Wie RFID-Technik Mehrwert schafft

Feature | 14. März 2005 von admin 0

Anmerkung: Die im Beileger SAP INFO SOLUTIONS “RFID” veröffentlichte Kurz-Version dieses Artikels reicht bis zum Absatz “Management by Exception and Insight”.

“Real World Awareness” ist für den Autor “die Fähigkeit, mittels Sensorik, Funkkennung und anderen Verfahren Echtzeitinformationen über Menschen, Systeme und Objekte zu gewinnen und schnell und effizient zu verarbeiten”. Das Buch soll Führungskräften helfen, das Konzept der Real World Awareness und seine Bedeutung für die Geschäftswelt zu verstehen. Neue Ansätze der verbrauchergesteuerten Logistik und der vorbeugenden Wartung werden ebenso untersucht wie die Entwicklungsstufen der Real World Awareness und die mit dem Konzept verbundenen Datenschutz- und Rechtsfragen. In das Buch eingeflossen sind Erkenntnisse aus Interviews mit Managern internationaler Großunternehmen wie Dell, Wal-Mart und Procter & Gamble über die Zukunft von Real World Awareness in deren Branchen. “RFID & Beyond: Growing Your Business Through Real World Awareness” ist ab sofort im Buchhandel erhältlich. Mit freundlicher Genehmigung des Verfassers und des Verlags John Wiley & Sons präsentiert SAP INFO ein Exzerpt aus Kapitel 2: “How Real World Awareness Will Change Your Business”.

Entwicklungsphasen

Die meisten Unternehmen durchschreiten bei ihrem Bemühen um Real World Awareness drei Entwicklungsphasen: Am Anfang steht die Gewinnung und Nutzung besserer Informationen. Es folgt die Optimierung von Prozessschritten anhand dieser Informationen. Am Ende schließlich steht die Schaffung vollkommen neuer Geschäftspraktiken. Im Folgenden soll untersucht werden, wie sich diese drei Phasen auf den Geschäftsbetrieb auswirken.

Bessere Informationen

Real World Awareness verbessert die Informationsqualität auf vielerlei Weise. An die Stelle sporadisch erhobener und ungenauer Daten treten präzise Echtzeitinformationen. Daten, die bislang nur verdichtet vorlagen, können nun aufgeschlüsselt werden. Physische und logistische Grenzen der Datenerfassung werden überwunden. Der unmittelbare Vorteil liegt in der Ablösung periodisch erhobener Informationen, die veraltet oder ungenau sein können. Ein Lagerwirtschaftssystem, das mit Echtzeitdaten arbeitet, ist besser als eines, dessen Bestandsdaten nur einmal täglich aktualisiert werden. In der Folge können Unternehmen die gewonnenen Informationen ihren Partnern zur Verfügung stellen oder zu Analysen heranziehen, um ein besseres Verständnis ihrer Geschäftsabläufe zu erlangen.
Auf dieser ersten Stufe werden Fähigkeiten der Datenerhebung und -aggregation entwickelt. Real World Awareness führt normalerweise zu einer Ausweitung von Verfahren wie Datawarehousing, Datamining, Online Analytical Processing (OLAP) und ähnlichen Techniken zur Interpretation wachsender Datenbestände.
Sinnvollerweise sollten sich Unternehmen vorab Fragen wie diese stellen:

  • Wo sind Echtzeitinformationen von Nutzen?
  • Welche wichtigen Daten fehlten bislang?
  • Welche Informationen sind für Lieferanten und andere Geschäftspartner wertvoll?
  • Wie müssen Geschäftsprozesse modifiziert werden?
  • Welche Analysefunktionen werden benötigt?
  • Welche neuen Kennzahlen lassen sich überwachen?

Prozessoptimierung

Eine gestiegene Informationsqualität führt schnell zu dem Wunsch, Geschäftsprozesse zu automatisieren oder anderweitig zu verbessern. Vielfach sind neue Prozesse und Datenverarbeitungsalgorithmen sogar unabdingbar. So bedeutet beispielsweise der Übergang von wöchentlichen oder monatlichen Nachschubzyklen anhand von Prognosen und gelegentlichen Nachfragemeldungen zu einem ereignisgesteuerten Nachschubzyklus auf Basis täglich oder stündlich aktualisierter Daten praktisch unweigerlich, dass neue Prozesse eingeführt werden müssen.

Zunehmende Automatisierung durch Real World Awareness

Zunehmende Automatisierung durch Real World Awareness

Bessere Information eröffnet Möglichkeiten zur Automatisierung von der Sorte, wie sie Abbildung 1 zeigt. Der untere Teil der Abbildung stellt dar, wie ein ständiger Datenfluss den Lieferanten die Lage versetzt, den Bestand seines Kunden stets auf einem bestimmten Niveau zu halten. Mit der Zunahme der Datenerfassungspunkte innerhalb eines Prozesses entstehen zahlreiche weitere Automatisierungsmöglichkeiten. Ein Beispiel ist der automatisch generierte Lieferavis auf Basis der Funkkennung. Wird die Ware mit RFID-Etiketten versehen, die beim Beladen auf den Lkw ausgelesen werden, kann dem Kunden schon beim Versand exakt die tatsächliche Liefermenge übermittelt werden.
Die Möglichkeit, Informationen über die Ware zu erfassen, ohne die Umverpackung öffnen zu müssen, bietet Gelegenheit zu weiteren Prozessverbesserungen. Die Funketikettierung von Komponenten für modulare Produkte wie Computer erschließt neue Wege der Qualitätssicherung. Die Identifikationsnummern auf den Etiketten können auf alle möglichen auf Servern bereitgehaltenen Daten verweisen, welche in vielfältiger Art zur Automation genutzt werden können. Daten können nun auf Etiketten transportiert und anderweitig verteilt werden. So eröffnen sich völlig neue Möglichkeiten der Datenverarbeitung.
Fragen wie die folgenden führen zur Identifikation von Bereichen, in denen Real World Awareness zu verstärkter Automation oder verbesserten Prozessen führen kann:

