Weinwirtschaft: Natürlich Qualität!

Feature | 16. Januar 2008 von Liesa Dölker 0

Wachtenburg Winzer eG Weinkeller der Winzergenossenschaft

Umgeben von einem Meer aus Reben und den sanften Hügeln des Pfälzer Waldes liegt das Wein- und Sektstädtchen Wachenheim. Dank des milden, fast mediterranen Klimas des Edelweinbaugebietes Mittelhaardt reifen hier Feigen, Zitronen, Mandeln und Maronen. Ein Ort für Genießer. Über dem Weinort thront wie ein kolossales Monument die Ruine der Wachtenburg, das im 11. Jahrhundert erbaute Wahrzeichen der Ortschaft. Sie ist Namensgeber für eine der herausragenden Winzergenossenschaften in Rheinland-Pfalz, die Wachtenburg Winzer eG.

Entstanden aus dem Zusammenschluss der Winzergenossenschaft Wachtenburg mit den Winzervereinen Luginsland und Gönnheim, blickt sie auf über 100 Jahre Weinbautradition zurück. Heute bauen 244 Winzer auf 320 Hektar bester Lagen spritzige Rieslinge, filigrane Weiß- und Grauburgunder, intensive Dornfelder und gehaltvolle Spätburgunder an.

In den Gewölbekellern der Genossenschaft reifen unter der Aufsicht von Kellermeister Werner Reichert Weine von internationalem Renommee. Zahlreiche Auszeichnungen von Landwirtschaftskammer, DLG und Mundus-Vini zeugen vom Erfolg der Wachtenburger Winzer mit ihren klar strukturierten Qualitäts- und Prädikatsweinen, aber auch mit neu gezüchteten Rebsorten sowie Spezialitäten wie Trockenbeerenauslesen und Eisweinen.

Weinromantik trifft Informationstechnologie

Trotz aller Weinromantik ist die Wachtenburg Winzer eG ein betriebswirtschaftlich geführtes Unternehmen, das sowohl die Anforderungen des Weinrechts erfüllen als auch den Zertifizierungen der Lebensmittelindustrie entsprechen und die Chargenrückverfolgbarkeit sicherstellen muss. Und wie jedes erfolgreiche Unternehmen ist die Genossenschaft inzwischen auf eine leistungsfähige IT angewiesen.

Allerdings eignen sich Standard-Lösungen nur eingeschränkt für die Weinwirtschaft, vor allem für eine Winzergenossenschaft. Denn die Anforderungen, gerade in den Bereichen Genossenschafts- und Rebflächenverwaltung oder Kellerbuch, sind sehr spezifisch und komplex. Daher behalf sich die Genossenschaft lange mit mehreren Inselsystemen, die um die Warenwirtschaft herum aufgebaut waren.

Diese heterogene IT-Landschaft verursachte allerdings einen großen Abstimmungsaufwand, da die Daten in den einzelnen Anwendungen jeweils manuell abgeglichen werden mussten. So führten die Wachtenburger ihre Mitgliederstammdaten mit den jeweiligen Geschäftsguthaben und -anteilen beispielsweise in Excel-Tabellen. Bei Ein- oder Austritten waren diese Daten dort zu aktualisieren. Zusätzlich aber auch in der Rebflächenverwaltung, die mit einem gesonderten Programm erledigt wurde.

Auf dieser Basis war eine strategische Unternehmensführung nicht möglich. Die Winzer suchten daher nach einer IT-Lösung, die sämtliche Aufgabenbereiche der Genossenschaft integriert und gleichzeitig eine Chargenrückverfolgung mit “Tracking und Tracing” erlaubt. Ihre Wahl fiel auf die Branchenlösung wisA1 des SAP-Systemhauses KIRBIS aus Niefern-Öschelbronn. Die Software auf Basis von SAP Business All-in-One bot das gewünschte Spektrum an Funktionalität.

Im August 2006 begann man mit der Einführung der Software. Dazu modifizierten die Branchenexperten von KIRBIS die auf SAP Best Practices basierenden, vorkonfigurierten Prozesse nach den Anforderungen der Genossenschaft, um zum Beispiel auch die Abrechnung für den Deutschen Weinfonds zu ermöglichen. Andere Geschäftsvorgänge, wie Auftrag und Faktura, passte das Team an den Branchenstandard an, um so die Effizienz der Abläufe zu steigern.

