Von der Anwendungsintegration zur Prozessintegration

Feature | 12. Mai 2003 von admin 0

Vorteile von Business Integration

Vorteile von Business Integration

“Information at your finger tips” – es gilt, die richtige Information zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort zum richtigen Zweck verfügbar zu machen. Business Integration ist der Sammelbegriff für die dazu notwendigen Technologien und Methoden: Integration auf Ebene der Daten, der Applikationen, der Prozesse und der Mitarbeiter. Auf diese Weise lässt sich das lange ersehnte “Echtzeit-Unternehmen” verwirklichen – ein Unternehmen, das jederzeit “online” zu erreichen ist und über integrierte Prozesse quer über Abteilungsgrenzen und mit den Handelspartnern, Lieferanten und Kunden verfügt.

Auswahl des Anbieters

Auswahl des Anbieters

In den 90er Jahren waren Applikationen funktional ausgerichtet. Prozesse sprengen aber die Grenzen einzelner Funktionen und Abteilungen. Daher lautete die erste Aufgabenstellung für Business Integration, die Daten und Applikationen unternehmensintern zu integrieren – Enterprise Application Integration (EAI). Heute steht Business Integration für das Management von Prozessen und deren Performanz. Auch die künftige Aufgabenstellung steht bereits fest. Mittels Portalen gilt es, menschliche Interaktion mit in die Prozesse zu integrieren. Darüber hinaus müssen über die Unternehmensgrenzen hinweg kollaborative Geschäftsprozesse mit den Handelspartnern, Lieferanten und Kunden etabliert werden.

Innovative Prozesse ermöglichen innovative Geschäftsmodelle

Die Zeitschrift “The Info-Economist” zählt Dr. Wolfgang Martin zu den 10 einflussreichsten IT-Beratern in Europa. Sein Spezialgebiet sind die Wechselwirkungen technologischer Innovation auf die Organisation, die Unternehmenskultur, die Businessarchitekturen und die Geschäftsprozesse. Martin leitete auf dem EAI-Kongress die Vortragsreihe “EAI – Organisation und Projekte”.

Herr Martin, welches ist der Nutzen von Integration?

Martin: Neue, innovative Prozesse ermöglichen innovative Geschäftsmodelle. Ein gutes Beispiel hierfür ist Pirelli: Das Unternehmen bietet seinen größeren Händlern an, deren Läger zu managen. Dadurch entfallen kosten- und zeitaufwändige Bestellvorgänge. Der Return on Investment (ROI) solcher Projekte hängt vom Business Value des abteilungs- oder unternehmensübergreifenden Prozesses ab.

Was gilt es bei Integrationsprojekten auf jeden Fall zu vermeiden?

Martin: Niemals sollten die aktuellen Geschäftsprozesse 1:1 abgebildet werden.

Wie lässt sich dem Vorstand eines Unternehmens der Nutzen eines Integrationsprojekts klar machen?

Martin: Der Versuch, EAI durch technische und architektonische Verbesserungen zu rechtfertigen, gelingt in aller Regel nicht. Der Nutzen eines Projekts lässt sich am Besten mit finanzintensiven Geschäftsprozessen beziffern, bei denen sich durch Integration und Automation Qualität, Durchsatz und Durchsatzgeschwindigkeit erhöhen.

Integration ist ein weit gefasstes Thema. Wie lässt sich gewährleisten, dass der Fokus bei Integrationsprojekten nicht aus dem Auge verloren wird?

Martin: Integration erfordert einen strategischen Ansatz, wird aber taktisch mittels kleiner, schneller Projekte implementiert. Ein Kompetenzzentrum “EAI” ist ein sehr hilfreiches organisatorisches Konstrukt, um unterschiedliche Integrationsaufgaben und Anforderungen zu managen.

Wie lässt sich bei Händlern, Lieferanten und Kunden Akzeptanz für gemeinsame kollaborative Prozesse schaffen?

Martin: Entscheidend ist es, “Win-Win”-Situationen aufzuzeigen und aufzubauen. Ein Unternehmen, das durch integrierte Prozesse von Kostensenkungen profitieren wird, muss auch den Händlern Vorteile und Anreize bieten.