  • Wo gibt es Fehler und Verzögerungen?
  • Wo müssen Prozesse beschleunigt werden?
  • Wie lassen sich Prozesse an eine höhere Informationsqualität anpassen?
  • Was lässt sich durch bessere Informationen automatisieren?
  • In welchen Prozessen gibt es Engpässe?
  • Wie lassen sich die Prozesse von Lieferanten und anderen Geschäftspartnern verbessern?
  • Welche Daten für Außenstehende sollen RFID-Etiketten enthalten?
  • Wie sieht eine geeignete verteilte Datenarchitektur aus?

Neue Geschäftspraktiken

Die stärkste und nachhaltigste Wirkung wird Real World Awareness wohl in Form neuer Geschäftspraktiken entfalten. Indem das vereinte Potenzial besserer Informationen und Prozesse neue Organisationsformen ermöglicht, werden ganze Branchen umgeformt. Ein frühes Beispiel ist die Art und Weise, wie Dell den Direktvertrieb der eigenen Produkte organisiert hat. Ein weiteres Beispiel: Die Flugzeugwartung wird gegenwärtig durch die lückenlose Überwachung von Triebwerksprofilen revolutioniert, mit deren Hilfe sich irregulärer Wartungsbedarf rechtzeitig vor dem Auftreten von Problemen erkennen lässt. Große Organisationen wie Wal-Mart und das US-Verteidigungsministerium verbessern mit RFID-Etiketten die Effizienz ihrer Lieferketten.

Real Words Aware Business

Real Words Aware Business

Bei all diesen Veränderungen wird es Gewinner und Verlierer geben. Jedes Unternehmen muss sich die Frage stellen: “Wollen wir die Neuerungen nutzen, oder wollen wir sie mitgestalten?” In vielen Fällen wird beides zutreffen. Radikale Veränderungen in der Denkweise von Unternehmen sind zu erwarten. So weist beispielsweise Keith Harrison von Procter & Gamble darauf hin, die Annahme sei überholt, dass Kostenoptimierung nur über einen langen Produktionszeitraum zu erzielen sei. Die Fertigungsindustrie müsse vielmehr in der Lage sein, flexibel auf Nachfrageschwankungen zu reagieren und bei Bedarf auch kurzfristig große Mengen zu niedrigen Kosten auszustoßen. Für andere Branchen gilt Ähnliches. Zunehmende Automatisierung wird auch zu einem verstärkten “Management by Exception and Insight” führen, wie Abbildung 2 zeigt.

Management By Exception and Insight

Management by Exception and Insight bedeutet, dass Unternehmen von der manuellen zur automatisierten Prozesssteuerung übergehen, in die nur dann eingegriffen wird, wenn das System aufgrund einer Ausnahmesituation eine Warnmeldung ausgibt. Nach einer solchen Warnung muss das Management anhand der verfügbaren Informationen in geeigneter Weise reagieren. Beobachter gehen davon aus, dass dieser Paradigmenwechsel mit erheblichen Schwierigkeiten verbunden ist. Neue Geschäftspraktiken sind der anspruchsvollste Aspekt der Real World Awareness. Sie fordern ein grundlegendes Umdenken und führen zu signifikanten Veränderungen in der Unternehmenskultur. Der Prozess wirft unter anderem folgende Fragen auf:

  • In welchen Bereichen bestehen Probleme?
  • Was muss geändert werden, um Abhilfe zu schaffen?
  • Wie geht das Unternehmen mit den Veränderungen in der Branche um?
  • Wie viel Risiko soll das Unternehmen auf sich nehmen?
  • Inwieweit muss der Führungsstil modifiziert werden?
  • Was bedeutet “Management by Exception” für das Unternehmen?
  • Welche Analysewerkzeuge werden dafür benötigt?

Zwei weitere Aspekte von Real World Awareness betreffen alle in Kapitel 2 des Buches analysierten Entwicklungsstufen (bessere Informationen, bessere Prozesse und neue Geschäftspraktiken): Änderungen an der IT-Infrastruktur und Änderungen beim Management. Real World Awareness übt auf verschiedenen Ebenen Druck auf die IT-Infrastruktur aus. Bessere Informationen und Prozesse erfordern die Modifikation von Datenmodellen und Systemarchitekturen. Neue Geschäftspraktiken werden zudem zu einer Vielzahl von Herausforderungen für das Management führen.

RFID & Beyond: Growing Your Business Through Real World Awareness; Claus E. Heinrich, SAP AG, und Dan Woods, SAP Labs Palo Alto

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