Wachstum mit Nebenwirkungen

Feature | 15. Mai 2006 von admin 0

Unternehmen wollen wachsen. Auch mittelständische Firmen streben nach mehr Größe, um im internationalen Wettbewerb zu bestehen. Zumal immer mehr Großunternehmen in den Mittelstandsmarkt drängen. Gleichzeitig fürchten viele Mittelständler, die Expansion könne ihre wichtigsten Stärken im Wettbewerb mit den “Big Playern” zunichte machen: Anpassungsfähigkeit, die größere Flexibilität bei der Preisgestaltung und die engeren Beziehungen zu den Kunden. Damit sind Wachstum und Globalisierung für mittelständische Firmen ein zweischneidiges Schwert. Auf der einen Seite sehen sie die Möglichkeit, durch Expansion konkurrenzfähig zu bleiben. Auf der anderen wollen sie dadurch nicht ihre angestammten Vorteile aufs Spiel setzen.
Die von SAP gesponserte Studie “Thinking Big: Midsize Companies and the Challenges of Growth” des Londoner Wirtschaftsforschungsinstituts Economist Intelligence Unit (EIU) widmet sich diesem Thema. Zwischen Oktober 2005 und Januar 2006 befragten die Analysten mehr als 3.700 Führungskräfte von Unternehmen mit einem Jahresumsatz zwischen 20 und 500 Millionen Dollar zu ihren Wachstumsstrategien. Die Studie repräsentiert Mittelständler aus unterschiedlichen Branchen und insgesamt 18 Ländern, davon 39 Prozent aus Europa, 37 Prozent aus dem asiatisch-pazifischen Raum sowie 24 Prozent aus Nord-, Mittel- und Südamerika.
Die Mehrheit (62 Prozent) setzt laut der Studie auf ein langsames und kontrolliertes Wachstum, um die Risiken abzuschwächen. Viele Unternehmen haben daher eine optimale Wachstumsrate und eine Idealgröße für sich festgelegt. Dies gilt vor allem für Firmen aus dem Raum Asien-Pazifik (73 Prozent) und aus den USA (69 Prozent), während in Europa nur 53 Prozent der Befragten einen solchen Rahmen definiert haben.

Im Alleingang in neue Märkte

Angesichts knapperer Budgets will fast die Hälfte der befragten Mittelständler (46 Prozent) in den nächsten drei Jahren aus eigener Kraft wachsen. Während größere mittelständische Unternehmen auch Akquisitionen und Zusammenschlüsse als Optionen einkalkulieren, bevorzugen kleinere ein organisches Wachstum. Viele setzen dabei darauf, mit einem größeren Kundenstamm mehr Umsatz zu erzielen. Dieser Weg hat bei 62 Prozent der amerikanischen Firmen Priorität. Im Raum Asien-Pazifik verfolgen nur 50 Prozent und in Europa 46 Prozent der Befragten diese Strategie. Dort wollen die meisten Unternehmen Wachstum generieren, in dem sie durch effizientere Geschäftsprozesse den Kostendruck verringern (Asien: 61 Prozent, Europa: 51 Prozent). Dies zeigt, dass die Unternehmen nicht bereit sind, um jeden Preis zu wachsen. Profitabilität ist für sie nach wie vor das oberste Gebot.
Der Großteil des Wachstums wird außerhalb der Heimatmärkte stattfinden. Mehr als ein Drittel der Firmen (36 Prozent) quer durch alle Regionen und Branchen will international expandieren. Angesichts ihrer im Vergleich zu Großunternehmen beschränkten Ressourcen dringen sie selektiv in neue Märkte vor. Andere sehen in Vertriebskooperationen mit lokalen Partnern den geeigneten Weg in ein fremdes Land, oder sie folgen ihren expandierenden Kunden. Die weltweite Beschaffung, lange ein Privileg großer Konzerne, ist inzwischen durch neue Technologien und bessere Transportmöglichkeiten auch für den Mittelstand eine Option, um Kosten zu senken.

