Vorhang auf für Adaptive Business Networks

Feature | 27. Juni 2005 von admin 0

Nicht nur sind die CIOs der Unternehmen immer stärker dazu angehalten, die Total Cost of Ownership (TCO) der in den vergangenen zehn Jahren getätigten Investitionen zu senken. Sie stehen darüber hinaus unter dem Druck, die Funktionalität ihrer Software kontinuierlich zu verbessern. Nicht zufällig fällt dabei ihr Augenmerk auf serviceorientierte Architekturen (SOA) als eine mögliche Lösung. SOAs wie die SAP Enterprise Services Architecture verwenden offene, web-basierte Technologien, um genau die Sorte flexibler und anpassungsfähiger überbetriebliche Netzwerke herzustellen, die die Unternehmen heute brauchen.
Die Idee serviceorientierter Architekturen wird von Analysten, Medien und Anbieter hoch gelobt. Experten mahnen jedoch nicht zu übersehen, dass die Umstellung von traditionellen Client-Server-Systemen zu SOA eine echte Herausforderung ist, deren Umsetzung Jahre in Anspruch nehmen kann und der man sich umsichtig stellen sollte. Adolf Allesch, Vizepräsident des SAP-solutions-for-SAP-global-services-Partners Capgemini, erläutert im Gespräch mit SAP INFO online wie Unternehmen die “schöne neue Welt der Web-Services” entdecken.
Wie unterscheiden sich die SOAs von herkömmlichen Client-Server-Systemen?
Allesch: Client-Server-Systeme wurden mit proprietärer Technologie entwickelt. Diesen Ansatz verfolgte SAP von Anfang an. SOAs leben von einer serviceorientierten Infrastruktur. Die Synthese, also eine Kombination von Geschäftslogik auf Grundlage eines Client-Server-Systems mit einer offenen Infrastruktur, ermöglicht die Umsetzung einer SOA.

Welche Branchen interessieren sich am meisten für SOAs?

Allesch: Mir fällt beim besten Willen keine Branche ein, die sich nicht mit dem Thema beschäftigt. Natürlich gibt es in jeder Branche Vorreiter und Nachzügler. Müsste ich eine Branche hervorheben, würde ich auf diejenigen Unternehmen verweisen, die als Händler fungieren. Händler stecken mitten in der Beschaffungskette und sind ständig herausgefordert, sich neue Märkte zu erschließen. Capgemini arbeitet mit einem Handelsunternehmen für Elektronik zusammen, der vorgefertigte Bauteile und Basiskomponenten aus Übersee vertreibt. Es lässt in Asien und überall auf der Welt Produkte entwickeln und vermarktet sie über immer weitere Kanäle: Costco, Wal-Mart, Target oder auch die US-Regierung, beispielsweise. Das Unternehmen öffnet sich damit neue Vertriebswege. Sein Kundenbestand ändert sich auch: Weg vom Kundenstamm eines traditionellen Originalherstellers (OEM) hin zu einem Kundenbestand, der auch Konsumenten, Unternehmen und Behörden umfasst. Dieses Unternehmen hat es schnell verstanden, SOA zu nutzen.

Was ist Ihre Definition eines Adaptive Business Network?

Allesch: Ein Netzwerk, mit dessen Hilfe es sich rasch auf unerwartete Vorkommnisse reagieren lässt, weil es sich sowohl offener, web-basierten Standards als auch vordefinierter Geschäftslogik bedient. Viele Unternehmen haben ihre Geschäftslogik in die Client-Server-Applikationen eingebaut. Sie können diese Geschäftslogik aber nicht überbetrieblich, gemeinsam nutzen, weil sie nicht über eine offene Architektur oder Web-Services verfügen, die das ermöglichen. Dabei ist es möglich, eine SOA vergleichsweise einfach in ein ERP-System zu integrieren. Capgemini beobachtet daher einen Trend: Viele Unternehmen implementieren eine ERP-Lösung, weil sie diese als Voraussetzung für eine SOA betrachten.

Lassen sich SOAs nicht auch ohne eine bereits bestehende ERP-Lösung aufbauen?

Allesch: Es ist nicht unmöglich aber ziemlich schwer. Einige Unternehmen gehen diesen Weg. Auch wenn ein Unternehmen statt einer übergeordneten ERP-Lösung mehrere Best-of-breed-Lösungen verwendet, kann es Schwierigkeiten geben, eine serviceorientierte Architektur darauf aufzubauen. Zum einen fehlt es ihnen wegen der ohnehin hohen TCO der disparaten Applikationen oft am notwendigen Know-how sowie den entsprechenden Werkzeugen und Ressourcen um die Anwendungen zu unterhalten. Darüber hinaus benötigen sie eine Server-Umgebung für jede der Anwendungen – auch das verursacht Kosten und bindet Kräfte. Diese Umstände stehen in der Regel dem Wunsch, eine SOA auf diesen Best-of-breed-Systemen aufzubauen.

Was sollte ein Unternehmen ihrer Ansicht nach in einer solchen Situation tun?

Allesch: Sie sollten die Zahl ihrer Applikations- und Technoloie-Lieferanten beschränken. Auch sollten Anwendungen und Technologien auf eine Standard-Plattform migriert werden.

Sehen Sie SAP Enterprise Services Architecture und SAP Netweaver als eine mögliche Lösung dieser Probleme an?

