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„Wir waren auf die Schicksale nicht vorbereitet“

Blog | 9. Oktober 2015 von Natalie Lotzmann 0

An einer Hilfsaktion des DRK in Mannheim beteiligten sich Mitarbeiter des SAP-Gesundheitswesens. Dr. Natalie Lotzmann, SAP Chief Medical Officer, berichtet über ihre Begegnungen mit syrischen Flüchtlingen.

Wir durchleben zurzeit eine der schlimmsten Flüchtlingskrisen der jüngsten Geschichte. Sie erfordert unser ganzes Mitgefühl, unsere Nächstenliebe, aber auch unser Handeln. Jede Art der Hilfe, ob in Form von Zeit, Kleidung oder Lebensmitteln ist von immenser Bedeutung für die Betroffenen. Auch die kleinste Unterstützung zählt.

Ein SAP-Betriebsarzt, Dr. Natalie Lotzmann, SAP Chief Medical Officer, und viele andere freiwillige Helfer aus der Region

Ein SAP-Betriebsarzt, Dr. Natalie Lotzmann, SAP Chief Medical Officer, und viele andere freiwillige Helfer aus der Region.

Das gesamte Ausmaß und die erschütternde Realität der immer schwerwiegenderen Krise ist tatsächlich aber erst zu spüren, wenn man sie direkt vor Ort miterlebt. Anfang September bat das Deutsche Rote Kreuz in Mannheim ehrenamtliche Helfer und ärztliches Personal um einen Wochenendeinsatz auf dem ehemaligen Gelände der US-Streitkräfte in Mannheim, das nun als Notunterkunft für Flüchtlinge dient. Wir – Dr. Turgay Goeksu, SAP-Betriebsarzt, ich und viele andere freiwillige Helfer aus der Region – nahmen an, wir wären auf die ergreifenden Geschichten der Flüchtlinge und ihre aktuelle Situation bereits vorbereitet worden. Aber was dann kam, übertraf unsere Vorstellungen. An dem Wochenende trafen wir auf mehr als 1.000 Flüchtlinge.

Das Wichtigste war zunächst, die absoluten Grundbedürfnisse der Menschen abzudecken. Freiwillige Helfer aus allen sozialen Schichten – vom Rentner bis zum Studenten – arbeiteten unermüdlich, um den vielen Menschen zu helfen; sei es mit einer ersten Bleibe, Verwaltungsfragen oder aber der Instandsetzung der bis dahin leerstehenden Gebäude. Viele Flüchtlinge hatten einen sehr langen und lebensgefährlichen Weg hinter sich. Oft waren sie physisch und psychisch in keiner guten Verfassung. Viele trugen ihren ganzen Besitz in kleinen Plastiktüten bei sich und waren von ihren Familienmitgliedern getrennt worden. Unser Mitgefühl und unsere uneingeschränkte Hilfe waren gefragt. Ohne die Unterstützung der bereits in Deutschland lebenden arabischen Gemeinde, deren Mitglieder oft als Dolmetscher fungierten, wäre die ganze Situation kaum zu bewältigen gewesen.

Goeksu, ich und andere medizinische Helfer waren für die medizinische Erstversorgung zuständig. Sich um die körperlichen Leiden der Menschen zu kümmern, war dabei relativ unkompliziert; es waren die seelischen Wunden, die uns zu schaffen machten, denn sie lassen sich nicht einfach mit einer Spritze oder Nahrungsmitteln behandeln. Lassen Sie mich hier nur eines von vielen Schicksalen schildern: Ein Gynäkologe floh mit seiner 20-köpfigen Familie aus seinem Heimatland Syrien. Schlepper trennten die Familie jedoch auf der Flucht: Seine Frau und die vier Kinder wurden in der Türkei festgehalten, sein herzkranker, 70 Jahre alter Vater an der ungarischen Grenze und sein Bruder in Griechenland. Er selbst traf vor ein paar Tagen sicher mit seiner 7-jährigen Nichte in Deutschland ein. Glücklicherweise konnte er über Facebook Kontakt mit seinem Vater aufnehmen und erfuhr, dass dieser mittlerweile in Österreich angekommen war.

Dieses Erlebnis hat mir wieder einmal gezeigt, wie kostbar Leben und Freiheit sind. Uns begegneten viele solcher Schicksale. Solange in dieser Krise keine positive Wendung in greifbare Nähe rückt, müssen wir zusammenstehen und unsere Mitmenschen in einer der weltweit schlimmsten Flüchtlingskrise unterstützen. SAP hat bereits 500.000 Euro gespendet. Darüber hinaus wird jede Geldspende von Mitarbeitern im Rahmen der SAP-Corporate-Social-Responsibility-Initative von SAP verdoppelt. Wenn Sie spenden können, tun Sie es – egal wo, egal wie, ob Geld, Kleidung, Nahrungsmittel oder ein bisschen Ihrer Zeit. Aber handeln Sie verantwortungsvoll und nachhaltig. Kontaktieren und unterstützen Sie Organisationen, die die Hilfsmaßnahmen koordinieren. Informieren Sie sich über die ehrenamtliche Hilfe für Asylsuchende und Flüchtlinge. Für Deutschland steht das Handbuch für die ehrenamtliche Flüchtlingshilfe in Baden-Württemberg online zur Verfügung.

Zusätzliche Informationen:

Flüchtlingshilfe-BW Homepage, Baden-Württemberg

Deutsches Rotes Kreuz

DRK-Kreisverband Mannheim e.V.-Facebook-Seite

Das Deutsche Rote Kreuz: Flüchtlinge im Patrick-Henry-Village Heidelberg

 

Bild: Shutterstock

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