Für die “beste” EAI-Architektur gibt es kein Patentrezept

Nun gibt es aber für Integrationsaufgaben nicht nur eine Fülle verschiedener Anbieter, sondern auch mehrere verschiedene Lösungsansätze. Welches ist denn die geeignete Architektur für EAI-Projekte? Jürgen Sellentin, Manager für das Thema Integrationsarchitekturen am DaimlerChrysler-Forschungszentrum Ulm und Leiter der zweiten Vortragsreihe “EAI-Technologien und Web-Services”, erklärt, dass es in dieser Frage keinen Königsweg gibt. Klar ist, so der promovierte Informatiker, dass eine sauber definierte Architektur unabdingbar ist und dass die Umsetzung dieser Architektur auch der Kontrolle bedarf. Im Hinblick auf künftige Anpassungen oder Erweiterungen sollte auch darauf geachtet werden, das Daten- und Prozessmodell sauber zu dokumentieren. Sellentin rät zu intensiver Kommunikation mit den Partnern. Denn: Ohne ein gemeinsames Verständnis der Abläufe und der auszutauschenden Daten werden sich die Systeme mehrerer Partner nicht effektiv koppeln lassen. Modellierungsfehler nachträglich auszubügeln, erfordert einen erheblichen Mehraufwand.

Welche Rolle spielen Web-Services für EAI?

Sellentin: Web-Services werden oder sind teilweise schon ein technologischer Bestandteil von EAI-Lösungen. Dieser Trend ist klar festzustellen. Der Reifegrad der verfügbaren Produkte ist in der letzten Zeit erheblich gestiegen. Bezüglich Web-Services hat die Vortragsreihe eine Reihe von Fragen aufgeworfen. Wer betreibt welchen Service? Wie wird der in Anspruch genommene Service abgerechnet? Fragen wie diese legen nahe, dass bisher nur sehr wenige EAI-Projekte mit Web-Services realisiert worden sind.

Reduzieren Web-Services den Aufwand für EAI-Lösungen ?

Sellentin: Bezogen auf alle Arbeitspakete eines EAI-Projekts versprechen Web-Services keine erhebliche Minimierung des Gesamtaufwands. Denn: Rund 75 Prozent des Aufwands sind unabhängig von der verwendeten Technologie. Eine gute EAI-Lösung benötigt klar definierte Prozesse und Organisationsstrukturen. Häufig muss sogar noch der aktuelle Ist-Zustand aufgenommen werden, bevor sich überhaupt der Soll-Zustand modellieren lässt. Erst danach stellt sich die Frage der technischen Umsetzung. Hier besitzen Web-Services dann in Einzelfällen sicherlich das Potenzial zu einer erheblichen Verbesserung.

Richard Nußdorfer, seit 25 Jahren als IT-Berater tätig, wurde in einer Diskussionsrunde mit den wichtigsten Herstellern von EAI-Werkzeugen ebenfalls zu Web-Services befragt:

Welche Auswirkungen haben Web-Services auf die Praxis bei Integrationsprojekten?

Nußdorfer: Web-Services werden im Rahmen der Total Business Integration (TBI) standardisiert und funktional ergänzt – sie dienen als Schnittstellen für Software-Komponenten und als Basis einer Service-orientierten IT-Architektur.

EAI Grundvoraussetzung für B2B

Nußdorfer unterscheidet bei Integrationsprojekten drei Stufen: Die unternehmensinterne Integration auf Ebene der Anwendungen (Application-to-Application), die unternehmensübergreifende Anwendungdintegration für B2B-Prozesse sowie die Total Business Integration.

Was ist auf Ebene der internen Integration von Anwendungen von Bedeutung?

Nußdorfer: EAI besteht aus 10 Basisfunktionen. Darunter hat die Modellierung der Geschäftsprozesse die höchste Priorität. Wichtig ist auch, dass unternehmensintern die Applikationen integriert sind – als eine Voraussetzung für erfolgreiche B2B-Prozesse. Im Verhältnis zum gesamten Integrationsprojekt hat die Integration unternehmensinterner Anwendungen ein Gewicht von 80:20 Prozent.

Unternehmensintern ist die Integration von Altanwendungen immer noch das wichtigste Thema. Die dazu gehörige Connector-Problematik lässt sich mit modernen Screen-Schnittstellen lösen oder aber mit API-Schnittstellen wie bisher üblich.

Warum ist EAI nicht schon lange ein Thema von gestern?

Nußdorfer: Integration ist zwar ein Thema von gestern, aber die Umsetzung war noch nie so gut möglich wie jetzt – dank neuer Werkzeuge. Die Aktualität kommt aber vor allem von der Kostenseite. Heute liefert fast jeder Hersteller von EAI-Lösungen preiswerte Varianten zur Anbindung der Partner, auch im Bereich Mittelstand. Eine ROI-Betrachtung ist ein Muss vor dem Projektstart – zusammen mit einer realitätsnahen Einschätzung der Aufgabenstellung und der Leistungsfähigkeit des betreffenden Werkzeugs.

