Würth schaltet Anzeigen in Spanien

31. Juli 2013 von Nicolas A. Zeitler 0

Foto: Würth

“Viele Spanier sind sehr offen dafür, Deutsch zu lernen und länger hier zu bleiben”, sagt Jürgen Häckel, IT-Leiter bei Würth. (Foto: Würth)

Ein Rekordumsatz von 9,98 Milliarden Euro, aber das Ziel von zehn Milliarden knapp verfehlt: Die Wirtschaftskrise in Südeuropa bremste 2012 das Wachstum beim Dübel- und Schraubenhändler Würth, der in mehr als 400 Gesellschaften in 80 Ländern mehr als 64.000 Mitarbeiter beschäftigt. IT-Leiter Jürgen Häckel berichtet, warum das Unternehmen von den Problemen in Südeuropa gleichzeitig profitiert.

SAP.info: Herr Häckel, was treibt Sie als IT-Chef von Würth zurzeit am meisten um?

Jürgen Häckel: Uns geht es insgesamt gut, das einzige Problem ist der riesige Fachkräftemangel. Wir werben in der IT zurzeit gezielt Fachkräfte aus dem südeuropäischen Raum an. Das ist ein bisschen wie in den 1950ern, nur dass wir heute hochqualifiziertes Personal suchen. Bei unserem internen IT-Dienstleister Comgroup haben wir letztes Jahr mehr als 20 Leute aus Südeuropa eingestellt. Und wir benötigen noch mehr. Wegen unserer Zentralisierungsvorhaben soll die Comgroup von jetzt 160 auf gut 200 Mitarbeiter aufgestockt werden.

Wie gelingt es Ihnen, junge IT-Fachkräfte aus Spanien nach Künzelsau zu locken?

Häckel: Der IT-Leiter einer unserer Töchter in Spanien hat Anzeigen geschaltet, das hat uns im ersten Schwung gleich vier neue Mitarbeiter gebracht. In Spanien arbeitet in unserem Auftrag auch ein Dienstleister zur Rekrutierung von Mitarbeitern. Die Kollegen dort wählen aus den Bewerbern vor Ort immer wieder junge Leute aus, die als Mitarbeiter für uns in Deutschland in Frage kommen. Viele Spanier sind sehr offen dafür, Deutsch zu lernen und länger hier zu bleiben. Bei der hohen Arbeitslosigkeit dort können wir hier wirklich Top-Absolventen aus Spanien bekommen.

Schon Spanier-Stammtische in der Region

Zentralisierung: “Fast alle holen ihre IT zurück”

Zentrales ERP: Tochtergesellschaften nach und nach anbinden

Und die fühlen sich hier auf Dauer wohl?

Häckel: Eine Kollegin aus Malaga hat zu mir gesagt, ihr sei es da unten im Sommer ohnehin zu heiß. Mittlerweile bilden sich in unserer Region schon Spanier-Stammtische. Auch andere Firmen werben ja Fachkräfte von dort an. Die, die hier sind, kommunizieren zu ihren Studienkollegen: Leute, kommt hierher. Neuankömmlinge unterstützen wir mit einem Location Package. Das umfasst Hilfe beim Umzug, Telefon anmelden, bis hin zum Mülleimer besorgen. Sie können sich auch mal ein Auto für die Fahrt zu IKEA ausleihen. Und wir helfen ihnen, eine Perspektive für ihre Familie zu finden. Aus meiner Sicht ist Deutschland und auch unsere Region für Spanier hoch attraktiv. Der deutsche IT-Nachwuchs dagegen will nach Berlin oder München, da muss alles hip sein. Das passt oft nicht so zu unserer Mittelstandskultur.

Was beschäftigt die Würth-IT außerdem? Als Unternehmen mit 30.000 Verkäufern im Außendienst spielt Mobility eine große Rolle. Wie treiben Sie das Thema voran?

Häckel: Für das iPad gibt es eine erste Applikation, die den Verkaufsprozess unterstützt. Sie wurde nicht IT-getrieben entwickelt sondern kommunikationsgetrieben. Das heißt, sie ist so aufgesetzt, dass sie sich nicht an Einzelprodukten orientiert sondern an den Themengebieten, die der Verkäufer vor Ort im Gespräch mit dem Kunden durchläuft. Die App testen wir gerade. Offen ist noch, für welche anderen mobilen Betriebssysteme wir die Anwendung anbieten werden. Ich würde mich am liebsten auf eine Plattform festlegen. Öffnet man sich für mehrere, wird der Aufwand für Wartung und Weiterentwicklung schnell sehr groß.

