Wer Regeln formuliert, ist agiler

Feature | 13. März 2006 von admin 0

Welche Regeln “regeln” denn ein Geschäft?

Grässle: Das kann ganz unterschiedlich sein – von Regeln zur Ermittlung des Rabatts über solche, die die Arbeitszeit einteilen bis hin zu Regeln für die Kontierung. Im Grunde ist alles, was uns bei der Geschäftstätigkeit leitet oder einschränkt, eine Regel. Ein Teil dieser Richtlinien lässt sich beispielsweise aus den Zielen und der Strategie eines Unternehmens ableiten. Andere entstehen als Reaktion auf gesetzliche Bestimmungen oder ergeben sich aus dem Marktverhalten von Kunden und Konkurrenten.

Erläutern Sie den Business-Rules-Ansatz – wo findet er international Verwendung?

Schacher: Der Business-Rules-Ansatz ist eine Enterprise-Engineering-Methodik, in der ein Unternehmen oder ein Unternehmensbereich ganzheitlich angegangen wird. Dazu gehört die Entwicklung einer Geschäftsstrategie, um daraus in einer systematischen Art und Weise Direktiven in Form von präzisen Geschäftsregeln (Business Rules) abzuleiten. Diese Geschäftsregeln lassen sich dann mittels spezieller “Business Rules Engines” automatisieren, wodurch sowohl Geschäftsprozesse beschleunigt als auch Fehlerraten reduziert werden können. Voraussetzung hierfür ist, dass die zuständigen Fachvertreter die Geschäftsregeln verstehen, um diese dann auch in kürzester Zeit anpassen zu können. Außerdem hilft die präzise Formulierung, die Konsistenz, das heißt die Vollständigkeit und Widerspruchsfreiheit der Regeln, weitgehend automatisch zu prüfen. Ein weiterer Vorteil davon ist, dass jederzeit das “Warum?” zu ergründen ist. Das bedeutet: Eine operative Geschäftsregel beschreibt in einer verständlichen Form, warum in einem Unternehmen etwas so und nicht anders gemacht wird. Diese fachliche Begründung einer Geschäftsregel lässt sich somit bis hin zur Unternehmensvision verfolgen – ein Aspekt, der immer mehr an Wichtigkeit gewinnt, insbesondere im Zusammenhang mit dem verstärkten Ruf nach Compliance, der Konformität zu Gesetzen und Richtlinien.

Markus Schacher

Markus Schacher

International betrachtet, findet sich heute die Business-Rules-Technologie, eine technische Infrastruktur mittels der sich Geschäftsregeln finden, verwalten und ausführen lassen, in jedem größeren Unternehmen. Hauptanwender sind Firmen der Finanz-, Healthcare- und Telecom-Branche. Leider wird der Business-Rules-Ansatz in der Praxis zu oft auf den Einsatz einer Business Rules Engine beschränkt, was unserer Meinung nach die Möglichkeiten des ganzheitlichen Enterprise-Engineering-Aspekts ungenügend ausschöpft.

Warum haben Sie ein Buch zum Business-Rules-Ansatz verfasst und an wendet es sich?

Schacher: Wir verstehen den Business-Rules-Ansatz als eine Methodik einer ganzheitlichen Denkweise, Unternehmen zu gestalten und nicht bloß als eine weitere Technologie. Dies wollten wir in unserem Buch zum Ausdruck bringen. Dieser Ansatz (und damit auch das Buch) beginnt bei der Ausarbeitung einer Geschäftsstrategie und endet bei der Optimierung von Programmcode, der wesentliche Teile dieser Strategie automatisiert.

Patrick Grässle

Patrick Grässle

Grässle: Daher richtet sich unser Buch auch keineswegs nur an IT-Spezialisten, sondern ebenso an Fachleute und Entscheidungsträger in Unternehmen, die sich mit der Festlegung und Umsetzung der Unternehmenspolitik befassen. Unser Buch soll mithelfen, die viel versprechenden Ideen des Business-Rule-Ansatzes im deutschsprachigen Raum bekannter zu machen.

In welchen Bereichen lassen sich Business-Regeln besonders gut anwenden? Nennen Sie hierzu Beispiele.

Grässle: Grundsätzlich ist jedes Geschäft durch bestimmte Regeln geprägt. In erster Linie hilft der Business-Rules-Ansatz diese Regeln explizit zu machen und fördert dadurch ein gemeinsames Verständnis der wesentlichen fachlichen Begriffe und Zusammenhänge. Außerdem erhöhen die mittels Business-Rules-Technologie automatisierten Geschäftsregeln die Agilität eines Unternehmens. Das ist besonders in den Bereichen von Bedeutung, in denen sich Regeln häufig und rasch ändern.

Zwei typische Beispiele hierfür sind etwa die Tarife in der Mobilfunkbranche oder die Vorgaben, die der Erkennung von Geldwäscherei in Banken dienen. In beiden Fällen ist es wichtig, dass sie sich rasch angleichen lassen und dies nicht durch die Anpassung der IT-Systeme verzögert wird. Schließlich unterstützt der Business-Rules-Ansatz die Transparenz, speziell in Bereichen, in denen Compliance gefordert wird, wie etwa im Hinblick auf den “Sarbanes Oxley Act” oder “Basel II”.

Kein Geschäft ohne Regel. Kein Ergebnis ohne Plan. Kein Erfolg ohne Ziel. Wie lassen sich geschäftlich relevante Regeln in Technologien gießen und welche technische Infrastruktur ist für derartige Anwendungen erforderlich?

