Wie Amazon Daten verwertet

27. Juni 2013 von Nicolas A. Zeitler 0

Foto: Frankfurter Allgemeine Buch

Foto: Frankfurter Allgemeine Buch

Er ist mittlerweile zu einem Topos aus der vermeintlich guten alten Zeit geworden: Der Buchhändler, der einem bei jedem Besuch in seinem mit meterlangen Regalen vollgestellten Geschäft neue Lektüre empfahl, die genau den richtigen Geschmack traf. Mittlerweile ist der Buchhändler für viele Menschen abgelöst worden von dem Satz: „Welche anderen Artikel kaufen Kunden, nachdem sie diesen Artikel angesehen haben?“ Und der löst bei Carsten Knop, Wirtschaftsredakteur bei der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, ein gewisses Unbehagen aus. Warum? Die Antwort gibt Knop im Titel seines neuen Buches: „Amazon kennt dich schon. Vom Einkaufsparadies zum Datenverwerter“ (175 Seiten, 19,90 Euro, Frankfurter Allgemeine Buch).

Der Online-Händler, zu dessen Sortiment längst viel mehr gehört als Bücher, ist im Grunde genommen ja der Buchhändler von früher in Perfektion: Weil er den Kunden kennt, schlägt er ihm Artikel vor, die aufgrund früherer Käufe genau zu dessen Interessen passen. Die maschinelle Empfehlung im Online-Shop löst bei Knop gleichwohl keinesfalls besonders hohes Vertrauen in Amazon aus, sondern eher das Gegenteil. Denn: Sie basiert auf der genauen Auswertung jedes Klicks, den der Kunde auf der Plattform macht.

Kritik an Google und Facebook, nicht aber an Amazon

Wie viel Amazon über jeden seiner Kunden weiß, hat für Knop bedenkliche Ausmaße angenommen. Sorgenvoll stimmt ihn zusätzlich, dass die meisten Nutzer der Plattform das anscheinend ohne weiteres in Kauf nehmen. Werden Google oder Facebook in der öffentlichen Diskussion gern als Datenkraken gebrandmarkt, nimmt man die Buchempfehlungen von Amazon dankend an.

Warum die Kunden ihre Daten hergeben

Was der Leser über Gründer Jeff Bezos erfährt

Der Autor schildert, gut belegt mit vielen Marktforschungs- und Studiendaten, wie sich unser Einkaufsverhalten verändert hat und welchen Raum sich der Online-Handel mittlerweile erobert hat. Knop zeichnet auch die wachsende Bedeutung von Cloud Computing und Big Data nach – Technologien, mit denen Amazon sein Geschäftsmodell zu perfektionieren versucht. Mit Big Data, der Analyse riesiger Mengen sogar unstrukturierter Daten, sieht Knop eine Tür geöffnet zur Möglichkeit gänzlicher Überwachung der Kunden.

Deutlich wird in seiner Darstellung gleichzeitig das grundsätzliche Dilemma derartiger Mahnungen vor der Aufgabe von Privatsphäre und Datenschutz im Online-Zeitalter: Die Käufer finden die Angebote von Amazon und Co. eben einfach bequem. Und dafür sind sie offenbar bereit, Informationen preiszugeben – das bekommt jeder täglich mit oder praktiziert es selbst.

Durch-Digitalisierung aller Lebensbereiche

Völlig neu ist die Stoßrichtung von Knops Kritik an der Durch-Digitalisierung aller Lebensbereiche, die er am Beispiel von Amazon beschreibt, denn auch nicht. Auch die Darstellungen der Möglichkeiten von Cloud Computing und Big Data erzählen jedem, der sich regelmäßig mit diesen Themen befasst, nichts grundsätzlich Neues. Die von Knop beschriebenen Arbeitsbedingungen bei Amazon dürften seit der Ausstrahlung einer Fernseh-Dokumentation ebenfalls weithin bekannt sein.

Lesen Sie auf der nächsten Seite: Was Jeff Bezos als nächstes plant

Lohnenswert ist die Lektüre aber für alle, die sich für die Person des Amazon-Gründers Jeff Bezos interessieren. Carsten Knop beschreibt seinen Werdegang vom Elektronikbastler in der Garage über die Mitarbeit in einem Unternehmen, das noch vor dem Internet-Zeitalter Rechner von Finanzunternehmen vernetzte, bis zu Gründung von Amazon im Jahr 1994. Einfließen lässt er in sein Bild des Amazon-Gründers auch persönliche Äußerungen von Bezos aus dem direkten Gespräch mit ihm. Knop beschreibt Bezos als Mann, der sich immer neue Ziele steckt. Das nächste: Ins Weltall zu fliegen. Bereits 2000 habe er sein Weltraumunternehmen „Blue Origin“ gegründet. Seine Vision: Die eigene Raumfähre „New Shepard“ zu entwickeln und damit ins All zu fliegen.

Neben dem Porträt von Bezos zeichnet Knop ein anschauliches Bild vom System Amazon: Gnadenlos auf Effizienz getrimmt. Ein Geschäftsmodell, in dessen Mittelpunkt Daten stehen, und das sich in die Sparten Handel, Cloud Services und mit dem Lesegerät Kindle in den Tablet-Markt erstreckt.

Perspektive: Der kleine Buchladen könnte überleben

Bei all dem Unbehagen, das in Buchtitel und Umschlagstext anklingt, schreibt Knop doch unaufgeregt und sehr sachlich, ohne zu laute mahnende oder gar lehrerhafte Untertöne. Und für den klassischen Buchhändler zeigt er zuletzt sogar eine Perspektive auf. Seine These: Möglicherweise mache Amazon auf lange Sicht eher Buchhandelsketten Probleme als dem kleinen, regional verankerten Geschäft, das mit einem speziellen Angebot auf sein Publikum eingeht.

Carsten Knop: Amazon kennt dich schon. Frankfurter Allgemeine Buch, 175 Seiten, 19,90 Euro. Foto: Frankfurter Allgemeine Buch

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2 comments

  1. Benjamin Röder

    Anders als bei vielen anderen sogenannten Datenkraken muss bei Amazon jedem Käufer klar sein, dass er mit seinen Daten zu einer Datensammlung beiträgt. Durch Sätze wie “Kunden kauften auch…” ist das ja sogar transparent, und Amazon macht gar kein Geheimnis daraus. Amazon deshalb als bösen Buben darzustellen, finde ich deshalb nicht gerechtfertigt.

  2. Katharina Leonhardt

    Das Datensammeln bei Amazon ist alles andere als transparent. Für den Kunden ist doch völlig unklar, wie seine Daten benutzt werden, um Rückschlüsse über seine Person zu ziehen, die viel weiter gehen als das, was er freiwillig preisgegeben hat.

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