Von der Vision zum realen Produkt

Feature | 13. Dezember 2004 von admin 0

Auf das Zusammenwirken kommt es an. Oft sind Forschungs- und Entwicklungsarbeiten, die auf marktfähige Produkte ausgerichtet sind, nicht aufeinander abgestimmt. Jeder der Bereiche – ob Grundlagenforschung, angewandte Forschung oder Produktdefinierung – führt zu sehr ein Eigenleben. Um die Innovationsprozesse indes durchgängig zu gestalten, übernehmen Forschungsorganisationen in den Unternehmen eine vermittelnde Rolle. Dieser Aufgabe stellt sich auch SAP Research, die Forschungsorganisation der SAP.

Den Trends auf der Spur

SAP Research ist seit 1999 Teil der SAP und verfügt über zahlreiche Forschungsstandorte, darunter Karlsruhe, Palo Alto, Montreal, Brisbane und Sophia Antipolis. Die Einrichtung verfolgt drei übergeordnete Ziele: eine Forschungsstrategie zu entwickeln, geeignete Forschungsprojekte zu akquirieren und umzusetzen sowie die hierbei gewonnenen Forschungsergebnisse in die Produktentwicklung einfließen zu lassen. SAP Research identifiziert technologische Trends, untersucht diese auf ihr Potential für innovative Softwarelösungen oder neue Geschäftsmodelle und bestimmt die zugehörigen Anwendungsszenarien. Dabei sind technologische Zielbereiche von so genannten Applikationsdomänen zu unterscheiden. Erstere beziehen sich oft auf SAP NetWeaver, um beispielsweise RFID-Funkchips über Middleware an Unternehmenssysteme anzubinden. Domänen betreffen dagegen neue Anwendungsbereiche, wie Heimatschutz (Homeland Security) oder IT-gestütztes Gesundheitswesen (E-Health).
Der Schwerpunkt der von SAP Research durchgeführten Projekte liegt insbesondere auf der Entwicklung neuartiger Technologiekonzepte und deren Integration in die SAP-Landschaft. Die gewonnenen Erfahrungen dienen darüber hinaus dazu, betriebswirtschaftliche Potenziale abzuschätzen. Schließlich sorgt die Abteilung dafür, die Ergebnisse der Forschungstätigkeiten in die Produktentwicklung zu übertragen und bis zur Pilotierung in realen Umgebungen beratend zu begleiten.

Dienstbasierte Architekturen entwickeln

Eine Reihe von Forschungsprogrammen von SAP Research widmet sich dem grundlegenden Wandel, der mit offenen, dienstbasierten Architekturen (SOA – Service Oriented Architecture) verbunden ist. Vier Programme haben unmittelbare Anknüpfungspunkte zur SAP Enterprise Service Architecture. Das Forschungsprogramm “Enterprise Services & Semantics” beschäftigt sich beispielsweise mit den Fragestellungen: Wie lassen sich in Zukunft Geschäftsobjekte ihrem Sinngehalt entsprechend (semantisch) beschreiben? Wie sind die mit ihnen verbundenen Dienste zu kennzeichnen? Wie entstehen aufgrund dieser Beschreibungen neuartige technologische Möglichkeiten? Neue Konzepte für system- und unternehmensübergreifende Geschäftsprozesse und deren Modellierung sind Ziel des Forschungsprogramms “Business Process Modeling & Management”. Die Arbeiten sollen neue Formen der Interoperabilität entwickeln, um die Kooperation zwischen Geschäftspartnern oder Unternehmen in Zukunft wesentlich zu vereinfachen.
Das Forschungsprogramm “Security & Trust” widmet sich einer verbesserten Sicherheit von SAP Applikationen und neuen Sicherheitskonzepten für offene Systeme. Das Forschungsprogramms “Software Engineering & Architecture” ist darauf ausgerichtet, Entwicklungsmethoden der SAP und die dabei verwendeten Tools zu verbessern. Das macht Entwicklungsprozesse produktiver und optimiert nicht-funktionale Aspekte wie Performance, Qualität, Wartbarkeit und Betriebskosten. Neuartige Architekturen wie SOA oder auch Grid Computing führen hierbei zu ganz neuartigen Herausforderungen und Möglichkeiten.
Drei weitere Programme sind mittlerweile schon als Klassiker anzusehen, wie das “Smart Items” Forschungsprogramm, das überall verfügbare (ubiquitäre) Technologien wie Funkchips (RFID) und Sensorennetzwerke in betriebswirtschaftlichen Anwendungen integriert. Innovative Mensch-Maschine-Schnittstellen werden schon länger im Programm “Human Computer Interaction” untersucht, und die Konvergenz von Lernen, Arbeits- und Wissensaufbereitung sind Gegenstand der Forschungen im Programm “Knowledge Management”.

