11.09.2001: Steve mitten im Chaos

Feature | 12. September 2011 von Perry Manross 0

Erinnerungen

11. September 2001 - Zehn Jahre danach (Foto: SAP AG)

„Jeder weiß, was er gerade gemacht hat, als es passierte. Und jeder weiß, wo er gerade war”, sagt Steve. „Ich war nur etwas näher dran.”

An diesem Tag hat er im Namen seines damaligen Arbeitgebers für neun Uhr einen Termin in Turm 1 des World Trade Center mit den Hafenbehörden von New York und New Jersey angesetzt. Beim Sicherheitscheck im Foyer wird noch gerätselt, ob das Treffen wohl in dem großzügig ausgestatteten Konferenzsaal im 90. Stock oder in dem viel bescheideneren Raum im 63. Stock stattfindet. Niemand ahnt zu diesem Zeitpunkt, wie gut die Entscheidung für die kleine Lösung war.

8.46 Uhr: Steve und weitere Teilnehmer breiten gerade ihre Broschüren auf dem Konferenztisch aus, als eine starke Erschütterung ihre Vorbereitungen jäh stoppt. „Es stand außer Frage, dass irgendetwas Großes und Schreckliches passiert sein musste”, erzählt Steve. Die ersten 15 Sekunden sind die schlimmsten. „Ich dachte, das Gebäude würde jetzt gleich einstürzen. Man konnte sich einfach nur an seinem Stuhl festhalten. Das war alles, was man tun konnte. Mir ging durch den Kopf: Es ist ein Dienstagmorgen, und so möchte ich eigentlich nicht aus dem Leben scheiden.”

Nichts wie raus hier

Dann lässt das Beben nach. Steve und die anderen auf der Etage stürzen sofort zum Treppenhaus. Keiner weiß, was passiert ist, aber jedem ist klar, dass er so schnell wie möglich aus dem Gebäude muss. „Von da ab war es einfach eine Art Übung zu sehen, wie schnell wir die 63 Stockwerke nach unten schaffen würden”, erzählt er.

In etwas über drei Minuten hat es Steve bis zum 37. Stockwerk geschafft. Der Strom an fliehenden Menschen nimmt zu, der Pulk kommt nur sehr langsam voran. „Jeder, der mal auf einer Großveranstaltung in einem Stadion war, kennt das”, beschreibt Steve. „Man schiebt sich einfach im Schneckentempo nach unten.” Obwohl die Menschen Angst hatten, gab es keine Panik, erinnert sich Steve, und den meisten gelang es, sich zusammenzureißen. „Jeder war sehr diszipliniert und die Leute versuchten, sich gegenseitig zu helfen.”

Pro Etage brauchen die Fliehenden etwas mehr als eine Minute. Jeder grübelt, was passiert sein könnte. Viele erinnern sich an die Bilder des Bombenanschlags auf das World Trade Center im Jahr 1993 und fragen sich, ob dies ein erneutes Attentat war.

Manche haben einen schnellen Blick aus dem Fenster gewagt, bevor sie zum Treppenhaus gegangen sind. Sie sehen Trümmer herunterfallen. „Wir versuchten uns einfach einen Reim darauf zu machen”, sagt Steve. Dann macht die Nachricht die Runde, dass ein Flugzeug ins Gebäude gerast sei – American-Airlines-Flug Nr. 11. Ein Mann in der Menge hat die Meldung auf seinem Blackberry empfangen. „Auch das ergab für uns keinen Sinn”, erzählt Steve. „Denn es war ein vollkommen klarer Tag.”

Steve nutzt den langsamen Abstieg für einen Anruf zu Hause. Er hinterlässt seiner Frau auf dem Anrufbeantworter eine Nachricht, dass er im World Trade Center sei und es eine Explosion gegeben habe, er aber im Treppenhaus auf dem Weg nach unten sei. „Der Anruf fiel mir schwer”, sagt er, „schließlich war es alles andere als sicher, dass ich rauskommen würde.”

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Steve's visitor badge for Tower 1 of WTC, dated 09/11/01 (photo: Steve Peck)

Die Besucherkarte von Steve, ausgestellt am 9. September (Foto: Steve Peck)

Left: Towers 1 and 2 of the WTC. Right: Tower 1 of new WTC complex, currently under construction.

Türme 1 und 2 (links). Turm 1 des neuen WTC-Komplexes, im Bau.

Schock in Stockwerk 28

9.03 Uhr: Steve befindet sich gerade im 28. Stock, als eine erneute Erschütterung das Gebäude erzittern lässt. „Sie war zwar nicht so stark wie beim ersten Mal, aber ganz deutlich zu spüren”, sagt er. Kurz danach wird die zweite Blackberry-Nachricht verbreitet. Turm 2 ist ebenfalls von einem Flugzeug getroffen worden – United-Airlines-Flug Nr. 175. „Das änderte die Stimmung entscheidend”, erzählt Steve. „Denn den meisten war nun klar, dass es sich hier um einen koordinierten Anschlag handelte – und wir fühlten uns schutzlos ausgeliefert.”