Lesen Sie auf der nächsten Seite: Einheitliche Prozessmodelle für E-Commerce

Sie haben von Zentralisierungsvorhaben gesprochen. Was tut sich in den Strukturen der Würth-IT?

Häckel: Unsere Struktur ist mit 400 Tochtergesellschaften ja sehr dezentral. Gleichzeitig ist gerade eine zentrale IT-Struktur im Entstehen. Das ist zurzeit fast ein Trend. Ich habe mich vor kurzem mit einem Zirkel von CIOs anderer großer Unternehmen aus der Region getroffen. Fast alle holen die IT zurück, zentralisieren ihre SAP-Systeme, bauen Rechenzentren. Was Würth betrifft, brauchen wir zum Beispiel für E-Commerce einheitliche Prozessmodelle. Bei unserer Struktur dauert natürlich eine Zentralisierung sehr lang. Uns spielt allerdings in die Hände, dass viele lokale Gesellschaften mit ihren IT-Strukturen an ihre Grenzen stoßen, von ERP über E-Commerce bis Mobility. Denen machen wir dann ein Angebot und holen sie in die zentralen Strukturen.

Wie weit soll die Zentralisierung gehen?

Häckel: Wir wollen wesentliche Abläufe nur noch an wenigen Orten erledigen lassen, beispielsweise das Erstellen von Rechnungen. Früher hatte die Tochter in China ihr eigenes ERP-System und hat für sich fakturiert. Ziel ist, dass bildlich gesprochen hier in Künzelsau jemand einmal im Monat auf den Knopf drückt und in den USA oder China kommt die Rechnung aus dem Drucker. Man muss bei so etwas natürlich den Gesamtbetrieb rund um die Uhr im Auge haben. Spannend wird es zum Beispiel, wenn man international den Feiertagskalender beachten muss.

Was ist der Zeitplan für die Zentralisierung?

Häckel: Geplant ist, dass bis 2016/2017 alle Prozesse der wichtigsten Gesellschaften zentralisiert sind.

Lesen Sie auf der nächsten Seite: Früher 90 ERP-Systeme, künftig SAP ERP für alle

Sie haben auch die verschiedenen ERP-Systeme angesprochen: Wie sieht die ERP-Landschaft bei Würth aus?

Häckel: Bei vielen lokalen Gesellschaften kommen die ERP-Systeme ans Ende ihres Lebenszyklus. Das ist dann der Punkt, an dem wir sie ins zentrale System einbinden. Durch Zukäufe und das Wachstum der Gruppe hatten wir zeitweise bis zu 90 ERP-Systeme. In der Zentrale sind wir schon lange auf SAP ERP, das wird nach und nach auch bei den Töchtern ausgerollt. So lassen sich viele Prozesse auch in kleine Gesellschaften bringen und die Vernetzung wird einfacher. Für mich ist es wichtig, dass wir uns auf einen großen Anbieter mit Perspektive konzentrieren.

Unlängst wurde bekannt, dass die Konzernführung von sieben auf vier Mitglieder verkleinert wird. Hat das Auswirkungen auf den Status der IT bei Würth?

Häckel: Nein. Was unseren Stand in der Gruppe verändert hat, ist die wachsende Bedeutung des E-Commerce. Das Thema wird jetzt nicht mehr nur in der IT-Ecke gesehen, sondern gewinnt als weiterer Kundenkontaktpunkt an Gewicht – auch, weil die Umsatzanteile stark steigen.

Content-Management-Systeme werden wichtiger

Das sorgt doch bestimmt für Reibereien?

Häckel: Klar. Der Direktvertrieb steckt tief in der Genetik von Würth. Jetzt muss man diesen Kanal mit dem E-Commerce integriert betrachten. Die Rolle des Direktvertriebs verändert sich. Bisher war er stark über die Auftragsgenerierung gesteuert. Heute ist der Vertrieb eher Kundenmanager. IT-seitig steigt die Bedeutung von Content-Management- und Produktinformationssystemen. Das war zu Zeiten reinen Direktvertriebs noch weniger wichtig. Diese Veränderung ist für Würth sehr spannend.

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