Allesch: Ob Sie es glauben oder nicht: Viele mittelgroße und – noch erstaunlicher – viele der großen Unternehmen haben noch gar keine ERP-Lösung implementiert. Sie kaufen mySAP ERP und den SAP NetWeaver und implementieren zuerst die ERP-Lösung. Von SAP NetWeaver kommen anfänglich nur ein oder zwei Komponenten zum Zuge. Doch mit der SAP Enterprise Services Architecture liegen sie auf Kurs in Richtung SOA.

Wie nehmen die Unternehmen SAP Enterprise Services Architecture an?

Allesch: Sie nehmen sie weitaus besser an, als wir es für möglich hielten. Natürlich wird eine serviceorientierte Architektur derzeit eher auf Ebene einzelner Komponenten implementiert denn als ein Ganzes. Manche Unternehmen installieren beispielsweise nur SAP Enterprise Portal oder SAP Master Data Management.

Welche Komponenten sind zu diesem Zeitpunkt am nützlichsten für Unternehmen, die mittelfristig auf SAP setzen wollen?

Allesch: Das SAP Enterprise Portal ist ausgereift. SAP Business Analytics ebenfalls. Die Führungskräfte in den Unternehmen wollen einen Aussichtspunkt haben, von dem sie einen Überblick über alle Geschäftsprozesse erhalten. Die Kombination dieser beiden Bestandteile von SAP NetWeaver ermöglicht diesen Überblick. SAP Integration Broker ist meiner Ansicht nach eine nützliche Komponente, wenn es um den Übergang zur ESA geht. Es ist die Middleware, die beim Wechsel von proprietärem elektronischem Datenaustausch (EDI) zu einem maßgeschneiderten Interface hilft. Schließlich würde ich den SAP Web Application Server als nützliche Plattform und Werkzeug für den Übergang zur ESA nennen.

Wo liegen die größeren Stolpersteine auf dem Weg zu SOA/ESA?

Allesch: Erstens fehlt einigen Unternehmen nicht nur eine Unternehmensarchitektur, sondern auch ein erfahrener Unternehmensarchitekt. Die Techniker, die für das Reengineering und das Y2K-Problem in den 90er Jahren eingestellt wurden, kommen für die Rolle eines Unternehmensarchitekten nicht in Frage. Diejenigen, die damals die “Dot-com-Systeme” implementierten, haben die Unternehmen längst verlassen. Deshalb besteht der erste Schritt darin, einen qualifizierten Systemarchitekten zu finden. Die zweite Herausforderung liegt in der Suche nach einem Wirtschaftsanalytiker. Der größte Teil dessen, was SOA/ESA ausmacht sind relativ einfache, assistentenunterstützte Java-Entwicklung, die sich vergleichsweise einfach bauen lassen. Aber: Es gilt jemanden zu finden, der sich im Geschäft und der Wirtschaft ebenso gut auskennt wie in der Technik. Den meisten Unternehmen fehlen Wirtschaftsanalytiker, die in der SOA/ESA-Welt zuhause sind.

Verstehen die IT-Leiter in den Unternehmen die Vision, die hinter der Vision der SAP/ESA steckt?

Allesch: Wir bei Capgemini sind davon überzeugt davon, dass der CIO eines Unternehmens auch der “Chief Innovation-” und “Chief Process”-Manager sein muss. Mit anderen Worten: Er sollte derjenige sein, der einen Gesamtüberblick über das Unternehmen besitzt und versteht, worin der Zusammenhang zwischen bestimmten Geschäftsereignissen und den jeweilig adäquat zu verwendenden Web-Services besteht. Noch fehlen den meisten IT-Leitern die hierfür notwendigen Kompetenzen, doch das Bewusstsein wächst, das dies eher früher als später gefragt ist.

Bietet SAP Hilfe beim Übergang zur SAP/ESA an?

Allesch: Die meisten unserer Klienten sind SAP-Kunden. Sie setzen SAP seit 1995, 1996 oder auch 1998 ein, seit einer Zeit also, als die SAP-Lösungen noch unabhängig voneinander waren. Seit Anfang diesen Jahres bietet SAP ein synchronisiertes Release an. Wenn ich heute SAP NetWeaver kaufe, bekomme ich eine DVD, auf der alle Komponenten miteinander kommunizieren. Ein Unternehmen, das bereits SAP-Kunde ist, verfügt jedoch möglicherweise über verschiedene Instanzen verschiedener SAP-Lösungen. Für diese Unternehmen besteht die Herausforderung darin, alles auf das synchronisierte Release zu migrieren um damit den vollen Nutzen aus SOA/ESA zu ziehen.

Worin bestehen die größten Herausforderungen für ein Unternehmen, das sich ESA zuwendet und ein Adaptive Business Network schaffen will?

Allesch: Das Erste, was ein CIO tun muss, ist Fixkosten gegen variable Kosten abzuwägen. Die TCO müssen in Schach gehalten werden. Langfristig halten wir ESA für die günstigste Lösung, doch der Weg dahin kostet auch Geld. Unternehmen setzen derzeit ein oder zwei Web-Services ein, doch nicht mehr, weil sie Sicherheitsrisiken scheuen. Die andere Herausforderung für die Firmen liegt in der Verlässlichkeit. Die IT-Verantwortlichen müssen das Netzwerk ständig testen und verbessern. Es braucht Zeit und Geld, bis das Endprodukt so skaliert ist, dass es absolut verlässlich ist.

Sarah Z. Sleeper

Sarah Z. Sleeper

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