichen Institutionen und privaten Unternehmen. Die zukünftige Forschungsförderung soll nicht nur die Endnutzer des zukünftigen Internets stärker einbeziehen, sondern setzt auch auf experimentelle Forschung, um die Infrastruktur für das Future Internet in Europa schnell zu verwirklichen und innovative Geschäftsmodelle zu entwickeln.

„Mit dem IRF hat SAP den Rahmen für einen außergewöhnlich fruchtbaren und zukunftsweisenden Gedankenaustausch geschaffen“, sagte Ministerialrat Maximilian Metzger vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF). Die Auswahl der Teilnehmer habe eine lebhafte Diskussion zwischen Wissenschaft, Wirtschaft und Politik entwickelt, „die bedeutende Impulse zur künftigen Gestaltung unserer Lebensumwelt führen wird“, sagte Metzger.

Tags: , , ,

Leave a Reply