Fachkräftemangel bremst die Expansion

Die Grenzen des Wachstums liegen für den Mittelstand nicht nur in einer zunehmenden Konkurrenz durch große Unternehmen und dem damit verbunden Druck auf die Preise. Auch intern stehen die Firmen vor Hindernissen. Für rund 33 Prozent der Befragten ist der Fachkräftemangel die größte Hürde. Das spüren vor allem Mittelständler in Asien, wie EIU analysierte: 41 Prozent nennen fehlendes qualifiziertes Personal als die Hauptbegrenzung ihres Wachstums. Geeignete Mitarbeiter zu bekommen, ist schon im eigenen Land nicht einfach, doch wenn Unternehmen in fremde Märkte expandieren, fällt es besonders schwer.
Steuervorschriften und staatliche Vorgaben stellen den Mittelstand ebenfalls vor beträchtliche Herausforderungen, zumal sie dafür anders als große Unternehmen keine speziellen Teams in ihren Finanz- und Rechtsabteilungen einrichten können. So klagt der CEO einer amerikanischen IT-Firma über die unzähligen Informationen, die er für Sarbanes-Oxley darlegen muss – bis hin zum Standort der Server. 62 Prozent der Mittelständler wünschen sich daher in erster Linie den Abbau von Bürokratie sowie Steuererleichterungen vom Staat. Allerdings sehen die Befragten hier offenbar schwarz. “Die Regierung schert sich nicht um uns”, zitiert die EIU-Studie einen amerikanischen Unternehmer.

IT spielt eine wichtige Rolle

Eine weitere Herausforderung ergibt sich im Bereich der IT, die schließlich mit dem Wachstum Schritt halten muss. Ein Drittel der Mittelständler beklagt die fehlende Skalierbarkeit ihrer Systeme, 39 Prozent der Befragten will in den nächsten drei Jahren in neue Soft- und Hardware investieren.
Im Management mittelständischer Unternehmen ist die zentrale Rolle der IT unbestritten, unabhängig von der Branche oder dem Land. 68 Prozent der Befragten sind der Ansicht, die IT sei unverzichtbar für die Fähigkeit zu wachsen. Für 57 Prozent hängt die Wettbewerbsfähigkeit ihrer Firmen von leistungsfähiger Informationstechnologie ab, 72 Prozent halten sie für entscheidend, um trotz des Wachstums flexibel zu bleiben. So betont beispielsweise das Vorstandsmitglied eines US-Handelsunternehmens, seine Firma komme bei ihrer Expansion nicht umhin, möglichst viele Prozesse zu automatisieren. IT helfe unter anderem dabei, die Kunden zu analysieren oder die Logistik und Verkaufsförderung zu verbessern.
Dass die IT die Geschäftsprozesse unterstützen muss, ist für nahezu alle Unternehmen selbstverständlich. Drei Viertel der Manager erklärte, die IT-Strategie orientiere sich eng an der übergreifenden Geschäftsstrategie. In 63 Prozent der Unternehmen übernimmt der Geschäftsführer oder Vorstandschef Verantwortung bei wichtigen IT-Entscheidungen.

Maßgeschneiderte Lösungen sind gefragt

Für mittelständische Unternehmen ist IT vor allem in den Bereichen Kundenbeziehungen, Kooperation mit Zulieferern und Partnern, Controlling und Innovation entscheidend. So hilft eine Lösung zum Customer-Relationship-Management (CRM) dabei, dass die traditionsgemäß enge Beziehung eines Mittelständlers zu seinen Kunden beim Wachstum nicht auf der Strecke bleibt. Für 60 Prozent der Befragten ist klar, dass die IT eine wichtige Rolle bei der Pflege ihrer Kundenbeziehungen spielt. Für 65 Prozent wiederum ist IT für die Zusammenarbeit mit Zulieferern und Partnern unerlässlich. Sie benötigen auf ihre Bedürfnisse zugeschnittene Lösungen für das Supply-Chain-Management (SCM) und Supplier-Relationship-Management (SRM). Viele Mittelständler setzen auf maßgeschneiderte ERP-Anwendungen, um den Informationsfluss im Unternehmen zu verbessern. Und zwei Drittel der Befragten erklärten, IT helfe ihnen, trotz des Wachstums innovationsfähig zu bleiben.
Auf diese Entwicklung haben viele IT-Anbieter reagiert und bieten dem Mittelstand Lösungen für EPR, SCM oder CRM an, die auf ihre Bedürfnisse zugeschnitten und preisgünstiger sind, als Software für Großunternehmen. Letzteres ist ein wesentliches Kriterium für mittelständische Unternehmen. Laut der EIU-Studie sind für 63 Prozent der Befragten die Lizenz- und Implementierungskosten die größte Hürde bei IT-Investitionen.
Allerdings ist Informationstechnologie kein Allheilmittel, sondern immer nur so gut, wie die Anwender, die sie nutzen. So beklagten viele Unternehmen in der Studie die fehlenden IT-Kenntnisse ihrer Mitarbeiter und generell den Widerstand der Belegschaft gegen Veränderungen. Der Einfluss neuer Technologie wird durch ihren ineffektiven Gebrauch geschmälert.
Weitere Informationen unter:
www.eb.eiu.com

Sabine Höfler

Leave a Reply