Die mobile Plattform muss her

6. November 2012 von Andreas Schmitz 0

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15 Jahre ist es her: Da entwickelte Michael Wessendorf für die SAP Lösungen für den Palm Pilot, einem der ersten mobilen Geräte im Unternehmenseinsatz. Etwas kleiner als ein iPad, nur dicker, mit grünem 160-mal-160 Pixel-Display und einem halben Megabyte Speicher war das der Vorreiter dieser Zeit. Heute kümmert sich Wessendorf noch immer um SAP, hat aber sein eigenes Unternehmen, und die Geräte sind kleiner, smarter und wichtiger für die Unternehmenswelt geworden. Aktiv als Sprecher des Arbeitskreises Mobile Business Community bei der Deutschsprachigen SAP-Anwendergruppe (DSAG) e. V. beobachtet er die aktuellen Entwicklungen im Mobile-Geschäft der Walldorfer mit Argusaugen. Nach einigen Akquisen auf dem Mobilmarkt hat sich SAP durch Sybase und Syclo verstärkt. „Das hat einige Anwender verunsichert, besonders jene, die bislang auf die Hauslösung NetWeaver gesetzt haben“, meint Wessendorf, der den Reiz von SAP-Software darin ausmacht, eine homogene Plattform zu besitzen und nicht eine Mischung von zusammengekauften Anwendungen empfohlen zu bekommen.

„Sybase Unwired Platform hat NetWeaver aus Marketingsicht in den Schatten gestellt”

Besonders in Hinsicht auf die Sybase Unwired Platform war Anwendern zunächst nicht klar, welche Rolle sie im SAP-Kosmos der Mobillösungen einnehmen sollte.  „Die Unwired Platform hat NetWeaver aus Marketingsicht in den Schatten gestellt“, meint Wessendorf, der daraufhin zusammen mit seinen Kollegen aus dem Arbeitskreis einen Kriterienkatalog entwickelte, um schwarz auf weiß Vor- und Nachteile der aktuellen Lösungen im SAP-Mobile-Portfolio aufzuspüren. Wie geräteunabhängig sind die Lösungen? Gibt es Unterstützung durch Partner? Wie langfristig sind die Wartungszusagen? Wie viel spezielles Mobile-Know-how ist für die Entwicklung vonnöten? Das sind nur einige der Fragen, die sich die DSAG-Experten gestellt haben (siehe Grafik).

Die Kriterien im Einzelnen: 1 – Device-Unabhängigkeit; 2 – Anpassung/Entwicklung ohne spezielles Mobile-Know-how machbar; 3 – Breite Unterstützung durch Partner; 4 – Ein Plattform für alle Applikationen; 5 – Aktuelles Bedienkonzept; 6 – Langfristige Wartungszusagen; 7 – Aufwärtskompatibilität; 8 – Leistungsfähige Middleware; 9 – Beherrschbare Komplexität//Grafik: grasundsterne GmbH

Durch die Zukäufe von Sybase und Syclo ist eine neue Vielfalt an mobilen Lösungen entstanden. Damit sind auch neue Optionen für Anwender da. „Jedes Jahr hat SAP ein anderes Element der Produktpalette in den Vordergrund gestellt“, bemerkt DSAG-Mann Wessendorf, „das überrumpelt IT-Manager, denn sie können nicht alle zwei Jahre eine neue Richtung einschlagen“. Ihnen sei an einem stabilen, evolutionär weiterentwickelten Ansatz gelegen. Beispiel: 2011 kündigte SAP eine Instandhaltungslösung auf Basis der Sybase-Plattform an, kaufte aber ein halbes Jahr später Syclo, ein Unternehmen, das auch eine Lösung für dieses Thema bietet, allerdings auf Basis anderer Technologiekomponenten. „Eine Lösung für ein Problem macht Sinn“, kommentiert Wessendorf.

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„Die NetWeaver-zentrierten Ansätze haben in unserer Beurteilung deutlich besser abgeschnitten als die anderen“, sagt DSAG-Mobile-Experte Michael Wessendorf. Foto: Privat

Nächster Widerspruch: Die Mobillösung der SAP MAM (Mobile Asset Management) ist in Deutschland bei vielen Kunden im Einsatz, in den USA allerdings weniger erfolgreich. In diese Lücke sollte dann das in den USA mit einem guten Kundenstamm agierende Unternehmen Syclo stoßen. „Allerdings wäre es ohne den Aufkauf  durch die SAP schwer geworden für das SAP-Partnerunternehmen Syclo, denn damit wäre es auch verpflichtend gewesen, die Sybase Unwired Platform zu nutzen“, so Wessendorf. Das hätte das  Geschäftskonzept infrage gestellt. Dieses „Problem“ habe jetzt allerdings SAP.

Kaum Experten für Sybase und Syclo

Zurück zu den Bewertungskriterien: Die Wartungszusagen für Sybase Unwired Platform reichen bis zum übernächsten Release, wobei unklar ist, wie lange das wohl dauern wird. Bei Syclo werden dazu keine Angaben gemacht. Nur für SAP NetWeaver und SAP MAM gibt es hier aktuell Planungssicherheit mit einer garantierten Wartungszusage bis Ende 2020. Weiterer Kritikpunkt ist die Tatsache, dass sich ein Expertenumfeld besonders in Deutschland erst entwickeln muss. Die Technologien von Sybase und Syclo sind neu und müssen sich auch im Entwickler- und Partnerkreis etablieren. Rein technologisch passt sich nach Aussage der DSAG SAP NetWeaver am besten in die SAP-Welt ein. „Die NetWeaver-zentrierten Ansätze haben in unserer Beurteilung deutlich besser abgeschnitten als die anderen“, resümiert Wessendorf. Aufwärtskompatibel, beherrschbare Komplexität und „eine Plattform für alle Applikationen“ waren drei der Kriterien, die nur SAP NetWeaver erfüllen konnte.

Ein Lob bekommen die neu akquirierten Technologien jedoch auch – Sybase etwa in Hinsicht auf seine Bedienerfreundlichkeit, Syclo für seine Geräteunabhängigkeit, die hemdsärmelige Entwicklung und Anpassung der Software sowie eine leistungsfähige – wenn auch neue – Middleware.  Bisher scheint sich aber durch die neuen Technologien der Implementierungsaufwand nicht wesentlich  zu verringern, so der Eindruck der DSAG-Mobilexperten.

Summa summarum bringt jede Technologie ein paar Innovationen, die sich gut nutzen ließen – etwa in einer konsolidierten Plattform namens SAP Mobile Platform. Wessendorf ist wichtig, dass das Zielportfolio zwar durch Innovationen von Apple und Google inspiriert sein darf („Die Oberfläche muss state-of-the-art sein“), aber trotzdem nicht dazu führen muss, jede Mode mitzumachen. Wessendorf: „Was wir brauchen, ist ein beherrschbare Komplexität, eine überschaubare Anzahl von Funktionen, und es ist wichtig, nach der Investitionsentscheidung noch unabhängig bleiben zu können – von  Implementierungspartnern,  Hardware- wie Betriebssystemanbietern.“

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