Von Anfang an kalkuliert

Feature | 6. September 2006 von admin 0

Mit der entwicklungsbegleitenden Kalkulation “Product Design Cost Estimate” (PDCE) steht in mySAP ERP 2005 eine weitere neue Planungsfunktionalität zur Verfügung. Sie ergänzt die bereits vorhandenen Kalkulationsfunktionen der SAP-Produktkostenplanung in der ERP Central Component. Mit dem ansonsten ausgesprochen leistungsfähigen lassen sich zwar die Produktkosten errechnen – allerdings erst, wenn ein Produkt abschließend definiert und in der SAP-Lösung System angelegt ist, wenn alle Arbeitspläne und Stücklisten vollständig vorhanden sind und die Serienproduktion aufgenommen werden soll.

70 Prozent der Produktkosten in der Fertigungsphase festgelegt

Wichtig ist es für Fertigungsunternehmen jedoch auch, den Preis von Produkten zu kalkulieren, die erst am Anfang ihrer Entwicklung stehen, denn bis zu 70 Prozent der Kosten werden bereits in dieser Phase endgültig festgelegt. Die Zielkosten müssen daher konsequent gemanagt werden: Je später sich herausstellt, dass einzelne Komponenten oder das Produkt insgesamt zu teuer sind, umso höher sind die zusätzlichen Kosten des Re-Designs. Weil zudem abhängig vom Produkt zwischen dem Beginn der Entwicklung und dem Start der Vermarktung häufig beträchtliche Zeit vergeht, gilt es während des Entwicklungsprozesses auch spezifische Risiken in Betracht zu ziehen. Wenn sich etwa die Rohstoffpreise, die Technologien oder die Arbeitskosten nachhaltig ändern, beeinflusst das die Kosten des Fertigprodukts und damit den finanziellen Erfolg natürlich stark.
Aufwändig sind hier die entsprechenden Simulationen – etwa angenommene Änderungen von Rohstoffpreisen und deren Einfluss auf die Herstellkosten – und die Verwaltung der verschiedenen Simulationsversionen. Auch lassen sich manche Sachverhalte, die in der Entwicklungsphasen zu Buche schlagen, nur durch arbeitsintensive Nebenrechnungen darstellen – beispielsweise eine Schichtung von Kosten nach Kostenblöcken, Ländern, Werken oder anderen Kriterien.

Integration der Kalkulationsbasis

SAP PDCE Import-Agent

SAP PDCE Import-Agent

Mit Entwicklungsbeginn eines neuen Produkts wird in PDCE eine Beschreibung für das Kalkulationsobjekt angelegt. Der Anwender hat die Möglichkeit, hierfür oder für die sich anschließende Kalkulation sinnvoller Weise auf die technische Dokumentation der bisherigen Entwicklung zuzugreifen – Material- oder Stücklisten, Arbeitspläne, technische Spezifikationen zur Produkterstellung wie sie in Lösungen wie mySAP Product Lifecycle Management (mySAP PLM) ohnehin angelegt und verwaltet werden.
Der Zugriff auf Daten in mySAP PLM oder anderen PLM-Lösungen ist jedoch auch an anderer Stelle von besonderer Bedeutung. Beispielweise werden in bereits angelegten Kalkulationen immer und immer wieder Arbeitsgänge oder Materialien aus bereits bestehenden Produkten integriert. Der Grund: Die Verwendung einer bereits vorhandenen Planung, von Gleich- oder Normteilen spart Zeit und Geld. Ihr Einfluss auf den Zielkostenrahmen ist oftmals sehr groß. Struktur-, Preis- oder Mengeninformationen lassen sich daher mit dem PDCE Import-Agenten in das neue Kalkulationsprojekt integrieren.

Aufbau der Kalkulationsstruktur ohne vorhandenes Basismaterial

Kalkulationsstruktur Winterdreams

Kalkulationsstruktur Winterdreams

Der Anwender kann mit PDCE jedoch auch die Kalkulationsstruktur aus den Arbeitsvorgängen oder Materialien von Null an aufbauen. Sind keinerlei Vorlagen vorhanden die sich als Basis einer vorläufigen Kalkulationsstruktur eignen, muss er die benötigten Objekte als “vorläufig” anlegen und zuordnen. So lässt sich beispielsweise die Kalkulationsstruktur einer Schokolade, nur aus solch “vorläufigen” Materialien und “vorläufigen” Eigenleistungen in dem Baumdiagramm darstellen, wobei zu jedem Material und jeder Eigenleistung sowohl Preise als auch Mengen erfasst sind. “Baugruppen” werden wie das Endprodukt als “vorläufiges Kalkulationsmaterial” angelegt.
Der Aufbau der Kalkulationsstruktur ist hierarchisch. Der oberste Knoten repräsentiert das Endprodukt, der unterste den ersten Arbeitsgang. Im ersten, “untersten” Arbeitsgang “Mischen Melangeur” wird aus den Rohstoffen Kakao, Kakaobutter, Milch, Zucker, Zimt und Vanille die erste “Komponente” des Endprodukts hergestellt: Schokoladenmasse mit Vanille- und Zimtgeschmack. In den folgenden Stufen der Kalkulationsstruktur werden die übrigen Arbeitsgänge durchlaufen, bis das Produkt schließlich als Tafelschokolade verpackt vorliegt. Zu jedem der vorläufigen Materialien und Arbeitsgänge muss eine Preis- und Mengenkomponente erfasst werden. Das Endprodukt, die “Tafelschokolade Winterdreams” ist ein “vorläufiges Kalkulationsmaterial mit Marge”: Auf dieser Ebene werden Zielpreis und Zielmarge hinterlegt.

