„Wir können digitale Brücken bauen“

Feature | 3. März 2008 von Angela Dunn und Michael Zipf 0

Kiran Karnik Foto: SAP AG

Kiran Karnik war bis Ende 2007 Präsident des indischen IT-Branchenverbands NASSCOM (National Association of Software & Service Companies). In Delhi sprach SAP.info mit ihm über Infrastruktur, die Überwindung der digitalen Kluft sowie die Zukunft der Softwarebranche auf dem Subkontinent.

Herr Karnik, welche Entwicklungen beobachten Sie in der indischen IT-Industrie?

Kiran Karnik: Die Branche expandiert – und das nicht nur bei den Erträgen oder der Zahl der Firmen und ihrer Mitarbeiter. Auch die Angebotspalette ist deutlich größer geworden. Seit einigen Jahren unterstützen wir das Outsourcing von Geschäftsprozessen; das Leistungsspektrum reicht vom Callcenter über Backoffice-Dienste bis zu EDV-Services. Das Wachstum dieser Geschäftsfelder ist enorm. Auch in kreativen Sparten wie Trickfilm oder E-Games kommt der IT eine Schlüsselfunktion zu.

Die kommerzielle Datenanalyse hat ebenfalls Hochkonjunktur. Marktforschungsinstitute etwa lassen gewaltige Datenmengen von indischen Unternehmen auswerten. Dazu braucht man in der Regel eine Kombination aus Statistik- und IT-Wissen.

Darüber hinaus boomt das Kerngeschäft der Softwareproduktion. Hier geht der Trend über klassische Dienstleistungen wie das Programmieren hinaus. Konzeptionelle Arbeiten, Forschung und Entwicklung werden immer wichtiger. Gerade das finde ich besonders interessant, denn der Wettbewerbsvorteil Indiens sind weniger die Kosten als das große Angebot an hoch qualifizierten Mitarbeitern. Diese Kombination aus Kompetenz und Skalierbarkeit gibt es nur bei uns.

Nennen Sie uns ein Beispiel?

Karnik: Wenn man fünf Mitarbeiter sucht, die in einem exotischen Fach promoviert haben, findet man sie vermutlich überall auf der Welt. Braucht man jedoch hundert solcher Experten mit Doktortitel oder tausend Spezialisten, die zumindest im Rahmen eines Masterstudiums geforscht haben, dann schrumpft das Rekrutierungsgebiet auf wenige Länder zusammen. Genau darin sehe ich langfristig unseren Vorteil.

Warum müssen indische IT-Unternehmen Dienstleistungen mit höherer Wertschöpfung anbieten?

Karnik: Grundsätzlich gilt: Je früher der Zeitpunkt, zu dem ein Produkt oder eine Dienstleistung in die Wertschöpfung einfließt, desto schmaler ist die Marge. Um ihren Profit zu steigern, positionieren sich erfolgreiche Unternehmen daher möglichst weit am Ende der Wertschöpfungskette.

Zudem muss man damit rechnen, dass der Kunde irgendwann in einem anderen Teil der Welt auf einen Anbieter stößt, der dasselbe Produkt oder eine gleichwertige Dienstleistung billiger verkauft. Es besteht also Anlass zur Sorge, dass das derzeitige Modell nicht nachhaltig ist. Wenn man sich allerdings im Highend-Bereich positioniert, treten Marke und Geschäftsbeziehungen stärker in den Vordergrund und werden schließlich wichtiger als das Produkt.

Drittens legen immer mehr Kunden beim globalisierten Einkauf von Produkten und Services Wert auf eine hohe Fertigungstiefe. Wer ein Produkt vom Lieferanten A bezieht, will das Zubehör nicht bei B ordern müssen. Unternehmen sichern sich also Vorteile, wenn sie Lösungen aus einer Hand anbieten.

Könnten die Engpässe in der Infrastruktur das Wachstum der indischen IT-Branche bremsen?

Karnik: Ja. Nicht nur im IT-Sektor liegen die Wachstumsraten so hoch, dass der Bedarf an Infrastruktur rapide zunimmt. Schon jetzt zeichnet sich eine Überhitzung beziehungsweise eine erhebliche Lücke zwischen Nachfrage und Angebot ab. Am deutlichsten sieht man das in Bangalore.

