Wege zur Rückverfolgbarkeit

Feature | 29. November 2004 von admin 0

Die EU-Verordnung 178/2002 fordert verlässliche Verfahren, um Lebensmittel-Produkte über alle Stufen der Wertschöpfungskette zurückzuverfolgen. Demnach tragen Zulieferer, Hersteller und Händler die volle Verantwortung für Waren, die den Anforderungen der Lebensmittelsicherheit nicht entsprechen. Wenn ein Schaden entsteht oder die zuständigen Behörden es verlangen, sind ab dem 1. Januar 2005 alle notwendigen Informationen zu Herkunft und Verbleib der Ware offen zu legen. Zum Stand der Rückverfolgbarkeit von Waren in der Lebensmittelbranche führte die Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsgesellschaft Deloitte zusammen mit der “Lebensmittel Zeitung” eine Untersuchung durch. Dazu wurden im Sommer 2004 rund 350 Mitarbeiter aus Lebensmittelunternehmen im deutschsprachigen Europa befragt und die Ergebnisse in der Studie “Rückverfolgbarkeit 2004” veröffentlicht.

EAN-128 vor der Einführung

Untersuchung

Untersuchung

95 Prozent der Lebensmittelhersteller, aber nur 35 Prozent der Handelsunternehmen sind zur Zeit dabei, Systeme für die Rückverfolgbarkeit aufzubauen. Das Thema beschäftigt die Branche nicht erst seit der EU-Verordnung. Um die Qualität ihrer Produkte sicherzustellen, waren Lebensmittelunternehmen bisher schon daran interessiert – und auch in der Lage – , die Waren in der Lieferkette zu verfolgen und so genannte Warenrückrufe durchzuführen. Weniger als die Hälfte der Unternehmen verwenden dafür bereits die europaweit einheitlichen EAN-Codierungen (European Article Number) zur durchgängigen Kennzeichnung. 32 Prozent der Unternehmen verwenden Barcodes unterschiedlicher Formate und erfassen damit automatisch die Daten für Rohstoffe, Hilfsstoffe und Halbfabrikate. Bei 45 Prozent dienen die Barcodes dazu, die Fertigwaren zu identifizieren.
In den nächsten sechs Monaten wird sich die Situation jedoch erheblich verändern. Dann wollen bis zu 30 Prozent der befragten Unternehmen Implementierungen auf Basis der neuesten Barcode-Version EAN-128 abgeschlossen haben. Unternehmen, die noch nicht in der Lage sind, Standards gemäß dem European Article Number Code zu verwenden, könnten somit leicht ins Abseits geraten. Je häufiger Waren umgeschlagen werden, je mehr externe Logistikdienstleister zum Einsatz kommen, desto wichtiger wird es, Warenkennzeichnungen zu normieren und entsprechende Techniken zur Übertragung der Informationen auch anzuwenden.

EAN-128

EAN-128

Eine Reihe internationaler Initiativen geht in die gleiche Richtung. So hat der amerikanische Uniform Code Council (UCC) zusammen mit der EAN-Organisation gemeinsame UCC/EAN-Standards zur Produktkennzeichnung vereinbart. Die Sorge über den Ausbruch von Seuchen und die Furcht vor Bio-Terrorismus verstärken den Ruf nach Technologien, um verdorbene Lebensmittel verfolgen und zurückrufen zu können. Mehrere Nationen haben Verordnungen zur Rückverfolgbarkeit von Fleisch verabschiedet. Um die wachsende Zahl von Produktfälschungen von Arzneimitteln einzudämmen, verlangt die amerikanische FDA (Food and Drug Administration) auch von der Pharmaindustrie, ihre Warenströme wirksamer zu verfolgen.

Systemwechsel mit EPC

Auch in den nächsten fünf Jahren, das ergab die Deloitte-Studie, werden Unternehmen noch überwiegend auf Anwendungen mit Barcodes setzen. Erst für die Zeit danach planen sie, verstärkt in RFID-Funktechniken zu investieren. Es ist mit einer Übergangsphase zu rechnen, in der RFID-Etiketten neben den EAN-Codierungen verwendet werden. Sowohl über Barcode-Scanner als auch über RFID-Lesegeräte lassen sich dann die Daten erfassen. Eine grundlegende Neuorientierung wird erst von der Einführung des Electronic Product Code (EPC) erwartet. EPC ist als globaler Standard zur Produktidentifizierung in Echtzeit vereinbart worden. Dabei entfällt der individuelle Datenaustausch zwischen beteiligten den Unternehmen wie bei EAN. Stattdessen sind die Produktinformationen (zum Beispiel über Herstellung, Lieferung, Verfallsdaten) über das international zuständige EPC-Netzwerk abzurufen. Im EPC-Umfeld sollen ausschließlich RFID-Etiketten die Waren kennzeichnen. Dieser Systemwechsel wird nur dann erfolgreich gelingen, wenn RFID-Lösungen frühzeitig als Teil einer mittel- bis langfristigen IT-Strategie betrachtet und entsprechend eingeplant werden.
Eine effiziente und effektive Rückverfolgbarkeit, da sind sich die Unternehmen einig, ist außer durch den Einsatz von Standards letztlich nur mit einem entsprechend optimierten System zum Chargenmanagement zu verwirklichen. Wenn auch die überwiegende Zahl der Unternehmen für die Chargenverfolgung beziehungsweise das Chargenmanagement derzeit noch Individualsysteme einsetzt, ist der Trend zu Standardsoftware doch eindeutig. Etwa 20 Prozent der befragten Unternehmen plant in den nächsten zwei Jahren Standard-ERP- und Warenwirtschafts-Lösungen zu implementieren. Das führt dazu, dass bis 2006 insgesamt etwas mehr als 50 Prozent der Unternehmen zukunftsorientierte Standardlösungen wie SAP Auto-ID Infrastructure (SAP AII) verwenden werden. Diese Lösungen erlauben es, die Lieferketten rasch und problemlos auf neue Technologien, beispielsweise RFID, umzustellen, und bieten den Unternehmen die Gewähr, kurzfristig neue Standards, wie EPC, einführen zu können.