Was sind die wichtigsten Anforderungen an Integrations-Lösungen für B2B-Prozesse?

Nußdorfer: Das Schlagwort lautet Straight-through-Processing (STP) – Kostensenkung im Unternehmen durch automatisierte Geschäftsprozesse sind mit das wichtigste Ergebnis von Integrationsprojekten.

Warum ist es notwendig, TBI als eine komplexe Aufgabenstellung zu betrachten, die das gesamte Unternehmen betrifft?

Nußdorfer: Eine Abgrenzung von Einzelthemen ist in der Praxis nur schwer möglich und daher ist eine Gesamtbetrachtung der Aufgabenstellung vor Projektbeginn sinnvoll. Dennoch sollten Unternehmen taktisch an Integrationsprojekte herangehen und mit einer kleinen aber praxisgerechten Aufgabenstellung beginnen.

Je nach Branche bis zu 75 Prozent Einsparpotenzial

Ob es in der Bedeutung von Integrationsprojekten branchenspezifische Unterschiede gibt, erläutert Professor Dr.-Ing. Klaus Thaler, Leiter des EAI-Branchenforums. Thaler wurde im April 2002 an den neu gegründeten Lehrstuhl Prozessplanung und Simulation der Hochschule der Medien in Stuttgart berufen. Er lehrt im Bereich IT-Anwendungen, ist als unabhängiger Berater in der Industrie tätig und gilt als Experte für Prozessoptimierung.

In welchen Branchen ist EAI wichtig?

Thaler: Unabhängig von der Branchenzugehörigkeit prägen gewachsene, heterogene Systeme im Back- und Frontoffice – teilweise monolithische Anwendungen aus den 70er Jahren mit vielen Schnittstellen – die Systemlandschaft in vielen Unternehmen. Kommunikation und Datenaustausch finden oft über sehr spezifische Standards statt. Dies trifft vor allem für Banken, Versicherungen und Dienstleister aber auch auf viele Produktionsunternehmen und den Handel zu. Im EAI-Branchenforum konnten aus all diesen Bereichen Pilotanwendungen gezeigt werden.

Und was wurde dort mit EAI erreicht?

Thaler: Insbesondere wenn zahlreiche unterschiedliche Systeme in einem Arbeitsablauf zusammengeführt werden, ist das Potenzial für Einsparungen hoch. Bei Banken, Versicherungen und Dienstleistern wird das EAI-Wirkungspotenzial auf rund 75 Prozent der gesamten DV-Kosten beziffert. Selbst wenn diese Zahl durchaus optimistisch erscheint: Die Wartung und Anpassung von Systemschnittstellen verursacht heute den größten Kostenanteil bei der Integration. Im Finanzbereich wird beispielsweise zunehmend im Zukunftsszenario eines “one stop financial supermarket” gedacht. Branchen wie Handel, Produktion und Finanzdienstleistung rücken immer näher zusammen und lernen voneinander.

Wo liegen die “Stolpersteine” für EAI?

Thaler: Legacy-Systeme sind oft schwierig in den Griff zu bekommen. Um eine echte Prozessintegration zu erhalten, sind vor der Implementierung von Ist-Abläufen effiziente Prozesse zu schaffen, und das Unternehmen muss zum Real-time-enterprise umgebaut sein. Bei Storck, einem Unternehmen aus der Süßwarenindustrie, wurde hierzu ein Verpackungshersteller mit dem Storck-Portal von TIBCO und dem Backend-System SAP R/3 verbunden. Bei der Katalogbestellung von Verpackungsmaterialien konnte damit ein durchschnittlicher Bestellvorgang von 20 auf 5 Minuten reduziert werden.

Welche Bedeutung hat die Wirtschaftlichkeitsrechnung und die Übernahme bestehender Standards bei EAI-Projekten?

Thaler: Die Wirtschaftlichkeitsrechnung der EAI-Projekte wird noch wichtiger, da es nicht nur darum geht, eigene “savings” auszuweisen, sondern die Gesamtkosten in der Supply Chain gemeinsam mit Kunden und Lieferanten zu senken. In den Anwendungsprojekten ist man sich weitgehend einig, dass bestehende Standards weiterverwendet werden müssen.

www.eai-forum.de

Lüder Schulz-Nigmann

Lüder Schulz-Nigmann

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