200 Partnerorganisationen

Zu den vorrangigen Anwendungsbereichen (Domänen) neu entwickelter Technologien zählen das Gesundheitswesen (E-Health) sowie der Heimatschutz (Homeland Security, HS) einschließlich Katastrophenschutz und Rettungswesen. Funktechnologien (RFID) verbessern die Sicherheit und Nachverfolgbarkeit bei Behältertransporten und gewährleisten in Bereichen wie Logistik und Supply Chain eine nahtlose Integration der Daten in die Informationssysteme der Unternehmen. Systemübergreifende Geschäftsprozesse, wie sie im Programm “Business Process Modeling & Management” untersucht werden, sind zum Beispiel im elektronisch unterstützten Gesundheitswesen unverzichtbar.
SAP Research setzt auf die Zusammenarbeit mit Forschungspartnern. An den derzeit laufenden Projekten sind Mitarbeiter von 200 Partnerorganisationen beteiligt. Dazu gehören über 50 Universitäten, 30 Forschungsinstitute sowie Technologiepartner wie Infineon, Anwender aus der Industrie wie BP und aus dem öffentlichen Bereich. Neben den Forschungseinheiten bildet SAP Inspire eine zentrale Einheit innerhalb SAP Research. SAP Inspire fördert innovative Ideen und bietet talentierten Mitarbeitern im Rahmen eines Corporate Venturing Models die Chance, ihre Ideen für wegweisende Technologien zu entwickeln, die der Gesamtvision von SAP entsprechen. SAP Inspire evaluiert die Ideen und unterstützt die Mitarbeiter bei der Entwicklung des Business Plans. Über die Realisierung der Projekte entscheidet der SAP-Vorstand.
Die Einheiten werden von dem Business-Development-Team sowie dem Operations-Team unterstützt. Business-Development ist für die Zusammenarbeit mit den Produktgruppen, die Beziehungen zu Forschungsorganisationen und Industriepartnern und für die Kommunikationsstrategie zuständig. Das Operations-Team bietet den Forschungsgruppen eine Projektbetreuung. Es hilft bei juristischen Problemen und Fragen des geistigen Eigentums und führt die internen und externen Abrechnungen durch.

RFID-Forschung seit 1998

An den Forschungs- und Entwicklungsarbeiten zur Radio Frequency Identification (RFID) zeigt sich beispielhaft die Arbeitsweise der Forschungsabteilung. Mit dieser Funktechnik lassen sich berührungslos und ohne Sichtkontakt Daten lesen und speichern. 1998 begann SAP damit, Marktforschungen zu betreiben und erste Diskussionen mit Logistikexperten zu führen, die den potenziellen Wert von RFID erkennen ließen. SAP Research entwickelte zunächst eine generische Schnittstelle zu SAP-Lösungen. Auf der SAPPHIRE 1999 lenkte SAP mit einer Supermarktkasse die öffentliche Aufmerksamkeit auf RFID. Mit der Kasse konnten Kunden ihre Waren in Selbstbedienung auschecken. Ein Jahr später wurde auf der SAPPHIRE die Empfangsschleuse eines Warenlagers vorgestellt, die automatisch den Wareneingang erfasst. Es folgte ein erstes RFID-Pilotprojekt mit einer britischen Telekommunikationsgesellschaft. 2001 hatte SAP Research das Konzept einer Smart Items Infrastructure entwickelt. Damit war eine Serverlösung möglich, um Datenmengen, die von einer Vielzahl Lesegeräte erfasst wurden, verarbeiten zu können. Der Prototyp dazu war bereits auf der SAPPHIRE 2002 zu sehen.
SAP beteiligte sich als Gründungsmitglied an zwei Forschungseinrichtungen, dem Auto-ID Center am Massachusetts Institute of Technology und dem M-Lab des schweizerischen Bundesinstituts für Technologie und der Universität Sankt Gallen. Gemeinsam mit der Metro Group und Intel gründete SAP die Future-Store-Initiative. Für den “Future Store” in Rheinberg liefert SAP die RFID-Softwarekomponenten. 2003 begann ein Pilotprojekt am Frankfurter Flughafen, um die Entlüftungsklappen der Flughafengebäude zu inspizieren. Es basiert auf einer mobilen Infrastruktur mit einer im Wesentlichen bei SAP Research entwickelten Schnittstelle zu RFID-Lesegeräten. Die neue SAP Auto-ID Infrastructure, 2004 in ersten Kundenanwendungen eingeführt, integriert RFID mit Geschäftsanwendungen. Die Lösung basiert auf dem Prototyp der Smart Items Infrastructure, der komplett den Entwicklungen von SAP Research entstammt.

Dem Markt um Jahre voraus

Welche Faktoren sind rückblickend zu erkennen, die eine IT-Forschung erfolgreich machen? Wesentlich ist, dass die Forschung und die Kooperation mit den SAP-Produktgruppen so früh wie möglich beginnen, um dann bereits Lösungen entwickelt zu haben, wenn der Markt es verlangt. SAP Research startet Projekte in der Regel, wenn anzunehmen ist, dass das Forschungsthema frühestens nach drei bis fünf Jahren eine Nachfrage generieren wird. Am Beispiel RFID wird deutlich, wie wichtig der mehrjährige Zeitrahmen ist. Die Produktentwicklungen verliefen hier wechselhaft. Zunächst war das Thema allein durch die Technologie getrieben. Diese trat rasch in den Hintergrund, als Kosten für die Funketiketten (RFID-Tags) ermittelt wurden, die einer wirtschaftlichen Verwertung von RFID entgegenstanden. Zudem fehlten allgemein akzeptierte Standards.
SAP Research setzte auch hier auf strategische Partner, wie etwa die Hersteller von RFID-Lesegeräten oder die potentiellen Anwender. Die Partner halfen auch hier, Pilotanwendungen in realen Umgebungen durchzuführen. Viele Probleme, bei RFID etwa die Positionierung der Antennen oder das Verhalten in Ausnahmefällen, ließen sich nur in konkreten Anwendungen erkennen. Letztlich ist ein gelungener Transfer der Forschungsergebnisse entscheidend für den Erfolg – sei es, um ein neues Produkt zu entwickeln, ein existierendes Produkts zu verbessern oder um Know-how zu gewinnen.

Orestis Terzidis

Orestis Terzidis

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