Kosten und Nutzen umstritten

Die Mehrzahl der Unternehmen erwartet hohe Nutzenpotenziale, wenn RFID die Barcodes ablöst. Fast 60 Prozent versprechen sich von RFID eine “effizientere Abwicklung” bei der Rückverfolgbarkeit (Traceability) und bei Rückrufaktionen sowie eine “Steigerung der Sicherheit durch höhere Genauigkeit beim Wareneingang”. Weiterhin stufen rund 50 Prozent aller Unternehmen die Nutzenpotenziale in den Bereichen Kommissionierung und Versand sowie bei den “Durchlaufzeiten im logistischen Prozess” als hoch bis sehr hoch ein. Auch hier empfiehlt sich das Thema RFID, als Teil einer mittel- bis langfristigen IT-Strategie zu sehen. Dabei ist der erste Schritt, Machbarkeitsstudien konkret für das jeweilige Unternehmen durchzuführen beziehungsweise Business Cases zu ermitteln. Erfahrungen anderer Unternehmen können hilfreich sein, sie ersetzen aber nie die unternehmensspezifische Analyse.
In Bezug auf die Wirtschaftlichkeit zeigt die Untersuchung jedoch ein sehr gespaltenes Meinungsbild. So sind nur 32 Prozent der Hersteller, 45 Prozent der Zulieferer und 49 Prozent der Handelsunternehmen davon überzeugt, dass RFID wirtschaftlicher zu verwenden sei als barcodebasierte Systeme. Rund ein Drittel aller Unternehmen sieht überhaupt keinen Unterschied, und immerhin zehn bis 26 Prozent der Unternehmen befürchten gar eine geringere Wirtschaftlichkeit durch RFID verglichen mit barcodebasierten Lösungen. Die unterschiedliche Beurteilung ist sicherlich darin begründet, dass erst wenige Erfahrungen im praktischen Einsatz der Funktechnologie vorliegen. Darüber hinaus sind die Kosten für die Systemkomponenten bei RFID aufgrund der momentan geringen Stückzahlen höher als bei bereits eingeführten Systemen. Insbesondere die derzeit noch größeren Kosten der RFID-Tags gegenüber den Barcodeetiketten erschweren heute den wirtschaftlichen Einsatz. Gerade deshalb empfiehlt es sich, entsprechende Pilotprojekte aufzusetzen. Wie Deloitte in Beratungsgesprächen erfahren hat, planen viele Unternehmen zur Zeit solche Projekte. Sie sollen neben der technischen Machbarkeit auch die Wirtschaftlichkeit der Verwendung von RFID in unterschiedlichen Einsatzfeldern nachweisen.

Zusatzfunktionen aufzeigen

Für den Erfolg von RFID wird entscheidend sein, ob es gelingt, einen Zusatznutzen gegenüber den barcodebasierten Systemen aufzuzeigen. Rund ein Drittel aller Unternehmen sehen den Nutzen etwa in der “besseren Steuerung des Warenflusses im Streckengeschäft”. Das trifft insbesondere dann zu, wenn RFID mit mehrfach verwendbaren Transportbehältern auf Auslieferungsfahrten von Frischware angewendet wird. Auch für die “Reduzierung von Schwund” werden positive Entwicklungen erwartet. Rund ein Fünftel der Unternehmen kann sich darüber hinaus neue Geschäftsmöglichkeiten oder Vorteile beim “automatischen Sortieren bei der Rücknahme” vorstellen. Die meisten der aktuellen Projekte testen daher auch neue Mehrwegtransportsysteme und Zusatzfunktionalitäten.
Ganz wesentlich ist aber, dass bei den anstehenden Überlegungen nicht das eigentliche Ziel aller Bemühungen aus den Augen verloren wird. So hat die Studie eindeutig ergeben, dass Rückverfolgbarkeit vorrangig nicht angestrebt wird, um gesetzliche Anforderungen, wie die gemäß der EU-Verordnung, zu erfüllen. Vielmehr ist das Ziel aller Anstrengungen und Investitionen, die Qualität der Lebensmittelprodukte auf höchstem Niveau sicherzustellen. Leistungsfähige und zukunftssichere IT-Lösungen und innovative Technologien wie RFID leisten hier einen unverzichtbaren Beitrag, aber sie bleiben dabei nur eine, wenn auch wichtige Nebensache.

Norbert Taplick

Norbert Taplick

Jochen Kuhnert

Jochen Kuhnert

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