Grässle: Die Business-Rules-Technologie lässt sich grob in drei Kategorien von Software-Werkzeugen unterteilen. In die erste Kategorie fällt die Rule-Discovery-Technologie. Das sind Werkzeuge, die fachlich interessante oder wichtige Zusammenhänge als Regeln aus Rohdaten extrahieren. Als Rohdaten dienen sowohl Daten in Datenbanken – etwa das Kundenverhalten bei Werkzeugen zur Datenanalyse und Business-Intelligence-Lösungen oder auch der Quellcode von Legacy-Applikationen.

Zur zweiten Kategorie zählt die Rule-Management-Technologie. Das sind Werkzeuge, die die Verwaltung von Geschäftsregeln als wertvolle Unternehmensressource ermöglichen. Sie erfassen, ändern und speichern die Regeln in einem Unternehmens-Repository und versionieren, validieren oder verifizieren diese dort. Auch die Unterstützung eines kontrollierten Prozesses, etwa ein Workflow mit Berechtigungen, um eben Regeln auf ein bestimmtes Stichdatum hin in Kraft zu setzen, fällt in diesen Bereich. Es bleibt noch die dritte Kategorie zu erwähnen, die Rule-Execution-Technologie. Das sind Werkzeuge, die Geschäftsregeln automatisch ausführen beziehungsweise deren Einhaltung überprüfen. Dabei werden entweder zur Laufzeit Geschäftsregeln interpretiert oder, wie bei der Model-Driven-Architecture der Object Management Group (OMG), in konventionellen Code, beispielsweise in Java oder Cobol, transformiert.

Gibt es bereits Standards im Bereich Business Rules?

Schacher: Im Bereich Business-Rules-Technologie befinden sich derzeit verschiedene Standards in der Entwicklung. Doch kommerzielle Produkte unterstützen diese kaum. Ein relevanter Standard ist beispielsweise die JSR-94-Spezifikation, eine Spezifikation der Aufruf-Schnittstelle von Business Rules Engines im Java-Umfeld. Sie wird bereits von einigen kommerziellen Produkten unterstützt. Oder das RuleML-Format, das auf XML basiert und die Repräsentation verschiedener Arten von Regeln vereinheitlicht. Dieses sehr universelle Format ist im universitären Bereich entstanden und findet zunehmend Akzeptanz im kommerziellen Umfeld. Die standardisierte Darstellung von technischen Produktionsregeln übernimmt die Production-Rule-Repräsentation-Spezifikation (PPR-Spezifikation), welche zurzeit innerhalb der OMG ausgearbeitet wird. Ein letztes Beispiel hierfür ist die Web-Ontologie-Sprache OWL des W3C. Sie repräsentiert neben semantischen Netzen auch gewisse Arten von Regeln in einem XML-basierten Format.

Neben diesen Technologie-orientierten Standards hat die OMG Ende 2005 Business-orientierte Spezifikationen adoptiert, wie etwa das Business Motivation Model (BMM), entwickelt von der Business Rules Group. Es definiert ein Metamodell, in welchem sich fachliche Konzepte wie Visionen, Ziele, Strategien, Taktiken, Einflussfaktoren und Einschätzungen abbilden lassen. Darüber hinaus gibt es die Spezifikation “Semantics of Business Vocabulary and Business Rules” (SBVR). Diese legt dar, wie sich ein Community-spezifisches Vokabular sowie strukturelle und operative Geschäftsregeln in einer an die natürliche Sprache angelehnte Syntax formulieren lassen. Zum Schluss ist noch die “Business Process Modeling Notation” (BPMN) zu nennen, eine einheitlichen Notation für die Modellierung von Geschäftsprozessen. Speziell bei der Ausarbeitung der beiden OMG-Spezifikationen BMM und SBVR waren Mitarbeiter von KnowGravity aktiv beteiligt.

Wie steht es mit der Umsetzung von Business Rules in Unternehmen? Das heißt, wie werden beispielsweise Fehler oder Verstöße behandelt und wer verwaltet oder kontrolliert das?

Grässle: Die Existenz einer Regel an sich garantiert noch nicht ihre Einhaltung. Führen Menschen Geschäftsaktivitäten aus, sind Verstöße zwar zu beobachten oder im Nachhinein festzustellen, aber selten zu verhindern. Denken Sie beispielsweise an das Verbot, Alkohol an Jugendliche zu verkaufen. In diesem Fall sind Vorgesetzte oder Kollegen mit der Kontrolle beauftragt. Anders sieht es bei automatisierten Geschäftsaktivitäten aus. Ein Geldautomat ist in der Lage, die Einhaltung der Regel, dass das Konto nicht überzogen werden darf, zu erzwingen. In IT-Systemen wird oft nicht sofort überprüft, ob die Regeln eingehalten wurden. Aber wenn eine Regel verletzt wurde, was sich ja erst im Nachhinein feststellen lässt, kann die IT korrigierend eingreifen.

Welche Technologien und Produkte sind auf dem Markt verfügbar? Und welche Stärken und Schwächen haben diese?

Schacher: Zu den wichtigsten Anbietern von Business-Rules-Technologie zählen Firmen wie Fair Isaac, ILOG, Computer Associates, Pegasystems, Haley, Versata, Innovations, Corticon, Yasu, Ness, Unisys, Microsoft und Oracle. Daneben lassen sich auch verschiedene Open-Source-Produkte und zahlreiche kleinere Anbieter finden, die innovative Nischenprodukte offerieren. Die meisten dieser Systeme sind Business Rules Engines auf der Basis einer Service-orientierten Architektur. Der Vorteil einer solchen ist die relativ einfache und schrittweise Integration in ein bestehendes IT-Umfeld. Der Nachteil liegt darin, dass bei einem Service-Aufruf oft sehr große Datenmengen transferiert werden müssen. Dabei besteht die Gefahr, dass erhebliche Performance-Probleme auftreten.

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