Wenn die Welt zur Werkbank wird

Feature | 28. November 2005 von admin 0

Von November 2004 bis Januar 2005 führte Economist Intelligence Unit die umfangreiche Untersuchung “Business 2010” durch. Ein Abschnitt befasst sich mit der Fertigungsindustrie, aus der im Rahmen der Studie weltweit 872 Führungskräfte befragt wurden. Sie stammen aus 23 Staaten, die Hälfte davon aus Europa, 36 Prozent aus der Asien-Pazifik-Region und der Rest aus Nord- und Südamerika. Um die Ergebnisse zu ergänzen, wurden zusätzlich Führungskräfte mit besonderen Kenntnissen über die Herstellungsbranche interviewt. Die Ergebnisse fasst der Bericht “Business 2010: Manufacturing” zusammen, der von SAP gesponsert wurde.

Anpassungsfähigkeit zuerst

Fertigungsbetriebe müssen dafür sorgen, dass sie anpassungsfähig bleiben, um langfristig Wertschöpfung zu erreichen. Ein anpassungsfähiges Geschäftsmodell (adaptive business modell) ist gefragt. Der Notwendigkeit, auf einen Wandel in der Nachfrage rasch zu reagieren, wird größere Bedeutung eingeräumt, als der Reaktion auf die Wettbewerbsstrategien anderer Hersteller. Wenn Führungskräfte aus Fertigungsunternehmen die entscheidenden Herausforderungen im Management auflisten, bleibt die Entwicklung neuer Produkte und Dienste ein herausragendes Ziel. Das Tempo, um Innovation zu beschleunigen, rangiert erst an zweiter Stelle,
Die Innovationsgeschwindigkeit erhöhen und ganz allgemein, zu einem raschen Wandel fähig zu sein, das ist die treibende Kraft zur Entwicklung von Geschäftsmodellen und Wachstumsstrategien bis zum Jahr 2010. 46 Prozent der Befragten zählen technologische Innovationen zu den wichtigsten Einflussfaktoren für die Geschäftsmodelle von Unternehmen.
Von der Nachfrageseite werden Unternehmen einem außergewöhnlicher Druck ausgesetzt, Innovation und Wandel zu beschleunigen. 85 Prozent der Befragten sind der Meinung, dass die Produktion und Bereitstellung von Gütern und Services sich in erster Linie an der Nachfrage ausrichten werden. Je schneller es Unternehmen gelingt, Innovationen auf den Markt zu bringen, umso mehr Wertschöpfung gewinnen sie und umso unabhängiger machen sie machen sich vom Wettbewerbsdruck.
Da die Produktlebenszyklen kürzer werden, stehen Unternehmen unter einem Zwang zur Innovation. 42 Prozent der Befragten sehen es als eine der wichtigsten Herausforderungen für die nächsten fünf Jahre an, die Produktentwicklung zu beschleunigen. 45 Prozent wollen Produktinnovationen mit dem Ziel, die Zeit zur Markteinführung (time to market) zu reduzieren.

IT verändert Geschäftsmodelle

Fortschritte in der Technologie werden nach Meinung von 82 Prozent der Untersuchungsteilnehmer die Geschäftsmodelle und Strategien in der Fertigungsindustrie beeinflussen. Eine große Mehrheit von 77 Prozent der Führungskräfte sehen es dabei als grundsätzliche Herausforderung an, geschäftskritisches Wissen zu erwerben. Über die Hälfte (55 Prozent) glaubt, dass die hauptsächliche Rolle der IT in den Unternehmen sein wird, verstärkt Wettbewerbsvorteile auszubauen anstatt nur für Kosteneffizienz zu sorgen.
Die Aufgabe der IT wird auch künftig darin bestehen, größere Teile des Unternehmensnetzwerks für Kunden zu öffnen. Bei der Frage, wie die IT die Verbesserung der Kundenbeziehungen unterstützen könnte, räumt die Mehrheit der Befragten dem Zugriff der Kunden auf das Netzwerk eine Spitzenstellung ein. Fertigungsunternehmen werden anstreben, die Kunden intensiver – zum Beispiel in der Phase des Produktdesigns – einzubinden. In diesem Zusammenhang lassen sich Kommunikationsnetzwerke dazu verwenden, Spezifikationen von Kunden einzuholen und interaktive Design-Plattformen aufzubauen.

