Web-Services für den Anzeigenmarkt

Feature | 24. Januar 2005 von admin 0

Das Medienunternehmen Manchette Publicité gehört zur Unternehmensgruppe Philippe Amaury und hat ihren Sitz in Paris. Zu den Hauptgeschäftsgebieten gehört die Gestaltung und der Verkauf von Anzeigen in vielen französischen Zeitungen wie “Le Parisien”, “Aujourd’hui”, “L’Equipe” sowie in Online-Medien. Bereits im Jahre 1998 beauftragte Manchette Publicité die SAP Systems Integration AG (SAP SI), einen internetfähigen Editor mit einer Plattform zur Anzeigenannahme zu entwickeln. Seit 1999 wird es damit Geschäftskunden von Manchette leicht gemacht, Rubrik-Anzeigen – etwa zum Stellen- oder Immobilienmarkt – für Web- oder für Printmedien online zu erstellen und direkt in Auftrag zu geben. Die Vorteile der Internet-basierenden Lösung lassen sich nachweisen: 30 Prozent der Geschäftskunden schalten ihre Rubrikanzeigen derzeit über das Internet-Portal. Der über das Portal generierte Umsatz stieg 2003 gegenüber dem Vorjahr um 70 Prozent.

Prozesse dynamisch erweitern

Bei dem Erfolg seines Anzeigen-Portals wollte es Manchette Publicité jedoch nicht bewenden lassen. Das Unternehmen verfolgt die Strategie, verstärkt als Diensteanbieter für Partner wie Anzeigenagenturen aufzutreten. SAP SI empfahl Manchette Publicité deshalb die Umstellung auf Web-Services und betreibt seit 2004 deren Einführung. Web-Services, als technologischer Standard anerkannt und weit verbreitet, sind ideale Bausteine, um Geschäftssoftware zu entwickeln. Manchette verspricht sich davon eine noch bessere Marktdurchdringung und höhere Profitabilität der Dienstleistungen. Im Gegensatz zu dem fest vorgegeben, starren Workflow der bisherigen Portallösung bieten Web-Services nun die Möglichkeit, Prozesse dynamisch zu erweitern. Sie erlauben eine rasche Anpassung an sich verändernde Marktumgebungen. Manchette Publicité rechnet damit, dass 50 bis 60 Prozent der Kunden, die das vorhandene B2B-Portal bisher nicht angenommen haben und immer noch Aufträge per Fax schicken, die neuen auf Web-Services basierenden Dienste anwenden werden.
Die Erweiterung und Umstellung auf Web-Services war geboten, weil das bisherige Internet-Anzeigenportal, realisiert mit den seinerzeit modernen, jedoch proprietären Technologien wie DCOM oder Active Server Pages, an seine technologischen Grenzen stieß. Es ist nun die Absicht, die Anwendungen so wenig wie möglich durch die verwendeten Technologien zu beschränken, sondern sie für mögliche, auch heute noch nicht absehbare Weiterentwicklungen offen zu machen. Als Nachteil erweist sich auch, dass im bestehenden Portal der Workflow fest vorgegeben ist.

Gekapselte Funktionsbausteine

Es war deshalb notwendig, die starr vordefinierten Abläufe aufzulösen. Darum wurde jeder Arbeitsablauf in kleine logische Prozesseinheiten aufgeteilt. Diese haben zum Beispiel die Abfrage der gültigen Erscheinungstermine, die Auswahl der vorhandenen Design-Vorlagen, deren Ausgestaltung oder die Preiskalkulation zum Inhalt. Die Einheiten ergeben eine Menge von eigenständigen, kontextgebunden Web-Services, die sich als modulare, so genannte gekapselte Funktionsbausteine in Business-Prozesse einbinden lassen.
Die Web-Services werden im Web Application Server hinterlegt und mit der standardisierten Beschreibungssprache WSDL (Web Service Description Language) klassifiziert. Dadurch ist es sehr einfach, die in SAP R/3 vorgehaltenen Funktionalitäten auch extern anzubieten und mit anderen Diensten auf der Seite der Kunden und Geschäftspartner zu kombinieren. Nahezu jede Programmiersprache und Systemumgebung ist für den Einsatz von Web-Services vorbereitet. Auch wenn am Backend Änderungen oder Erweiterungen vorgenommen werden, bleiben die eingeführten und vertrauten Interfaces für die Anwender unverändert. Dafür sorgt ein so genannter Business Logic Layer, auf dem die Kapselung der Funktionalitäten aus SAP R/3 und die weitere Spezialisierung ablaufen, um Web-Services zu generieren.

