Zeit für einen guten Cocktail

Feature | 3. Februar 2003 von admin 0

Wenn Copersucar seine Maschinen anwirft, fließt der Alkohol in Strömen. Mit jährlich 2,4 Milliarden Litern Ethanol deckt der Rohstofflieferant zirka 20 Prozent des brasilianischen Bedarfs ab. Beim Zucker ist die Industrie-Kooperative, die aus 97 Mitgliedsbetrieben besteht, kaum weniger erfolgreich: 3,6 Millionen Tonnen pro Jahr erntet und vertreibt das brasilianische Konsortium. Das entspricht einem Anteil von 19 Prozent am heimischen Markt. Weltweit gehört Copersucar zu den größten privaten Zuckerexporteuren.

Copersucar im Profil

Copersucar im Profil

Brasiliens Top-Rohstoffproduzent und -händler will auch technologisch die Nummer Eins bleiben. “Zucker und Alkohol sind Commodities mit geringen Margen. Wettbewerbsvorteile lassen sich nur erzielen, wenn man seine Supply Chain im Griff hat”, so Maurício de Mauro, der Supply Chain-Spezialist bei Copersucar, der von der Amerikanischen Production and Inventory Control Society (APICS) in den Bereichen Produktions- und Warenbestandssteuerung zertifiziert wurde. Um die Planungsprozesse im Rahmen ihrer Wertschöpfungskette auf Vordermann zu bringen, hat sich die Kooperative für die Einführung des Planungswerkzeugs SAP Advanced Planner and Optimizer (SAP APO) entschieden, eine Schlüsselkomponente innerhalb der Lösung mySAP Supply Chain Management (mySAP SCM).
“Wir haben uns die Wahl nicht leicht gemacht”, erinnert sich de Mauro an das vergangene Jahr. Damals wurde der Bedarf nach einem umfangreichen und flexiblen Tool für die Bedarfs- und Produktionsplanung offensichtlich. Mit bislang genutzten Excel-Tabellen, PC-Datenbanken und eigenentwickelten Mini-Werkzeugen ließen sich die Prozesse entlang der Logistikkette jedenfalls nicht weiter verbessern. Auch die Möglichkeiten des seit 1998 als ERP-Backend genutzten SAP-R/3-Systems würden zukünftig nicht ausreichen, um alle Produktionsstätten, Abfüllanlagen, Verpackungszentren und Distributionsdepots in einen globalen Planungsrahmen zu integrieren. Aber genau diese Anforderung musste erfüllt werden, um eine langfristige Planungssicherheit zu gewährleisten. Es hätte fatale Konsequenzen für Copersucar, wenn es etwa aufgrund von Planungsfehlern zu Lieferengpässen bei wichtigen Kunden kommen würde.
Anhand einer detaillierten Anforderungsliste wurden die Planungswerkzeuge von drei Lösungsanbietern evaluiert, von denen schließlich die SAP das Rennen machte. “Neben den Integrationsmöglichkeiten mit SAP R/3 und der Flexibilität von SAP APO gab das problemlose Zusammenspiel mit den anderen mySAP.com-Lösungen den Ausschlag”, begründet de Mauro das Votum. “Schließlich wollen wir als strategischer SAP-Anwender künftig weitere mySAP-com-Bausteine wie etwa mySAP CRM einsetzen.”

