Windows-8-Tablet im Usability-Check

7. März 2013 von Andreas Schmitz 0

tablets

„Windows 8 verdrängt Android“ behauptete Gotthard Tischner vom SAP-Partner cundus vor einem halben Jahr. Besonders die Tatsache, dass das Surface sicherer sei als das iPad und vergleichbare Android-Geräte wie das Samsung Galaxy Note bewogen ihn zu dieser Vision. Jetzt ist Surface in den Läden zu haben. Es ist der erste Wurf von Microsoft auf diesem Markt. Entsprechend beäugen die Unternehmen das Tablet mit Argusaugen.

Für einen Markencheck für die ARD entwickelte Professor Jan Borchers von der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule Aachen (RWTH) ein Testkonzept für drei Tablets, das iPad von Apple, das Galaxy Note 10.1 von Samsung und Microsofts Surface RT. Es orientiert sich vor allem an der Frage, welche Aufgaben der Anfänger-User zu bewältigen hat. Dazu gehört es unter anderem, das Tablet ans Laufen zu bekommen (Einrichten), eine Email zu verschicken, ein Spiel, ein Buch und einen Film aus dem entsprechenden Store herunterzuladen oder eine Webseite zu öffnen.

Hier die 5 wichtigsten Erkenntnisse zum „Microsoft Surface“:

  1. Metro-User-Interface und Windows-Desktop
  2. Features
  3. Loslegen
  4. Gestaltung und Apps
  5. Microsoft Store
Borchers End

1. Metro-User-Interface und Windows-Desktop: Microsoft konnte sich nicht von seiner bekannten Welt trennen und erhält seinen treuen Nutzern den Windows-Desktop. Für alle, die ein wenig mehr Apple-Gefühl haben wollen, gibt es jetzt die Kacheln, das so genannte Metro-User-Interface. „Für Gelegenheitsnutzer ist das nicht geeignet“, kommentiert Borchers, „denn der möchte keine PowerPoint-Präsentationen bauen, sondern ins Internet gehen, Emails schreiben, einkaufen können und es vor allem einfach damit umgehen wollen“.

2. Features: Das Tablet ist eine „eierlegende Wollmilchsau“. Eine Tastatur lässt sich direkt anschließen und sie funktioniert. Während eine externe Tastatur bei Apple Bluetooth erfordert und damit auf Funknetze angewiesen ist, lassen sich auf dem Surface auch auf Flügen problemlos Texte runterschreiben. Auch eine Maus lässt sich anschließen, was Borchers zu der Annahme verleitet, das Microsoft einfach alles möglich machen wollte: „Die Ingenieure packen im Zweifel alles rein“.

Lesen Sie auf der nächsten Seite: Mit Nutzung loslegen

3. Loslegen: Während bei Apples iPad jeder durchschnittlich intelligente Nutzer in zehn Minuten ein betriebsbereites Tablet vor sich hat, kann das bei Microsoft länger dauern – im Durchschnitt dreimal so lang. Der Grund scheint in der so genannten Mehrbenutzerumgebung zu liegen. Während sich Apple mit einem Benutzer zufrieden gibt und das Gerät so zu einem persönlichen „Freund“ macht, ist das gar nicht die Absicht von Microsoft. Mehrere Benutzer gelangen unter ihren Zugangsdaten an ihre persönlichen Mailaccounts und Apps. Dieses „Cloning“ während der Einrichtung dauert etwa 30 Minuten. Einen Vorteil hat‘s: „Wer hat sich nicht schon mal geärgert, dass die Tochter oder der Sohn mal schnell auf iTunes Musik runtergeladen oder auf Amazon was gekauft hat“, meint Borchers. Mit Surface kann man das vermeiden, jeder hat dann seine eigene „Welt“. Aber: Für jede Nutzung muss man sich nun ein- und wieder ausloggen — was wenig tauglich für den Tablet-typischen Kurzeinsatz zwischendurch ist. Ärgerlich: Beim Test in Borchers’ Team meldete das Tablet ganz am Ende der Installation: „Es ist ein Fehler aufgetreten“. Die gesamte Installation musste wiederholt werden. Nach dem zweiten Versuch war allerdings der Benutzername schon vergeben. Erst beim dritten Anlauf, der einen Reset über die Tastatur erforderte, klappte es dann. Ohne Tastatur wäre das gar nicht möglich gewesen. Borchers: „Das muss man nicht haben“.