In mehreren Iterationen zur Kostenvorgabe

Detailansicht Kalkulationsergebnis

Detailansicht Kalkulationsergebnis

Auf der Ebene des Endprodukts wird in der Detailsicht das Kalkulationsergebnis detailliert dargestellt. Als Zielverkaufspreis für ein Kilogramm Schokolade sind 25 Schweizer Franken vorgegeben, also 2,50 Franken pro 100-Gramm-Tafel. Aus der ebenfalls vorgegebenen Zielmarge von 40 Prozent ermittelt PDCE nun die erlaubten Kosten von 15 Euro pro Kilogramm. Kalkuliert die SAP-Funktionalität aus der hinterlegten Kostenstruktur nun allerdings die vorläufigen Kosten mit 16,32 Schweizer Franken pro Kilogramm Schokolade, ist die Kostenvorgabe nicht erreicht. Im Entwicklungsprozess sind in diesem Fall weitere Iterationen notwendig.

Schichtung der Herstellerkosten

Schichtung der Herstellerkosten

Stellschrauben sind die Verlagerung auf Fremdbezug, die Auswahl anderer Rohstoffe, Fertigungsverfahren oder Lieferanten, die Änderung der Rezepturen oder auch die Änderung der Kalkulationslosgröße, um Fixkostendegressionseffekte zu nutzen. Um diese Möglichkeiten aufzuzeigen, lassen sich mit PDCE anfallende Kosten nach der Kostenstruktur schichten – etwa unterteilt in Material- oder Fertigungskosten, wiederum unterteilt nach Fixkosten und variablem Anteil. PDCE erlaubt es jedoch auch, eigene Schichtungsmerkmale zu hinterlegen.

Änderung von Rohstoffpreisen

Änderung Rohstoffpreise

Änderung Rohstoffpreise

Mit PDCE lässt sich auch der Effekt von Rohstoffpreisänderungen auf die bereits kalkulierten Herstellkosten und auch auf die Margen berechnen. Schokoladenhersteller beispielsweise sind stark von den Weltmarktpreisen für Kakao abhängig. In gleichem Maße trifft das in anderen Wirtschaftszweigen auf Abhängigkeiten von Erdöl, Metalle oder Getreide zu.
Zunächst werden für solche Simulationen mit dem Import-Agenten die bestehenden Kalkulationen aus der SAP ERP Central Component in PDCE übernommen. Veränderungen am Wert- und Mengengerüst der einzelnen Kalkulationsmaterialien äußern sich im Preis des Endprodukts.
Steigen beispielsweise bei der Herstellung der Schokolade Winterdreams die Preise der beiden Kakaosorten Criollo und Trinitario, ziehen auch die Herstellkosten von 16,32 Schweizer Franken pro Kilogramm auf 17,08 Franken an. In der Realität geht dieser Anstieg – etwa aufgrund von erhöhter Nachfrage auf dem Weltmarkt – dann zu Lasten der Marge.

Kostenstruktur transparent, Interventionsmöglichkeiten sichtbar

PDCE eröffnet die Möglichkeit, komplementär zur Dokumentation der Produktentwicklung, die in Form von Arbeitsplänen oder Stücklisten etwa in mySAP PLM erfolgt, die Kostenstruktur des neuen Produkts zu ermitteln. Die eigentliche Berechnung beruht dabei auf umfangreichen Formelsätzen, anhand derer die Kosten der einzelnen Kalkulationsmaterialien ermittelt werden. Das große Plus dieses Werkzeugs ist die Möglichkeit, flexibel auf den jeweils aktuell dokumentierten Stand der Produktentwicklung zuzugreifen.
Schon während des Konstruktionsprozesses bleibt somit die Kostenstruktur transparent, insbesondere lassen sich kostenintensive Produktkomponenten früh identifizieren. Enorm wichtig ist das beispielsweise für Zulieferer, die von Ihren Abnehmern in Handel und Industrie meist klare Kostenvorgaben erhalten. Simulation wie im Falle der Preisänderungen bei den benötigten Rohstoffen helfen, Interventionsmöglichkeiten sichtbar zu machen.

Buchhinweis

mySAP ERP Financials
Jörg Siebert, Martin Strohmeier
SAP PRESS
ca. 400 S., geb.
ca. 59,90 Euro,
ISBN 3-89842-746-3
erscheint Ende 05/2006 versandkostenfrei in (D) und (A)

Martin Strohmeier

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