Zum Glück wird momentan viel für die Infrastruktur getan. Die Regierung stellt dazu riesige Summen bereit. Unsere Politiker wissen, dass das Land dringend bessere Straßen und öffentliche Verkehrsmittel braucht, damit die Menschen schneller vorankommen. Aus unserer Sicht sind vor allem die Datenleitungen wichtig. Hier dürfte der Ausbau gerne noch schneller gehen.

Sehen Sie den Aufschwung auch durch Fachkräftemangel und steigende Gehälter gefährdet?

Karnik: Beide Entwicklungen sind lediglich Symptome eines viel größeren Problems, nämlich der Diskrepanz zwischen Angebot und Nachfrage. Ingenieure und andere Hochschulabsolventen gibt es zur Genüge. Was fehlt, sind geeignete Kandidaten.

Wenn Sie eine Ingenieursstelle ausschreiben, melden sich zehn Bewerber. Schaut man sich deren Zeugnisse an, stellt man fest, dass die Kenntnisse und Fertigkeiten nicht dem Stand der Technik entsprechen, weil die Studienpläne veraltet sind. Obendrein bestehen Defizite in der Sozial- und Methodenkompetenz, etwa im Ausdruck, in der Kommunikation, im Vortragsstil oder in der Teamfähigkeit. Von hundert Ingenieuren, die Sie zum Vorstellungsgespräch bitten, sind vielleicht zwanzig bis dreißig geeignet.

Was ist zu tun?

Karnik: Eine Überlegung lautet, Lehrgänge anzubieten, in denen Absolventen den letzten Schliff bekommen. Frisch diplomierten Ingenieuren könnten wir beispielsweise einen drei- oder viermonatigen Intensivkurs anbieten, der ihr Fachwissen auf Vordermann bringt und Sozialkompetenz vermittelt. Dadurch ließe sich der Anteil geeigneter Kandidaten von den genannten dreißig Prozent auf gut fünfzig steigern. Langfristig gilt es, mit den Curricula auf dem Laufenden zu bleiben und die Hochschullehre zu verbessern.

Welche Rolle spielt die Informationstechnik bei der Entwicklung der ländlichen Gebiete?

Karnik: Sie könnte dort eine Schlüsselfunktion übernehmen. Man spricht oft von der digitalen Kluft; ich sehe darin eher die Chance, eine digitale Brücke zu schlagen.

Ein einfaches Beispiel: Wenn ich ein Buch besitze, aber nicht lesen kann, bin ich vom Wissen abgeschnitten. Habe ich jedoch Zugang zu einem Scanner und einem Computerprogramm, das geschriebene in gesprochene Sprache umwandelt, kann ich den Inhalt des Buches hören. So wird die Kluft überbrückt. Man kann IT-Anwendungen auch zur Fortbildung nutzen, beispielsweise im Gesundheitswesen.

Wenn wir die Bedürfnisse der ländlichen Regionen Indiens ebenso gut kennen wie die Anforderungen der Unternehmen in den Industrieländern, können wir Hard- und Software entwickeln, die den Menschen zu Hause und beim Erwirtschaften ihres Lebensunterhalts hilft sowie den Weg zu besserer Bildung und höheren Einkommen ebnet.

Wie wird die SAP auf dem indischen IT-Markt wahrgenommen?

Karnik: Die SAP ist bei uns als Anbieter umfassender, hochwertiger Softwarelösungen bekannt. Umgekehrt wird Indien für den Konzern als Entwicklungsstandort immer wichtiger. Die Kunden sind von den indischen SAP-Entwicklungszentren begeistert. Sie sagen sich: Wenn die Walldorfer hier entwickeln, kann ich davon ausgehen, dass ihre Produkte die landestypischen Anforderungen abdecken.

Bisweilen hört man auch Folgendes: „SAP ist fantastisch, mein Betrieb aber noch zu klein, um sich diese Software zu leisten.“ Es wäre also schön, wenn Walldorf einfachere, kostengünstigere Applikationen anböte. Für Mittelständler und Großunternehmen ist SAP wunderbar, doch in dieser Liga spielen viele noch nicht mit. Natürlich gibt es andere Anbieter, aber ich glaube, die SAP hätte auch Kleinbetrieben in puncto Leistung und Qualität mehr zu bieten.

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