Dennoch bleibt die Menge ruhig. „Das Licht brannte noch, wir wussten, dass der Einschlag über uns lag, und niemand ging davon aus, dass das Gebäude über uns zusammenbrechen würde”, sagt Steve. „Deshalb konzentrierten wir uns einfach darauf, langsam aber sicher das Erdgeschoss des Treppenhauses zu erreichen.”

Im 20. Stock trifft Steve auf Gesichter, die sich für immer in sein Gedächtnis eingebrannt haben. Feuerwehrmänner von Rescue One – die ersten Nothelfer für größere Katastrophen in New York – hasten die Treppen hoch, um den Eingeschlossenen in den oberen Etagen zu helfen.

Steve erinnert sich besonders an fünf Mitglieder der Feuerwehr der Stadt New York. Beladen mit über 30 Kilo Ausrüstung schiebt sich die kleine Gruppe die Stufen hoch. Sie berichten, dass – abgesehen von einem geringen Wassereinbruch im 7. Stock – der Weg bis zur Lobby passierbar ist. „Ich kann gar nicht sagen, was für eine Erleichterung es war zu hören, dass zwischen uns und dem rettenden Ausgang nur noch wenige Minuten lagen”, so Steve.

Kein Weg zurück

Eine kurzer Informationsaustausch und gute Wünsche – dann sind die Feuerwehrleute auch schon wieder verschwunden. Alle sehen ihnen nach. „Man konnte ihren Augen ablesen, dass sie wussten, wie gefährlich die Situation wirklich war”, sagt Steve. „Trotzdem gingen sie weiter. Während wir alles taten, um nach unten zu gelangen, versuchten sie alles, um nach oben zu kommen.”

Wie Steve später feststellt, wird die Truppe von einem jungen Hauptmann namens Terry Hatton angeführt. Das Ende des Zuges bildet der 63jährige Joseph Angelini. Insgesamt sind elf Feuerwehrmänner von Rescue One im World Trade Center im Einsatz – keiner von ihnen sollte diesen Tag überleben.

9.30 Uhr: Fast 45 Minuten nach dem Einschlag des ersten Flugzeugs erreichen Steve und ein Kollege die Lobby. Es war ein bewegender Moment. „Ich kann nicht beschreiben, wie schön es war, die Sonne zu sehen und frische Luft zu atmen”, erinnert er sich.

Doch auch vor dem Gebäude ist die Katastrophe allgegenwärtig. Sirenen heulen, überall hört man lautes Krachen, viele Fensterscheiben sind geborsten. Kerosin ist aus dem Flugzeugwrack ausgelaufen, durch die Fahrstuhlschächte nach unten gelangt und hat einen leuchtenden Feuerball entfacht.

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Auch die Feuerwehrleute hatten Kinder. Sie opferten ihr Leben, damit ich an diesem Abend nach Hause kommen und meine Kinder in die Arme nehmen konnte." Die Familie Peck in der Nacht vom 9. September: Die Tochter Morgan (links), Steve, die Frau Tricia und der Sohn Noah

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Die Familie 10 Jahre später: Morgan, Steve, Tricia und Noah

„Drück’ die Kinder von mir”

Steve und sein damaliger Kollege John Sindel (heute ebenfalls SAP-Mitarbeiter) wollen in der Lobby auf weitere Flüchtende warten. Aber die Polizisten weisen sie an, das Gebäude sofort zu verlassen. Rettungskräfte leiten sie zur Rolltreppe nach unten und durch das Einkaufszentrum im Untergeschoss. Alle 10 bis 30 Meter weist ein Polizist oder ein Feuerwehrmann ihnen den Weg aus den Trümmern, Gesteinsbrocken krachen um sie herum zu Boden. Steve hinterlässt seiner Frau schnell eine weitere Nachricht, dass er jetzt auf dem Weg aus dem Gebäude sei. „Drück’ die Kinder von mir”, spricht er aufs Band.

Steve und John gehen zur St Paul’s Chapel direkt gegenüber des World Trade Center. Hier sehen sie zum ersten Mal nach oben und entdecken das ganze Ausmaß der Zerstörung, die über ihnen stattgefunden hat. „Es war einfach unglaublich: Die tiefen Krater in den Gebäuden, die dicken Rauchwolken. Es waren die Bilder, die wir alle gesehen haben.”

Steves erster Gedanke ist es zu helfen. „Aber man konnte nichts tun – es herrschte überall das nackte Chaos”, sagt er. Er und John kommen zu dem Schluss, dass es das wohl Beste sei, die City auf dem schnellsten Weg verlassen.

