Widgets: Kleine Helfer mit großer Wirkung

Feature | 30. Januar 2008 von Matthieu-P. Schapranow, Jens Krüger, Jürgen Müller 0

Was ist die Enterprise service-oriented Architecture? Wie sieht der Bauplan von SAP für die IT-Landschaft der Zukunft aus?

Sie zeigen den Wetterbericht und die Aktienkurse an, spielen Audiodateien ab und dienen als Taschenrechner oder virtueller Notizblock – Widgets stehen Internetnutzern mit einer erstaunlichen Funktionsvielfalt zur Seite. Im Gegensatz zu Web-Anwendungen werden diese spezialisierten JavaScript-Programme aber nicht in einem Internet-Browser, sondern direkt auf dem Desktop des Anwenders ausgeführt. Die benutzerfreundliche Integration in den Arbeitsbereich ist die große Stärke der kleinen Helfer. Sie sind für private Anwender im Internet frei verfügbar, etwa auf der Webseite der Yahoo Widget Engine.

Auch im Geschäftsumfeld dienstbar

Inzwischen kommen sie aber auch immer häufiger in Unternehmensanwendungen zum Einsatz. SAP beispielsweise stellt Self-Services für die Mitarbeiter auch als Widgets bereit. Serviceorientierte Architekturen (SOAs) mit ihrer Trennung von Prozesslogik und Darstellung eignen sich dabei besonders gut, um das Potenzial der kleinen Helfer im Geschäftsumfeld zu nutzen, zumal es die Standardisierung innerhalb der SOAs einfach macht, Daten aus unterschiedlichen Quellen zusammenzuführen. Die Widgets, die selbst von Datenquellen unabhängig sind, können in einer SOA daher bestimmte Abläufe in Unternehmensanwendungen vereinfacht präsentieren und Informationen unterschiedlicher Herkunft kombinieren.

Dazu muss lediglich die entsprechende Widget-Plattform, zum Beispiel die Yahoo Widget Engine, auf dem Rechner des Anwenders installiert werden. Unternehmenseigene Widgets, etwa für die Arbeitszeiterfassung, werden auf einem Intranet-Server zentral bereitgestellt und von dort individuell heruntergeladen. Automatische Aktualisierungen über die Plattform minimieren den Wartungsaufwand für die IT-Abteilung.

Die Anwender profitieren vor allem von der Einfachheit der dienstbaren Helfer. Während Web-Anwendungen einen sehr großen Funktionsumfang abdecken, der im Tagesgeschäft häufig nur zu einem Bruchteil genutzt wird, sind Widgets auf ganz bestimmte, begrenzte Aufgaben spezialisiert, die der Computer rasch ausführen kann. Anders als bei den mächtigen Web-Diensten muss hier nämlich keine womöglich selten verwendete Funktionalität dargestellt und verarbeitet werden – und das spart Zeit.

Der Einsatz von Widgets empfiehlt sich vor allem bei häufig wiederkehrenden, eng umrissenen Arbeitsschritten wie dem Anlegen von Gesprächsnotizen oder der Abfrage von Beständen. Denn gerade diese Routineaufgaben dauern oft unnötig lange, wenn dafür verschiedene Masken in der Web-Anwendung mehrmals geöffnet und geschlossen werden müssen.

Zeitvorteil bei Routineaufgaben

Erprobt wurden die Widgets im zeitkritischen Umfeld des Supply Chain Managements am Beispiel der Verfügbarkeitsprüfung (availability to promise check, ATP check). Wie Unternehmen hierbei von Widgets profitieren, demonstrieren die HPI-Studenten anhand einer fiktiven Wein-Handelskette, deren Filialen über einen unterschiedlichen Warenbestand verfügen und jeweils separate Lager unterhalten.

Zur Verfügbarkeitsprüfung verwenden die Mitarbeiter bislang eine Web-Anwendung, für die zahlreiche Informationen erfasst werden müssen, darunter Name und Anschrift des Kunden sowie der mögliche Liefertermin. Dieses Vorgehen eignet sich sehr gut, wenn Bestellungen telefonisch eingehen. Für eine Abfrage durch den Kunden in der Filiale ist es allerdings zu aufwändig.