Business Logic Layer

Business Logic Layer

Die erweiterte Lösung basiert auf der Enterprise Service Architecture (ESA) der SAP. Sie ermöglicht Applikationen, die den Anwender Schritt für Schritt durch den gesamten Prozess begleiten. Manchette Publicité hat ein Frontend im Wesentlichen mit dem Partner-Unternehmen Forsup über ein Internet-Anzeigenportal realisiert. Dabei besteht der eigentliche Prozess aus Web-Portal-Screen-Sequenzen. Je nach Interaktion werden im Hintergrund die entsprechenden Web-Services aufgerufen und dem Anwender bereitgestellt.

Lösung für Ausschreibungen

Workflow

Workflow

Darüber hinaus wurde ein neuer Prozess auf der Basis von Web-Services entwickelt. Die Lösung erlaubt vornehmlich öffentlichen Einrichtungen, aber auch Unternehmen, Ausschreibungen über Anzeigen zu veröffentlichen und potenzielle Teilnehmer einzuladen, sich daran zu beteiligen. Das Manchette-Portal ist in der Lage, die vom Auftraggeber vorgegebenen Regeln dieses fachsprachlich “Invitation to Tender” bezeichneten Ausschreibungsverfahrens umzusetzen. Es kann beispielsweise gesetzte Fristen überwachen oder gewährleistet die Anonymität der an einer Ausschreibung interessierten Anbieter. Manchette Publicité plant, die Call-Center von Geschäftspartnern und weitere Internet-Portale anzubinden, die etwa in Frankreich regional tätig oder auf einzelne Branchen spezialisiert sind. Dabei haben die Partner die Freiheit, die Prozesse auf die Bedürfnisse ihrer Branche oder Zielgruppe auszurichten und unterstützt durch das bestehende Repository zu implementieren. Das macht es für die Partner und Kunden von Manchette leicht, die Web-Services in ihre Geschäftsprozesse zu integrieren.
Falls die Prozesse nicht bereits durch die vorhanden Web-Services abgedeckt werden, lässt sich das Repository um fehlende Funktionalitäten ergänzen. Durch die vorgenommene Zerlegung der Software in Web-Services wird das jetzige, schon sehr umfangreiche Repository schätzungsweise 90 Prozent der Anforderungen abdecken. Weitere Entwicklungen, um das Web-Service-Repository etwa durch zusätzliche Templates zu erweitern, sind geplant. Damit wird Manchette Publicité weiterhin schnell auf die sich ständig ändernden Marktbedingungen reagieren können, und mit flexiblen neuen Dienstleistungen einen noch breiteren Markt ansprechen und nicht zuletzt die Profitabilität weiter steigern.

Überholte Vorurteile

Der geschilderte Einsatz für Web-Services-Technologie eignet sich nicht nur für die Unternehmen aus dem Medien-Bereich. Momentan werden nach dem selben Muster ähnliche Projekte bei namhaften Unternehmen aus der Getränkeindustrie und der Telekommunikationsindustrie durchgeführt.
Einige Firmen haben Vorurteile, ESA oder Service-orientierte Architekturen (SOA) seien zwangsläufig mit hohen Investitionen verbunden. Dies beruht meist auf dem Missverständnis, die Verwendung dieser neuen Technologien verlange gleich ein vollständiges Redesign und eine Neuimplementierung der bereits vorhandenen Lösung. Diese Sichtweise ist heute für innovative Unternehmen weniger denn je gültig. Speziell Web-Services erfordern im Vergleich zu den bereits getätigten Entwicklungen weniger Neuinvestitionen. Denn die Funktionalität eines Web-Services kann in jeder existenten Prozessanwendung bereits vorhanden sein, sei es als Java-, C++ -Applikation oder als eine ABAP-Transaktion. Der wesentliche Schritt ist nur die Kapselung dieser Funktionalität als modularer Web-Service. Das ist mit heutigen Werkzeugen schnell und unproblematisch möglich.

Jewgeni Kravets

Jewgeni Kravets

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