Sie wenden sich auf dem Broadway nach Norden in der Hoffnung, einen Bahnhof zu erreichen. Steve geht an Menschenmengen vorbei, die sich in einer Entfernung von fünf Blocks um das World Trade Center herum versammelt haben. Mit aufgerissenem Mund und voller Entsetzen beobachteten sie das scheinbar Unfassbare. Sie stehen um parkende Taxis herum, aus deren Radios die neuesten Nachrichten plärren. Vor den Telefonzellen haben sich lange Schlangen gebildet.

Dann bemerkt Steve einen Mann, der an seinem Hotdog-Stand Würste brät wie an einem ganz gewöhnlichen Tag. Eine völlig absurde Szene. Steve und John kaufen ein paar Würstchen und sechs Flaschen Wasser. Sie marschieren weiter.

Flucht vor der Wolke

10.00 Uhr: ein kollektiver Schrei aus Tausenden von Kehlen. Turm 2 stürzt in sich zusammen und hinterlässt ein Trümmerfeld, wo einstmals seine stolze Silhouette in den Himmel ragte. Staub und Dreck schleudern durch die Luft. Steve sieht die riesige Wolke auf sich zukommen. John und er rennen um ihr Leben. „Ich dachte nur, je mehr Blocks ich zwischen mir und der Staubwolke bringen kann, desto besser”, erklärt er. „Und ich überlegte, wo ich in Deckung gehe, wenn sie mich einholt.”

Plötzlich sieht Steve ein Taxi mit eingeschaltetem Licht, das demnach frei ist. „Ich fragte: Sehen Sie die Staubwolke? Ich will genau in die andere Richtung.” Während der Fahrt kommen sie am UN-Gebäude vorbei, das gerade evakuiert wird. Das Taxiradio meldet, dass ein Flugzeug ins Pentagon gestürzt sei – American-Airlines-Flug Nr. 77.

Steve und John verlassen das Taxi an einem Vorortbahnhof in Harlem. Sie nehmen einen Zug nach White Plains (New York), dann trennen sich ihre Wege. Steve braucht noch ganze fünf Stunden in einem der letzten Mietwagen, die in der Region noch aufzutreiben waren, um sein Haus in Baltimore zu erreichen.

Auf seinem Nachhauseweg hält er an einem Campingplatz an, um sich zu sammeln. Er setzte sich an einen Picknicktisch und sieht den Urlaubern zu, die vor ihren Campingwagen Kaffee trinken. Einige wissen noch gar nicht, was passiert ist.

Steve versucht sich vorzustellen, wie viele Menschenleben die Anschläge gefordert haben mussten. Ihm geht durch den Kopf, was passiert wäre, wenn die Anschläge eine Stunde später stattgefunden hätten, wenn die Türme voller Menschen gewesen wären. Am meisten muss Steve aber an die Feuerwehrmänner denken. „Meine Kinder waren damals 14 Monate und 3 Jahre alt”, sagt er. „Auch die Feuerwehrleute hatten Kinder. Sie opferten ihr Leben, damit ich an diesem Abend nach Hause kommen und meine Kinder in die Arme nehmen konnte. Und ich bin nur einer von Tausenden, die ihnen ihr Leben zu verdanken haben.”

Was wirklich zählt

American-Airlines-Flug Nr. 11 schlug zwischen dem 93. und 99. Stock in die Nordfassade von Turm 1 ein. Hätte Steves Termin im 90. Stock stattgefunden, wäre die Geschichte für ihn wahrscheinlich ganz anders ausgegangen.

Mit solchen Mutmaßungen hat er sich seitdem nicht allzu oft beschäftigt. Steve sieht die Ereignisse des 11. September als Mahnung, seinen Blick in die Zukunft zu richten. „Dass ich in dem Gebäude war und unversehrt herausgekam, ist ein Geschenk, das ich mit anderen teilen will”, sagte er. „Jeder Tag ist ein Geschenk. Man sollte ihn bewusst leben – mit Freude an allem, was man tut.”

Sein Respekt für Notfallhelfer ist seitdem nur noch gestiegen. Die sichere Evakuierung von 30.000 Menschen schreibt er dem Einsatz und Mut der Feuerwehrmänner und Polizisten zu, von denen viele ihr Leben ließen. Steve erzählt die Geschichte immer wieder, auch seinen Kindern. „Ich denke ziemlich oft an die tapferen Männer, besonders, wenn sich der Tag wieder jährt.”

Und er lässt keine Gelegenheit aus, seine Dankbarkeit zu zeigen. „Wenn Du einen Feuerwehrmann oder einen Polizisten siehst, gib ihm die Hand und bedanke Dich”, sagt er. „Sie mögen dann vielleicht denken, Du bist verrückt, aber mach es trotzdem.” Schon mehrmals, wenn er in New York war, hat er bei der Rescue-One-Feuerwache vorbeigeschaut. Mit Donuts und Kaffee bepackt will er den Feuerwehrmännern dann einfach nur Danke sagen. „Sie waren Helden vor dem 11. September, sie waren es am 11. September, und sie sind immer noch Helden – an jedem Tag der Woche.”

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