Wachstumsprognosen für IT-Services in den USA

Feature | 10. Juni 2003 von admin 0

SITSI-Prognose pro Segment

SITSI-Prognose pro Segment

Für die aktuelle Studie hatte PAC persönliche Interviews mit hunderten von Software- und Dienstleistungsanbietern im US-amerikanischen Markt durchgeführt. Gute und schlechte Nachrichten – so das Ergebnis der Studie – gleichen sich offenbar aus. So ist beispielsweise mit dem Ende des Krieges im Irak ein verunsichernder Faktor verschwunden. Allerdings sind die makroökonomischen Rahmenbedingungen nicht optimal. Unwahrscheinlich ist etwa, dass sich die US-Wirtschaft vor Mitte des Jahres 2003 mit schwachen Unternehmensgewinnen erholen wird. Auch geopolitische Unsicherheiten könnten die Aufmerksamkeit der Geschäftsführer zu Lasten der internen Geschäftsthemen auf sich ziehen. Positiv schlägt zu Buche, dass sich die Bereiche IT Consulting und System Integration im letzten Quartal offensichtlich stabilisiert haben – ein möglicher Hinweis darauf, dass bei SITSI das Schlimmste überstanden ist, da der Preisdruck nicht mehr so hoch ist wie früher.

Die Hauptgründe für das Wachstum

Die Hauptgründe für das Wachstum

2001 ist der US-amerikanische Markt für Software- und IT Services um 0,4 Prozent auf 253 Milliarden Dollar gestiegen (252 Milliarden Dollar im Vorjahr). Hauptgründe für das steigende Wachstum waren der Bedarf an ERP-Lösungen (Enterprise Resource Planning), das “Jahr 2000 Problem” Y2K und der Internet-Hype. Dieser Hype ist jedoch zu Ende. 2002 war das schlimmste Jahr für die Branche seit Jahren. Nur eine kräftige Erholung der US-Wirtschaft wird dazu führen, dass Unternehmen wieder in IT im Allgemeinen und in Software und IT Services im Besonderen investieren. PAC erwartet jedoch keine Erholung vor Ende der zweiten Hälfte des Jahres 2003. Wahrscheinlich wird es sogar bis ins Jahr 2004 dauern, bis sich die US-Wirtschaft im Bereich der SITS-Industrie endgültig erholt hat. Vorbei sind allerdings nach Ansicht von PAC die Zeiten zweistelliger Wachstumsraten. PAC erwartet in den kommenden fünf Jahren ein durchschnittliches Wachstum von 8 Prozent. Die Folge: Gesunde Unternehmen werden wieder expandieren, allerdings nicht in vergleichbarem Ausmaß wie Ende der neunziger Jahre.

Application Software Products & Solutions

Der US-Markt für Application Software Products & Solutions nach Branchen sortiert

Der US-Markt für Application Software Products & Solutions nach Branchen sortiert

2002 prognostizierte PAC dem US-Markt für Application Software Products & Solutions einen Rückgang um 8,6 Prozent gegenüber dem Jahr 2001. Für 2003 erwartet PAC für dieses Marktsegment ein Wachstum von immerhin 2,3 Prozent, größtenteils erzielt in der zweiten Jahreshälfte. Bei den Kunden hat sich ein Wandel vollzogen. Unternehmen implementieren eine Anwendung nicht mehr nur deshalb, weil es die Konkurrenz ebenfalls tut, sondern – und zudem zögerlich – wenn sich ein klar definierter Geschäftswert abzeichnet. Als Folge davon erwarten die Kunden von den Anbietern von IT-Services, dass sie eng mit den Applikations-Anbietern zusammenarbeiten. Gemeinsam, so die Forderung, sollen diese beiden Partner die Prozesse des potenziellen Käufers analysieren und eine Lösung erarbeiten, die zu einer Effizienzsteigerung führt.