Die Studenten entwickelten daher Widgets, mit denen Kunden an einem Selbstbedienungsterminal in der Weinhandlung ohne großen Aufwand die Verfügbarkeit eines Produkts in allen Filialen abfragen können. Dank Enterprise SOA lassen sich
Funktionalität und Benutzeroberfläche frei kombinieren, so dass der Kunde am Terminal auch Preise vergleichen, einen Versanddienstleister auswählen oder sich den Weg zur nächsten Filiale anzeigen lassen kann. Eine zusätzliche Funktionalität im ATP check ermöglicht es ihm sogar, den gewünschten Wein komfortabel in einer anderen Filiale zu reservieren.

Komfort für die Anwender

Die Widgets für die Verfügbarkeitsprüfung entstanden in einem anwenderorientierten Prozess. Die Studenten befragten und beobachteten die Anwender und ermittelten so die Anforderungen. Dabei kristallisierte sich heraus, wie sehr sich das Vorgehen von Verkäufern und Kunden bei einem ATP check unterscheidet: Der Kunde interessiert sich lediglich dafür, ob der Artikel verfügbar ist. Der Verkäufer dagegen benötigt weitere Produktspezifika, etwa die Artikelnummer oder den Lagerplatz – Informationen, die der Kunde wiederum als überflüssigen Ballast empfindet. Daher entwarfen die Studenten rollenspezifische Benutzeroberflächen, die immer nur die jeweils benötigte Funktionalität anzeigen.

In Anlehnung an die Google-Oberfläche besitzt das Widget zur Verfügbarkeitsprüfung lediglich ein Texteingabefeld und einen Startknopf. Die Ergebnisse der Suche sind in einer Trefferliste dargestellt, eine Detailansicht zeigt die Verfügbarkeit je Produkt und Filiale an und ermöglicht Reservierungen.

Ein weiteres Widget unterstützt die Mitarbeiter bei der Bearbeitung der Reservierungen. Wird ein zurückgelegter Artikel abgeholt, kann der Status der Bestellung entsprechend angepasst werden, ohne dass zusätzliche Programme gestartet werden müssen. Während es in der Web-Anwendung bisher notwendig war, dafür verschiedene Eingabemasken zu öffnen, ist das Widget stets auf dem Desktop sichtbar.

Da sich die Widgets auf die wesentlichen Prozesse konzentrieren, lässt sich der ATP check bei bestehender Backend-Logik deutlich schneller durchführen. Zuvor mussten die Mitarbeiter dazu den Web-Browser öffnen, in den Favoriten-Links navigieren oder die Ziel-URL der Web-Anwendung eingeben. Dieser Umweg entfällt nun vollständig. Da die Widgets direkt auf dem Arbeitsplatz ausgeführt werden, kann parallel in anderen Anwendungen gearbeitet werden, ohne die Fenster schließen oder minimieren zu müssen.

Einfachheit ist Trumpf

Jedes Unternehmen kann Widgets für seine speziellen Anforderungen ganz einfach erzeugen. Anregungen dazu liefern Beispiele, wie sie auf yahoo.widgets.com zur Verfügung stehen. Die Plattform Yahoo Widget Engine bietet außerdem programmiersprachliche Erweiterungen über den üblichen JavaScript-Sprachumfang hinaus, die das Erstellen SOA-basierter Widgets erleichtern. So kann man problemlos auf XML-Daten aus der Programmierumgebung zugreifen und sie mittels asynchroner Kommunikation nachladen. Im Gegensatz zu seitenbasierten Web-Anwendungen ermöglicht diese Art der Kommunikation zwischen Widget und Server eine nahtlose Interaktion.

Die Syntax der Programmiersprache JavaScript ist leicht zu erlernen und stellt nur geringe Anforderungen an die Entwicklungsumgebung. Selbst ohne große Erfahrung kann ein Widget-Prototyp innerhalb weniger Tage erstellt und implementiert werden. Am aufwändigsten ist in der Regel der Entwurf einer geeigneten Oberfläche. Hier ist Einfachheit das oberste Gebot. Denn nur wenn sich die Oberfläche strikt auf die notwendigsten Informationen beschränkt, lässt sich ein Prozess zeitsparend unterstützen und damit Mehrwert für die Anwender schaffen.

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