Weltweiter Blick ins Logbuch

Feature | 21. März 2005 von admin 0

Sicherheit ist in der Luftfahrt oberstes Gebot. Die Aufsichtsbehörden verlangen, jede Wartung, jede Reparatur sowie jeden außergewöhnlichen Vorfall an einem Flugzeug im Logbuch zu dokumentieren. Seit jeher ist das Logbuch ein wichtiges Papierdokument im Lebenszyklus eines Flugzeugs. Stellt ein Pilot zum Beispiel fest, dass Triebwerk zu laut ist, so notiert er diesen Mangel im Logbuch des jeweiligen Flugzeugs. Sobald die notwendigen Wartungsarbeiten durchgeführt sind, werden auch diese Informationen dort vermerkt. Darüber hinaus sind hier alle Teile aufgeführt, die jemals bei einem Flugzeug ausgetauscht wurden.

Informationen zu Sicherheit und Komfort

Um die Logbuch-Informationen unternehmensweit einsehen zu können, steht Lufthansa Technik jetzt ein weltweites Beanstandungsmanagement zur Verfügung. Der IT-Dienstleister Lufthansa Systems hat erfolgreich die neue Anwendung auf der Basis von SAP R/3 Enterprise implementiert. Die Lösung MARIS (Maintenance Record Information System) ist für Lufthansa Technik die zentrale Anwendung, um Logbuch-Informationen der Flugzeuge zu dokumentieren. Zukünftig fließen in MARIS auch die Ergebnisse der so genannten Strukturuntersuchungen (Structure Defect Repair Reports) ein, bei denen in regelmäßigen Abständen beispielsweise der Rumpf des Flugzeuges auf haarfeine Rissbildungen hin überprüft wird. Alle diese Eintragungen sind den Piloten, der Einsatzzentrale, den Ingenieuren und Technikern mit Hilfe des MARIS-Systems online zugänglich. So lässt sich gewährleisten, dass alle Maßnahmen zur Sicherheit und zum Komfort des Fluggastes pünktlich und vollständig getroffen werden – und das für die gesamte Flotte der Lufthansa.
“Mit MARIS ist es den Teams von Lufthansa Technik und Lufthansa Systems gelungen, das hostbasierende Vorgängersystem erfolgreich abzulösen”, erläutert Dr. Zhangzheng Yu, IT-Leiter (Director IT) der Flugzeugwartung bei Lufthansa Technik. “Die neue Lösung zeichnet sich unter anderem durch die rasche Erlernbarkeit aus, da die Bildschirmmasken ähnlich aufgebaut sind wie die Logbuch-Seiten der Flugzeuge”, so Dr. Yu weiter. Insgesamt greifen 4.000 Benutzer ausschließlich über Web-Anbindung aus dem Intra- und Internet auf die in MARIS gespeicherten Inhalte zu. Die hochverfügbare Lösung basiert auf SAP R/3 Enterprise. Sie ermöglicht einen weltweiten Zugriff rund um die Uhr.

Entwicklung mit SAP-Bausteinen

MARIS stellt eine technische Innovation dar. So entwickelte Lufthansa Systems zum Beispiel die Oberflächen zur Pflege der Daten mit Hilfe der SAP Business Server Pages. Dieses Programmierverfahren, das mit dem SAP Web Application Server (SAP Web AS) eingeführt wurde, ermöglicht, die Anwendungen mit den zugehörigen Bildschirmoberflächen zu definieren. Die Oberflächen orientieren sich an den vom Flugbetrieb vertrauten Logbuch-Seiten. Ein neuer Anwender benötigt nur noch die Internetadresse, um sich von jedem beliebigen PC mit einem üblichen Browser in das System einzuwählen. Dadurch fallen bei der Anbindung von neuen Usern weltweit praktisch keinerlei Kosten an. Die Daten werden in SAP-Standard-Objekten wie Instandhaltungsmeldungen und -aufträgen abgelegt. Bei der Entwicklung nutzten die Experten zur Speicherung der Daten die Verbuchungsbausteine der SAP. Diese stellen sicher, dass die Zugriffe auf die Server fehlerfrei ablaufen. Die Zugriffe werden nicht einzeln angestoßen, sondern erst in Funktionsgruppen zwischengespeichert und erst dann gemeinsam bearbeitet.