SAP, ein gefragter Partner

SAP liefert aber nicht nur die Software, sondern kommt ebenfalls als Einführungspartner zum Zug. Copersucar ging davon aus, dass die SAP über das umfassendste Know-how zu SAP APO 3.0 verfügt – eine Einschätzung, in der sich de Mauro mittlerweile bestätigt fühlt: “Wir haben sowohl aus der Zentrale in Walldorf, von SAP Brasilien als auch von SAP in Palo Alto hervorragende Unterstützung erhalten. Das hätte ich in dieser Intensität nicht erwartet.”
Klar war den Beteiligten von Beginn an, dass sie sich auf ein hartes Stück Arbeit eingelassen hatten – mit enormen Auswirkungen auf die Copersucar-Planungsprozesse auch über die nahe Zukunft hinaus. De Mauro: “SAP APO ist ja kein transaktionsbasiertes System wie SAP R/3, sondern ein modular aufgebautes Werkzeug, mit dessen Implementierung die Optimierung der Planungsprozesse innerhalb unserer Kooperative eigentlich erst beginnt.” Dabei hat Copersucar eine eindeutige Vorstellung davon entwickelt, welche APO-Komponenten welchen Wert für den Unternehmensverbund haben und deshalb mit Priorität zu implementieren sind. “Man muss sich exakt darauf verständigen, was man wirklich will und anschließend darauf achten, diesen Projekt-Scope nicht aus den Augen zu verlieren”, rät de Mauro allen Nachahmern. Und: “Versichere Dich der Unterstützung des Managements, wenn das Projekt zum Erfolg führen soll.”
Das SAP-APO-Projekt bei Copersucar enthält die Einführung der Bausteine Demand Planing (DP) und Supply Network Planning (SNP) sowie einzelner Funktionalitäten der Komponente Global ATP (Available-To-Promise), mit denen die wichtigsten Planungsprozesse abgebildet werden. Zur Darstellung und Steuerung des Tools dient das so genannte Supply Chain Cockpit. Die Integrationsplattform, auf die SAP APO bei Copersucar aufsetzt, bilden SAP R/3 in der Version 4.6C sowie das SAP Business Information Warehouse (SAP BW). Deutlich ist hierbei die Konzentration auf einen signifikanten Ausschnitt aus dem Spektrum eines umfassenden Supply Chain Managements erkennbar, die kollaborative Szenarien zunächst ausklammert: DP erlaubt die Ausarbeitung von Bedarfsvorhersagen durch Prognoseverfahren und Funktionen zur Absatzplanung. SNP umfasst eine konsistente Methode, auf deren Basis sich taktische Pläne und Bestellentscheidungen erstellen lassen. Mit Hilfe von Global ATP kann eine verfügbare Menge an Produkten abgeprüft werden.
Das Zusammenspiel von DP und SNP ist nach Ansicht de Mauros der wesentliche Value Generator für sein Unternehmen. Innerhalb von DP kombiniert Copersucar Informationen aus der Vergangenheit mit Stammdaten aus SAP R/3 zu Planungsmappen, definiert Prognosemodelle und erstellt Absatzprognosen aufgeteilt nach den Bereichen Handel, Industrie und Export. Unterscheidungen der Prognosen nach Produktfamilie und nach regionaler Kundenverteilung werden regelmäßig herangezogen. Doch erst mit der Integration von SNP lässt sich der Absatzplan in einem komplexen Planungszyklus nacharbeiten und anschließend in konkrete Vorgaben umsetzen. Im Rahmen von SNP wird Copersucars gesamte Planungsstruktur abgebildet – inklusive des Sales and Operations Planning (S&OP) mit einem Planungshorizont von drei Jahren, der Master Production Schedule (MPS, zwei Jahre Planungshorizont) und der jährlichen Crop Planning.

Besonderheiten erfordern Nacharbeiten

Im September 2001 begann die Implementierungsarbeit für das Projektteam, das sich aus zehn Copersucar-Experten sowie zehn Mitarbeitern von SAP zusammensetzte. “Wir haben keinerlei Änderungen in den Prozessen von SAP APO vorgenommen”, berichtet de Mauro. Allerdings mussten einige Ergänzungen programmiert werden, um spezifische Anforderungen abbilden zu können. De Mauro: ” In der Kooperative kommt es schon mal vor, dass der eine oder andere Betrieb aufgrund besonderer Ereignisse oder sich ändernder Bedingungen eine andere Sorte Zucker als üblich produzieren muss; oder die Menge des Alkohols, die ein Betrieb in der Regel liefert, schwankt plötzlich.” Um diese abweichenden Informationen in korrekter Form in SAP APO hochladen zu können, mussten zusätzliche Business Application Programming Interfaces (BAPIs) als Schnittstellen kreiert werden.
“Das hat uns rund einen Monat Verzögerung eingebracht”, schätzt de Mauro, so dass die neuen Planungsmöglichkeiten den derzeit zirka 60 Anwendern erstmalig im Juni dieses Jahres zur Verfügung standen. Der Produktivstart von Phase 1 (DP) erfolgte im Februar, Phase 2 (SNP, ND, ATP und SAP BW) am 7. Mai, wobei noch ein Monat Support notwendig war. Zurzeit wird an der Feinabstimmung des Systems gearbeitet.
Darüber hinaus hat SAP APO “unsere Erwartungen übertroffen”, ist de Mauro begeistert. Das Werkzeug offenbare so viele Möglichkeiten, weshalb das Spektrum der eingesetzten Module künftig sicherlich erweitert werde. “Wir verfolgen konsequent unseren ursprünglich gewählten Ansatz: Das Wichtigste zuerst. Es geht zunächst um die Optimierung der internen Logistikabläufe. In einem weiteren Schritt können wir uns eine unternehmensübergreifende Kooperation in Form gemeinschaftlicher Prozesse inklusive CRM und E-Procurement sowie der Nutzung von Portalen durchaus vorstellen”, so de Mauro weiter.
Doch Vorsicht: “SAP APO ist ein prima Planungswerkzeug; es ist aber kein Informations-Pool und auch keine Lösung zur strategischen Steuerung von Unternehmen”, meint de Mauro. Dessen müsse sich jedes Unternehmen bewusst sein. Und schließlich würde nicht jede installierte APO-Komponente automatisch zur Wertschöpfung im eigenen Unternehmen beitragen. “Deshalb”, so de Mauro: Wählen Sie mit Bedacht, welche Funktionen unbedingt notwendig sind.”
Es kommt also auf die Mischung an – wie bei einer guten Caipirinha.

Stephan Magura

Stephan Magura

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