Seit Januar 2007 sind nun an 14 IT-Arbeitsplätzen sämtliche Geschäftsprozesse der Winzergenossenschaft auf SAP-Basis abgebildet. Die Branchenlösung integriert sowohl die Annahme der Trauben, die Abfüllung und den Weinverkauf als auch die Verwaltung und Abrechnung für alle Genossenschaftsmitglieder und ihre Rebflächen.

Herzstück für mehr Harmonie

Die Ruine der Wachtenburg über dem Weinberg


Mit der Software lassen sich die beiden Unternehmensziele einer Genossenschaft, die Kundenorientierung und die Mitgliederorientierung, in Einklang bringen. Während die Kunden ein optimales Preis-Leistungs-Verhältnis beim Wein erwarten, wollen die Genossenschaftsmitglieder einen möglichst hohen Preis für die von ihnen gelieferten Trauben erzielen. Beides lässt sich jetzt in dem integrierten “Traubengeldprogramm” abbilden.

Diese wisA1-Komponente kann auch als eigenständige Anwendung laufen. Für den kaufmännischen Betriebsleiter der Wachtenburg Winzer eG, Franz-Josef Poh, war allerdings von vornherein klar, dass dieses Herzstück einer Winzergenossenschaft die Unternehmensführung nur dann strategisch unterstützen kann, wenn es nahtlos in die anderen Prozesse von wisA1, die Genossenschaftsverwaltung, die Kreditoren- und Debitorenbuchhaltung sowie die Warenwirtschaft, eingebunden ist.

“Früher mussten wir die einzelnen Geschäftsbereiche in den verschiedenen, zum Teil selbst gestrickten Systemen führen und dann manuell miteinander abgleichen”, erläutert er. Heute übernimmt die integrierte SAP-Business-All-in-One-Branchenlösung solche zeitraubenden Routineaufgaben, so dass die Wachtenburger Winzer allein schon beim Erstellen ihrer
Genossenschaftsberichte zwei Tage Arbeit sparen. Damit werden wertvolle Kapazitäten für die strategische Unternehmensführung frei.

Simulationen steigern die Traubenqualität

Auch dem Vorstand der Wachtenburg Winzer eG gibt die Software neue Führungsinstrumente an die Hand. Sie bildet die Basis für den mobilen Zugriff auf sämtliche Daten, die für die Unternehmenssteuerung relevant sind. Gleichzeitig lässt sich damit die Traubengeldbewertung und -auszahlung simulieren.

Mit Hilfe von flexiblen Qualitätsparametern – Grad Oechsle, Gesundheitszustand der Trauben oder Ernteertrag – kann der Vorstand verschiedene Alternativen der Traubenbewertung durchspielen und testen, wie sich je nach Gewichtung die Auszahlungen an die einzelnen Mitglieder verändern. Dabei lassen sich auch Zuschläge für Lagen oder besonders hochwertige Bewirtschaftungsweisen im Weinberg, wie das Entblättern oder Ausdünnen der Reben, einbeziehen.

Mit den so genannten “nachlaufenden Traubengeldmodellen” setzt die Genossenschaft monetäre Anreize für eine qualitätsorientierte Traubenproduktion. Bei nachlaufenden Zahlungsmodellen wissen die Genossenschaftsmitglieder vor der Ernte noch nicht, welchen Preis sie bei welchem Qualitätsparameter erzielen werden, denn die Bewertung orientiert sich an der durchschnittlichen Güte der angelieferten Trauben.

Vorab festgelegt sind lediglich die Qualitätsparameter selbst wie auch die Schritte der prozentualen Zu- und Abschläge und Mengenfaktoren. Da die Genossenschaftsmitglieder natürlich möglichst hohe Zuschläge anstreben, werden sie selbstverständlich schon im Weinberg und bei der Traubenlese darauf hinarbeiten, optimale Werte zu erreichen.

Nach der Ernte wird der Durchschnittswert pro Qualitätsparameter ermittelt. Anlieferungen, die unter dem angestrebten Durchschnitt liegen, erhalten Abschläge. Aber auch überdurchschnittliche hohe Anlieferungsmengen werden mit Abzügen belegt. “Auf diese Weise können wir die Qualität der abgelieferten Trauben steigern, ohne den Auszahlungsbetrag für die Gesamtgenossenschaft zu erhöhen”, erläutert Walter Reichardt, der Vorstandsvorsitzende der Wachtenburg Winzer eG.

Dies gestattet der Winzergenossenschaft eine zielgerichtete interne Qualitätspolitik. SAP-Software sorgt also dafür, dass die Weine der Wachtenburger Winzer den Kennern aus aller Welt auch in Zukunft vorzüglich munden werden.

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