Eine extrem hohe Verfügbarkeit des Systems ist bei dieser für die Lufthansa zentralen Anwendung sehr wichtig. Aus diesem Grund besteht das Produktivsystem aus zwei verknüpften Rechnern, die parallel mit Daten versorgt werden. Fällt einer der Rechner ungeplant aus, so steht immer noch der zweite Rechner für die Anwendung in Bereitschaft. Im Fall eines geplanten Ausfalls der Hauptrechner kann zusätzlich auf einen dritten Rechner umgeschaltet werden. Eine vollständig automatisierte Überwachung des Systems und der Applikation stellt sicher, dass Störungen sofort bemerkt werden. Sollten Störungen, zum Beispiel bei Zugriffen über Web oder an Schnittstellen, auftreten, so erhalten die zuständigen Personen direkt per Mails oder SMS eine Meldung. In einem Web-basierten Reportingtool werden dann die Störungen verzeichnet und entsprechende Berichte einschließlich der durchgeführten Lösung abgelegt. Auf diese Weise sind alle Informationen zum Systembetrieb transparent, und es lässt sich vermeiden, dass ein Fehler zweimal auftritt.

Hochverfügbarkeit gewährleistet

Ein so genanntes Replikationsverfahren sorgt dafür, die Hochverfügbarkeit der SAP-Anwendung auch bei Wartungsarbeiten wie zum Beispiel Releasewechseln zu gewährleisten. Alle Verbuchungen im System werden über die von SAP bereitgestellte Technologie Application Link Enabling (ALE) vorgenommen. Sollte während der Wartungsarbeiten eine Verbuchung im Beschwerdemanagement vorgenommen werden, so sorgt ALE dafür, dass auf ein zweite SAP-Anwendung umgeschwenkt wird. Nach Abschluss der Wartungsarbeiten werden die in dieser Zeit durchgeführten Datenänderungen dann ein zweites Mal in der Ursprungs-SAP-Anwendung nachverbucht. Auf diese Weise bleibt die Lösung auch während der Wartungsarbeiten mit allen wichtigen Funktionalitäten erreichbar.
Für die Anbindung der Schnittstellen verwendete Lufthansa Systems ebenfalls die ALE-Technologie. Sie wurde kombiniert mit einer DBCON-Anbindung, die die Schnittstellen zu Nicht-SAP-Systemen definieren. Das hat den Vorteil, dass die Schnittstellen beim Ausfall eines angrenzenden Systems jederzeit wieder aktiv werden und keine Daten verloren gehen
Damit die Pflege von Daten in der SAP-Landschaft über das Internet reibungslos und schnell funktioniert, wurde ein eigenes Sperrkonzept entwickelt. Es sperrt die Daten in der SAP-Anwendung während des tatsächlichen Verbuchens nur für wenige Sekunden und gibt sie dann für andere Nutzer wieder frei. Der Web-Zugriff auf MARIS ist durch eine spezielle HTTP-Verschlüsselung und eine Authentifizierung mit wechselnden Passwörtern geschützt. Zusätzlich gibt es die Möglichkeit, sich über Lesegeräte mit Chipkarten in die Web-Applikation einzuloggen.

Reports als PDF

Die Reports erscheinen als PDF-Dokumente, die sich direkt aus MARIS heraus über Web-Zugriff auf jedem beliebigen Drucker ausgegeben lassen. Es besteht außerdem die Möglichkeit, die Berichte per E-Mail- oder Telexanfrage zu bestellen. Die Anwendung versendet den entsprechenden Report dann als PDF-Dokument direkt als E-Mail oder aber auch per Telex. Diese traditionelle Technologie war für Lufthansa wichtig, da es weltweit noch vereinzelte Stationen gibt, die über einen Telexanschluss, aber keinen Internetanschluss verfügen. Auch die E-Mails werden in einer verschlüsselten Form versendet, damit nur befugte Anforderer in der Lage sind, die Daten zu lesen.
Die von Lufthansa Systems entwickelte Lösung wurde von der SAP in einem eigens für das Projekt definierten Safeguarding-Prozess auf Qualität geprüft. SAP-Experten nahmen zu Beginn der Entwicklung das oben beschriebene Sperrkonzept und das Replikationsverfahren unter die Lupe. Auch während der Massentests, in denen die reale Last des Systems mit Hilfe von automatischen Testtools und “lebenden” Nutzern simuliert wurde, nahmen die Experten weitere Abstimmungen an der SAP-Lösung vor. Diese Vorgehensweise bei der Implementierung führte dazu, dass MARIS vom ersten Tag der Produktivsetzung an, dem 1. November 2004, stabil und performant lief. Durch die Nutzerfreundlichkeit und die technische Stabilität des Systems wurde es sogleich von den Anwendern gut angenommen. Die hohe Akzeptanz hält auch nach dem über vier Monate laufenden Betrieb an.

Anke Frier

Anke Frier

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