Hauptkunden diktieren Standort

Zulieferbetrieben wird die Entscheidung, die Produktion zu verlagern, oft durch ihre Hauptkunden diktiert. Wesentlicher als die Kostenoptimierung zählt bei der Mehrzahl der Fertigungsunternehmen das Argument, mit einem neuen Produktionsstandort in aufstrebenden Märkten von der zunehmenden Nachfrage in diesen Regionen zu profitieren. Nach der Untersuchung sind 55 Prozent der Führungskräfte überzeugt, China biete jetzt und bis zum Jahr 2010 das beste Geschäftsumfeld für Unternehmenswachstum. Mit deutlichem Abstand folgt Indien, dem nur 11 Prozent der Befragten eine solche Qualität zumessen.

Francois Blanc, CIO des globalen Automobilzulieferers Valeo mit Unternehmenszentrale in Frankreich, sieht wenig Probleme bei der Verlagerung eines Produktionsstandortes. Die geeignete Strategie sei, mit der Entscheidung zur Produktionsverlagerung zu warten, bis ein Hauptkunde seinerseits beginnt, einen neuen Standort physisch zu beziehen. Da die Produktion weniger komplex ist als die der Automobilhersteller, sind Zulieferbetriebe in der Lage, Fabrikationsstätten schneller als Hersteller – nämlich innerhalb von sechs bis 12 Monaten – aufzubauen. Aber eine feste Regel zum Nachrücken gebe es nicht. “Flexibilität ist der Schlüssel”, betont Blanc. Bei offensichtlich verlockenden Standorten wie China und Indien zögert Valeo jedoch, hier werde eher von Fall zu Fall entschieden. Da Valeo glaubt, immer noch zu sehr auf Europa fokussiert zu sein, beabsichtigt der Zulieferer, seine Präsenz in den USA auszubauen.

Verlagerung will überlegt sein

Aufstrebende Märkte erweisen sich oft kostspieliger als angenommen, wenn einmal alle Kosten einbezogen werden, die etwa durch einen korrupten Verwaltungsapparat, ein makroökonomisches Ungleichgewicht und ein hohes politisches Risiko verursacht werden. Rahmenbedingungen wie eine gute Infrastruktur und unternehmerische Planungssicherheit haben gerade für Fertigungsunternehmen mit hochwertigen Produktionsanlagen entscheidende Bedeutung. Eine Produktionsverlagerung in Schwellenländer spricht darum mehr für niedrigwertige Güter. Kostenbewusste und risikoscheue Unternehmen wenden sich neben den neuen EU-Staaten am ehesten China zu. Dabei gilt es jedoch zu beachten: Die Durchschnittslöhne sind zwar in China niedriger als in Zentraleuropa, aber die Arbeitsproduktivität, welche die Lohnstückkosten einschließt, ist in China nicht unbedingt günstiger.

“Wir kalkulieren in Cents und Produktionsminuten”, sagt George Varmuza, Emersons Managing Director für Mittel- und Osteuropa. Emerson, amerikanischer Hersteller von Elektroartikeln, unterhält Werke in den neuen EU-Ländern Tschechien, Polen, Ungarn und der Slowakei. Die Produktion dieser Werke geht fast ausschließlich in den westeuropäischen Markt. Varmuza meint, wenn die Löhne in den neuen Beitrittsländern stiegen und das Geschäftsklima in den ärmeren Regionen Europas sich besserte, würden Hersteller die Standorte erneut überdenken. Einer der Kandidaten für eine Produktionsansiedlung wäre dann Rumänien, ein Markt mit derzeit 23 Millionen Konsumenten und Arbeiter-Stundenlöhnen von unter einem US-Dollar. Für Rumänien wie auch Bulgarien spricht, dass beide vor ihrem Beitritt in die EU 2007 Auflagen zu erfüllen haben, die die politischen Risiken schneller als in den noch kostengünstigeren Ländern im Osten verschwinden lassen. Varmuza: “Wir haben jetzt nicht vor, in die Ukraine zu gehen.”

Qualität vor Preis

Auf die Frage, welcher der drei Faktoren Qualität, Preis oder Personalisierung von den Kunden im Jahr 2010 am meisten geschätzt werde, antworteten 47 Prozent mit Qualität und nur 23 Prozent meinen, es sei der Preis. Es ist schwierig, Qualitätsstandards bei Standortverlagerungen zu halten. Das merken die großen Automobilhersteller, die beachtliche Produktionskapazitäten in den letzten Jahren in Zentraleuropa errichteten. Hersteller haben Mühe, regionale Unternehmen zu finden, die globale Qualitätsstandards für höherentwickelte Komponenten erfüllen. Sogar verhältnismäßig einfachen Komponenten mangelt es häufig an der nötigen langfristigen Verwendbarkeit. Es wird auch in Zukunft nicht einfach werden, kostengünstige regionale Zulieferbetriebe zu finden, die in der Lage sind, zum festgelegten Zeitpunkt und nach den geforderten Standards zu liefern.

Eckhard Rahlenbeck

Eckhard Rahlenbeck

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