Unternehmen wie SAP oder PeopleSoft gehen für den US-amerikanischen ERP-Markt davon aus, dass sich Neukunden eher für eine ERP-Gesamtlösung oder eine komplette Business Suite als für einzelne Kernmodule – etwa Human Resources oder Finanzwesen – entscheiden. Stammkunden hingegen kaufen weniger neue Funktionalitäten oder Erweiterungen für die Anwendungen hinzu als früher. Für 2003 zeichnet sich ein harter Wettbewerb zwischen großen Anbietern integrierter Gesamtlösungen (SAP, PeopleSoft, Oracle) und “Best-of-Breed”-Anbietern (Siebel, Retek, JDA Software) ab. Da es derzeit sehr schwierig ist, Einkünfte aus neuen Lizenzgeschäften zu erzielen oder neue Kunden zu gewinnen, haben die Anbieter ihren Fokus auf die Wartung bereits installierter Systeme verlagert. Viele Firmen konnten ihre Einbußen im laufenden Jahr dadurch ausgleichen, dass sie die Kosten für die Wartung der Software stabil gehalten und ihre Einkünfte aus professionellen Services pro Einsatz gesteigert haben.
Das Grundproblem der “Best-of-Breed”-Anbieter lässt sich anhand eines Beispiels verdeutlichen, das derzeit sehr typisch ist. Neukunden sind eher dazu geneigt, auf die SCM-Lösung (Supply Chain Management) von SAP zurückzugreifen, da sich diese leicht in das bereits bestehende ERP-Backend SAP R/3 integrieren lässt. Vermieden wird hierbei das Risiko, die SCM-Lösung des “Best-of-Breed”-Anbieters erst noch anpassen zu müssen. Ein weiteres Problem der “Best-of-Breed”-Unternehmen ist, dass sie weiterhin in Forschung und Entwicklung investieren müssen, um ihre technische Führungsposition in einem spezifischen Bereich zu behaupten. Andererseits können es sich diese Unternehmen aber nicht leisten, die Kosten für den Vertrieb in die Höhe schnellen zu lassen. In Verbindung mit der Tatsache, dass potenzielle Kunden den “Best-of-Breed”-Anbietern ohnehin zögerlich gegenüber stehen, ist das ein Teufelskreis.

CRM-Applikationen

CRM-Applikationen

Diesen Umstand machen sich Unternehmen wie SAP, PeopleSoft oder Oracle natürlich zu nutze. Sie können es sich leisten, in Forschung und Entwicklung zu investieren und ihre CRM- oder SCM-Lösungen in Hinblick auf Funktionalität und Technologie den Lösungen der “Best-of-Breed”-Anbieter angleichen. Die Prognosen für 2003 fallen daher besonders für SAP und PeopleSoft sehr positiv aus. Das gilt vor allem im Bereich Supply Chain Management. i2, Ariba und CommerceOne fallen als Konkurrenten weitgehend aus. Doch auch die Prognosen für den CRM-Markt sind günstig. Siebel hat sich mit seinem Versuch, sein Angebot mit neuen Leistungsmerkmalen wie Employee Relationship Management (ERM) und Partner Relationship Management (PRM) zu erweitern, ins Abseits manövriert. Für diese in der Praxis noch nicht erprobten Technologien existiert noch kein Markt.
Der Markt für CAD/CAM, Product Lifecycle Management (PLM) und Business Support Systems (BSS) entwickelt sich in gewissem Sinne ganz anders. Innerhalb der BBS war das Hinzufügen von neuen Modulen zusätzlich zur Fakturierung nicht erfolgreich, da vor allem die großen Telekommunikationsunternehmen nicht bereit dazu sind, ihre Investitionen in Applikationen in absehbarer Zeit zu erhöhen. Im Gegenteil, sie planen diese Systeme zu den Anbietern auszulagern. So hat etwa Amdocs den Schwerpunkt von der Entwicklung der Anwendungen im Partner Relationship Management (PRM) auf Investitionen in die Outsourcing-Abteilung verlagert. Convergys, ein Unternehmen, das sich insbesondere in den USA für das Outsourcing der Fakturierung entschieden hat, schrieb während der Krise der Telekommunikationsbranche bessere Zahlen als seine Wettbewerber. Die Tendenz zum Outsourcing der Fakturierungs- und CRM-Lösungen im Telekommunikationsmarkt wird voraussichtlich anhalten, doch das Wachstum wird nicht besonders hoch sein. Outsourcing-Verträge, die Ende der Neunziger Jahre unterzeichnet wurden, müssen neu verhandelt und gemäß dem Kostendruck im Markt der IT-Services der vergangenen beiden Jahre angepasst werden.
Im Markt für CAD/CAM- und PDM/PLM-Anwendungen setzen sich neben der Automobilindustrie und der Verteidigungsbranche – lange Zeit das Brot-und-Butter-Geschäft der Hersteller von Design-Lösungen – auch andere Branchen durch, wie etwa der Konsumgüterbereich, die Elektronikbranche, Life Sciences und Versorgungsunternehmen. Allerdings ist die Tragweite von CAD/CAM- und PDM/PLM-Anwendungen in diesen Branchen lediglich auf die verarbeitenden und produzierenden Bereiche beschränkt.
Reine PLM-Anbieter verfolgen daher seit 2003 eine neue Taktik. Sie vertreten die Ansicht, dass PLM sich nicht auf das Design eines Produkts beschränkt, sondern mit Hilfe bestehender ERP-Lösungen auf das ganze Unternehmen ausgedehnt werden sollte. Unternehmen wie PTC sehen durch eine Integration von PLM in die Supply Chain, das Marketing, den Vertrieb und das Rechnungswesen, sogar für kleine Produktionsbetriebe einen Nutzen bei der Betreuung der Produkte über den gesamten Lebenszyklus hinweg. Doch die Frage ist, ob sich tatsächlich ein Manager im Marketing um PLM kümmern sollte. PAC vertritt hier den Standpunkt, PLM-Lösungen seien eher für große Betriebe der verarbeitenden Industrie geeignet, damit bei ihnen die Zusammenarbeit der Bereiche so reibungslos funktioniert wie in kleineren Unternehmen.