4. Gestaltung und Apps:  Die Kachellogik ist neu. Und Nutzer erwarten hinter der Farbgebung auch einen Sinn, den es allerdings nicht gibt. Die Kacheln sind gestalterisch minimalistisch gehalten, weiße Icons auf farbigem Hintergrund. „Kacheln mit gleicher Farbe haben allerdings keine Verknüpfung mit ähnlichen Funktionen“, sagt der Usability-Fachmann Borchers. Das dürfte den Nutzer nicht unbedingt besonders stören, auch wenn ihm funktionale Bezüge durchaus nützen könnten. Immerhin kann er ja die – im übrigen auch wahllos großen und kleinen – Kacheln auch so verschieben, dass er die Themen dort gruppiert, wo er sie haben will. Gravierender ist allerdings, dass eine Funktion eingeführt wurde, die nicht den neurophysiologischen Regeln des Menschen folgt, der sich Formen und Farben dank seines visuellen Gedächtnisses weitaus besser merkt und sich dann auch gut erinnern kann, wo genau er sie schon mal gesehen hat. Die Icons etwa von Apps ändern sich mit Windows 8 jedesmal, nachdem man in der App Inhalte abgerufen hat. Ein Icon ist kein Icon mehr: „Eine Nachrichtenapp zeigt jedesmal die neueste Schlagzeile, der Webbrowser den neuesten Inhalt — nach kurzer Zeit enthalten viele Icons Text- und Bildschnipsel, die man allerdings gar nicht lesen und kaum unterscheiden kann, weil die Icons dazu zu klein sind“, bemerkt Borchers. „Von Technikern für Techniker“ lautet hier das Urteil des Experten: „Man hat sich eine Designerschmiede an Bord geholt, die leider die Funktion der Form untergeordnet hat“.

Lesen Sie auf der nächsten Seite: Über den Microsoft Store und ein Resümee

5. Microsoft Store: Klar, dass aktuell noch nicht derart viele Angebote zu finden sind wie im Apple Store oder Android-Stores. Doch ist die Differenzierung der Angebote für einzelne Geräteklassen offenbar noch nicht gelungen. So lassen sich mit dem Surface beispielsweise auch Spiele von der X-Box im Microsoft Store herunterladen, ohne Nutzen für das Tablet. Schade: Es ist nicht vorgesehen, dass man auf dem Microsoft-Tablet direkt eBooks lesen kann und im Test ließen sich auch nach drei Versuchen noch keine Filme runterladen.

Das Resümee aus dem Aachener Lehrstuhl: „Insgesamt machte die Surface-Hardware  einen wertigen und durchdachten Eindruck. Allerdings merkt man noch die fehlende Expertise von Microsoft in diesem Produktbereich, was unter anderem durch fehlende Sichtbarkeit von Interaktionskonzepten deutlich wird. Die zwei verfügbaren Schutzhüllen mit eingebauter Tastatur, genannt Type- und Touchcover, sind ein großer Pluspunkt, vor allem das Type-Cover ermöglicht damit ein sehr angenehme Texteingabe.“

Den direkten Vergleich der drei Tablets gewann übrigens das iPad, das durch seine mehrfachen Verbesserungsrunden auch einen gewissen Erfahrungsvorsprung mitbringt. In den neun Aufgaben, die Borchers‘ Team den Tablets gestellt hatten, landete das iPad sechsmal auf dem ersten Platz, das Surface „nur“ viermal (zwei doppelte erste Plätze). Lediglich in Hinsicht auf die Texteingabe und das Einstellen des Flugmodus rangiert das Surface vor dem iPad.

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