Was bringen die Jahre 2003 und 2004?

Wie bereits erwähnt haben die Einkünfte aus Lizenzgeschäften rapide abgenommen. Daraus folgt, dass die Einkünfte aus den Services, einschließlich der Wartung und Implementierung einer Software, bei kleinen und mittleren Applikationsanbietern in den vergangenen Quartalen fast 50 Prozent der Gesamteinnahmen ausgemacht haben, bei großen Anbietern sogar über 50 Prozent. Für die meisten Anbieter wird das aller Wahrscheinlichkeit nach nur ein Intermezzo sein, bis sich die Branche bis Ende 2003 erholt hat. Denn in allererster Linie liegt die Kernkompetenz eines Anbieters betriebswirtschaftlicher Software bei der Entwicklung und dem anschließenden Verkauf des eigenen Produkts. Allerdings erwarten die Kunden, dass Software-Anbieter und Services-Anbieter gemeinsam mit dem Produkt zu einer Effizienzsteigerung im Unternehmen sorgen. Auf Dauer werden also nur solche Applikationsanbieter überleben, die sich mit schlagkräftigen Systemintegratoren zusammengetan haben. Zwei Beispiele: PeopleSoft beschäftigt 2700 Berater bei PeopleSoft Consulting, die von SAP vor einem Jahr gegründete SAP Global Professional Services Organization (SAP GPSO) kann auf 7000 Berater zugreifen; weitere 1400 Berater arbeiten bei der SAP Systems Integration AG (SAP SI).
Konsolidierung lautet auch 2003 und 2004 das Zauberwort. Die kleineren und “Best-of-Breed”-Anbieter werden versuchen, sich im Markt zu behaupten – immer auch mit dem Aktienkurs im Hinterkopf. Denn für die großen Akteure, die über weitaus reichhaltigere Mittel im Kampf um Kunden und für die Entwicklung neuer Technoogien verfügen, könnten die kleineren Anbieter unter Umständen begehrte Ziele für Übernahmen und Akquisitionen sein. Ein aktuelles Beispiel ist Baan, übernommen von General Atlantic Partners, einer unabhängigen Investitionsfirma. General Atlantic Partners möchte jetzt auch noch SSA Global Technologies, einen US-amerikanischen ERP-Anbieter mit über 180 Millionen Dollar Gewinn, übernehmen. Baan und SSA – so der Plan – werden fusionieren, doch die Marken sollen erhalten bleiben. Die größte Übernahme jedoch wurde von PeopleSoft angekündigt – das Unternehmen will sich J.D. Edwards einverleiben. Durch die Akquisition könnte PeopleSoft von der Domain-Enterprise im Produktionssektor profitieren, die auf MRP-Anwendungen (Manufacturing Resource Planning) basiert. Hinzu kommt noch der Aspekt, dass eine neue Zielgruppe erschlossen wird, nämlich mittlere Unternehmen mit 200 bis 1000 Angestellten. Es sind aber noch viele Fragen offen, beispielsweise ob es einen einheitlichen Code für beide Produktlinien geben soll.
Im Laufe der Jahre 2003 und 2004 werden Enterprise-Application-Anbieter dafür sorgen müssen, ihre Kostengrenzen für potentielle Kunden zu senken. Erste Schritte in diese Richtung wurden beispielsweise durch die Application-Software-Partner von IBM eingeleitet, um die Software auf Linux zu portieren. PeopleSoft und Retek wollen sich anschließen. Mittelfristig ist dafür jedoch noch keine breite Akzeptanz auf dem Markt zu erwarten, da Linux rasch an seine Grenzen stößt, wenn es um geschäftskritische Geschäftsanwendungen geht.
Ein wichtigerer Aspekt ist die Integrationsfrage. Hier liegt für Kunden ein enormes Einsparpotenzial. PeopleSoft hat seine Strategie für die Entwicklung von “Smart Applications” aufgedeckt. Demnach sollen 500 Entwickler eingestellt und mehrere Milliarden Dollar in die Entwicklung von Blueprinting-Tools und XML-gestützten Software-Patch-Updates investiert werden. Siebel wiederum bietet via Partner ein Universal Application Network an. Die Lösung von SAP heißt SAP NetWeaver – ein intern entwickeltes Werkzeug für die Softwareintegration.

Peter Russo

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